Das Dach der (japanischen) Welt.

Was will jeder Japaner einmal im leben tun? Richtig. Den Fuji besteigen. Und wenn man schon mal da ist, will man natürlich auch gleich noch den Sonnenaufgang vom Gipfel des Fuji-san aus geniessen. ("Fuji-yama" nennen ihn übrigens nur die unwissenden. Das hat irgendwer in grauer Vorzeit mal falsch übersetzt und alle haben es nachgeplappert.)
Für uns, ich bin zum Glück nicht allein unterwegs, stellt sich die entscheidende Frage: "Kann man nicht auch abseits all der Sonnenaufgang-Japaner an einem Tag auf den Fuji hinauf und wieder runter steigen?" Es wird wohl auf einen Versuch hinaus laufen...
Gesagt, getan. Der Wetterbericht verspricht für den Sonnabend gutes Wetter am Fuji. (Am Sonnatg soll es gewittern.) Bergsteigertreff soll in Shinjuku, der Station in Tokyo an der sich unsere Wege zum Fuji vereinen, stattfinden. Also bin ich vor dem ersten Zug zum Fuji am Ticketschalter und warte auf Andreas, einen geocaching-Veteran und erfahrenen Wandersmann, mit dem ich schon so einige großartige Touren erleben durfte. Als ich immer länger warte und er auf meine Fragen in Skype nicht antwortet, stelle ich mich schon einmal für Tickets an. Kurz bevor ich an der Reihe bin, ruft mich jemand an. Es ist Andreas, der mir erklärt, dass er ohne mobiles Internet keine Skype- Nachrichten bekommt und gern wüsste ob ich es pünktlich zur Abfahrt schaffe? Gut, dass ich meine Tickets gleich bekomme und wir noch mit dem ersten Zug los kommen.
Nachdem wir pünktlich am Bahnhof von Kawaguchiko ankommen, geht es weiter mit dem Bus zur 5. Station des Fuji. Wir kaufen ein Ticket für Hin- und Rückfahrt. Der Bus ist gut gefüllt für japaniache Verhältnisse. Wir haben Stehplätze. Der Fahrer gibt über Durchsagen nicht nur die nächste Haltestelle bekannt, sondern warnt auch vor Kurven und plötzlichen Änderungen der Fahrtrichtung. Das hält ihn allerdings nicht davon ab zu fahren als ginge es um eine neue Rekordzeit zur 5. Station. Als dann in einer Kurve ein entgegen kommender Rennbus unsere Spur mit benutzt, werden alle auf den Stehplätzen neu durchgemischt.

Bahnstation mit Fuji
An der Busstation

Irgendwie schaffen wir es dann doch ohne Safetycar-Phase zum Ausgangspunkt für 99% der Wanderungen zur Spitze des Fuji. Ab der sogenannten "Fünften Station" geht es endlich ordentlich Berg auf. Bis zur Fünften Station ist der Höhenzuwachs im Verhältnis zur zurückzulegenden Strecke zu Zeitraubend. Da wir uns das Ziel gesetzt haben an einem Tag hinauf und wieder herab zu steigen, kommt uns das sehr entgegen. Viele andere Besucher sehen das auch so. Entsprechend gibt es hier auch genügend Menschen, Toiletten und Verkaufsstände. Wir sind bestens ausgerüstet und gehen gleich zum Aufstieg über. Bevor man uns auf den Berg lässt, müssen wir noch einen Kontrollpunkt passieren. Hier darf jeder eine "freiwillige Spende" von 1000 Yen abgeben und bekommt eine kleine Plakette, sowie die Erlaubnis zu passieren. Ich werde gefragt, ob wir in einer der Hütten auf dem Fuji übernachten werden. Ich verneine und erkläre, dass wir die komplette Strecke an einem Tag absolvieren wollen. Man blickt uns skeptisch an und fragt, ob wir Kopflampen dabei haben. Ich bejahe und wir dürfen endlich los.
Ab jetzt heisst es nur noch Meter machen und zwar Höhenmeter. - Wir wären nicht in Japan, wenn wir nicht alle paar Meter von Hinweisschildern und Warndurchsagen begleitet werden würden. Andreas erinnert mich daran, dass er bis wir oben sind nichts von Höhenmetern wissen will. Das würde unterwegs nur deprimieren. Ich schaue dennoch hin und wieder auf die Schilder und kann nachvollziehen was ihn stört. Zeitangaben bis zum Gipfel wie "noch 360min" machen echt Mut. Andreas weiht mich noch in seinen Zeitplan ein. Pausen zu je 15 min, jede Stunde. Nicht eher und nicht später. Also an die Stöcke, fertig, los.
Die ersten Meter verlaufen recht flach und ich laufe Andreas davon. Das kann so nicht gutgehen, denke ich mir. Andreas weiss ja was er tut. Also passe mich mich seinem Tempo an und teile meine Kraft ein. - So folgen wir der bestens ausgeschilderten Route Stufe für Stufe. Diese bestehen abwechselnd aus Brettern, die Kies und Sand daran hindern weiter nach untern zu wandern und großen Steinen / in das Vulkangestein gehauene Stufen. Das erinnert mich ein wenig an die Sächsische Schweiz, nur ohne Bäume. Der Fuji ist nämlich oberhalb der Fünften Station so gut wie unbewachsen. Von Bäumen keine Spur. Das macht die Wanderung wenig abwechslungsreich. Das einzige was wechelt sind die Gesteinsformen und die über den Berg ziehenden Wolken. Diese weiß ich sehr zu schätzen, da sie Schatten spenden und der Wind angenehm kühlt. Auf dem Weg nach oben lässt man praktischerweise die Temperaturen jenseits der 30°C hinter sich.
Bis zur ersten Rast geht es locker voran. Trotzdem wird vorsorglich viel getrunken und Energie zugeführt. Wir treffen bald auf die ersten Hütten, die sich bis kurz under dem Gipfel wie Perlen an einer Kette am Weg entlang aufreihen. An den Hütten staut es sich leider immer wieder. Viele rasten und erwerben für das dreifache des normalen Preises Getränke und Verpflegung. Auf Toilette gehen kostet 200 Yen. Wasser ist knapp, deswegen gibt es keines zum Hände waschen. Den Weg zur Toilette findet man übrigens ganz einfach. Immer der Nase nach... Nachdem wir uns an ein paar Hütten und ihren geführten Wandergruppen nebst Motivationscoach vorbei schieben könnnen, lichtet sich der Verkehr. Die Gruppen werden auf einer der Hütten bis kurz vor dem Sonnenaufgang nächtigen und dann hoffen, dass sie auf dem vollen Weg nach oben rechtzeitig den Gipfel erreichen.
Alles klar...
Eine der 8. Stationen
Man windet sich Berg auf

Die Luft wird dünner, als wir dem Gipfel näher kommen. Ich merke, dass ich zwischen zwei Sätzen Atempausen machen muss, wenn ich bei gehen spreche. Zum Glück bleiben das die einzigen Nebenwirkungen der Höhe für mich. Trotzdem werden unsere Schritte immer kürzer und es werden Atempausen zwischen den stündlichen Pausen eingelegt. Wenigstens betsteht der Weg jetzt überwiegend aus Schrägen. Stufen werden zur Kraftprobe. Ich sehe Leute auf dem Weg, die nicht so aussehen, als würden sie noch laufen, eher kriechen. Der Wille ist stark, aber... naja. Besonders besorgniserregend erscheint mir ein mittel-kräftiger Herr, mit abwesendem Blick und stark schwankenden Schritten die Stufen herunter gelaufen kommt. Hoffentlich fangen sie ihn an der nächsten Hütte ab...
Die Letzten Meter werden durch ein Tōri angekündigt. Zeit für ein paar Fotos und dann ist es geschafft. \o/ Der Fuji liegt uns zu Füßen. Eines haben alle, die oben ankommen gemeinsam. Sie sehen glücklich und erleichtert aus.
Fast geschafft
Der Weg kurz vorm Ende
Sitzen und was futtern. Was will man mehr?

Ich suche mir etwas zu Essen, Andreas sucht sie sanitären Anlagen auf. Überraschender Weise Gipfeln hier oben auch die Preise. Glatte 300 Yen kostet hier der Gang auf die Schüssel. :) Ich gönne mir ein Schüsselchen Reis für 500 Yen und einen Anstecker mit Fuji-Motiv. Praktischerweise wird gleich noch das Datum eingeprägt. Das ist die 800 Yen wert. Nachdem ich mich gestärkt habe, fordert mein Magen Tribut und gibt mir zu verstehen, dass Bergsteigen und Verdauen zugleich hier oben nicht geht. Zeit die Aussicht zu genießen. Andreas will noch ein paar Gipfel-caches abfischen.
Ganz oben am Kraterrand
Viele Wolken ringsum
Der Krater. In Wirklichkeit fast 400m tief.
Die Buden machen zu, die Neuankömmlinge werden weniger und wer jetzt noch oben bleibt um auf den Sonnenuntergang zu warten hat entweder eine Hütte knapp unterhalb des Gipfels gebucht, eine Lampe für den Rückweg dabei oder ist einfach leichtsinnig. Der Abstieg dauert laut der Ausschilderung drei bis vier Stunden. Das ist bis Sonnenuntergang nicht mehr zu schaffen.
Andreas und ich bereiten uns auf den Abstieg vor. Die Kopflampen werden schon mal angelegt. An uns rennt ein Nicht-Japaner, nur in kurzer Hose und T-Shirt bekleided vorbei. - Der Weg nach unten ist ein anderer als der nach oben. Vorteilhaft ist, dass es keine Stufen gibt. Der Weg verläuft in Serpentinen und besteht aus wechselnd grobem Kies. Man sinkt mit jedem Schritt leicht ein und schont dadurch die Waden. :) Nachteilig macht sich dabei allerdings auch die Tatsache bemerkbar, dass man in Verbindung mit dem vorhandenen Gefälle gern mal weiter rutscht, als man vor hatte. Hier kommen die Stöcke voll zum Einsatz.
Der Fuji wirft seinen Schatten ins Land.

Gar nicht lang nachdem wir unseren Abstieg begonnen haben, werden die Kopflampen nötig. Jetzt kann man auf dem sich unter und über einem entlangschlängelnden Weg all die verlorenen Seelen beobachten, die sich mit ihrem Licht (öfter mal nur ein Handy) der Heimweg beleuchten. Viele sind es nicht. Die Hütten erscheinen ebenfalls wie eine Lichterkette in der Ferne. Während der Pausen bleibt einen Moment Zeit die Lichter der umliegenden Städte und ein Feuerwerk zu bewundern. Während wir laufen schauen wir lieber wo wir hintreten. Immer wieder kommen Steine auf die man tritt ins Rollen.
Auf dem letzten Abschnitt sehen wir eine Prozession aus Lichtern den Berg hinaufsteigen. Der Strom an Menschen will nicht abreißen und ich frage mich wie die alle in die Hütten passen sollen? Andreas rechnet kurz durch und bemerkt, dass die wohl kaum zum Schlafen kommen werden. Der Aufstieg wird bei Nacht und mit all den Menschenmassen lang genug dauern. Zum selber Rechnen: Wir haben hinauf ca. fünf-ein-halb Stunden gebraucht. Unter den oben genannten Bedingungen kann man froh sein, wenn man es in sechs-ein-halb Stunden schafft. Da es bereits nach 21 Uhr ist, bleibt da bis zum Sonnenaufgang nicht mehr viel Zeit. Wir haben das mal ausprobiert. Es wird so gegen halb fünf hell. Aber dazu später mehr...
Nachdem wir uns auf dem letzten Kilometer durch den Strom der entgegenkommenden Lichter gekämpft haben, erreichen wir endlich den Busbahnhof. Unser erster Blick gilt den Fahrplänen. Andreas war der festen Überzeugung, dass 21:40 Uhr der letzte Bus fährt. Der Plan ist anderer Meinung. :( So bleibt uns nur noch das teuerste Fortbewegungsmittel Japans. Andreas winkt ein Taxi herbei. "Zu zweit wird es schon gehen." Momentan bin ich zu erschöpft um darüber nach zu denken wie lang der Bus von der Bahnstation aus unterwegs war und freue mich darauf einfach nur mal sitzen und ausruhen zu können. Für jeden von uns sind am Ende 6000 Yen fällig.
Der Fahrer tritt ordentlich drauf. Das in den Asphalt eingefräste Abschiedslied wird von den Reifen im Schnellvorlauf abgespielt und so sind wir bald am Bahnhof. Hier fährt tatsächlich noch der letzte Zug nach Ōtsuki. :) Ernüchterung tritt ein, als ich in meiner Fahrplan-app sehe, dass der Anschluss nach Tokyo in Ōtsuki schon sieben Minuten vor unserer Ankunft dort abfährt. (Das ist ebenfalls der letzte Zug.) Als ich den Schaffner frage, ob die keinen Anschluss hinbekommen oder der Zug nach Tokyo nicht warten kann, stoße ich nur auf (höfliche) Unverständnis. Toll, wie das hier läuft. Einer der wenigen enttäuschenden Momente in meiner japanischen Bahnfahrhistorie.
So finden wir uns gegen 23 Uhr in Ōtsuki ohne Anschlusszug wieder. Die Hoffnung, dass der Anschlusszug sich bei seiner Abfahrt verspätet blieb ein Wunschtraum. Der nächste Zug nach Tokyo geht kurz nach 5 Uhr. - Also auf zum nächsten (und einzigen) Hotel. Die Dame am Empfang informiert uns nur in aller kürze, dass sie ausgebucht sind. In einer Ecke des Eingangsbereiches entdecke ich einen Schirmständer, der voller Wanderstöcke steht. Alles klar.
So finden wir uns erst einmal in der Hotelkneipe wieder. Es gibt leider keine Snacks mehr, nur noch Getränke. Andreas schafft 4 Bier und ich zwei Drinks, bevor man uns einen Zettel mit der Aufschrift "12:30 close" unter die Nase hält. - Also sind wir kurze Zeit später wieder obdachlos. Auf seinem GPS findet Andreas 2 Parks und einen Spielplatz. Am Bahnhof gab es auch Bänke, aber unter den Blicken der Taxifahrer wollten wir uns nicht zur Ruhe betten. Da der Spielplatz direkt neben einer Polizeistation liegt, fällt der flach. Der erste Park ist nicht groß, aber es gibt einen Tempel und er liegt etwas abseits der Wohnhäuser. Also los. Ich fühle mich als könnte ich sowieso überall schlafen.
Zu unserem Glück bietet der Tempel alles was wir brauchen. Es gibt Holzbänke, keine direkten Anwohner und keine Beleuchtung. Bei einem letzten Sake, der eigentlich für den Gipfel bestimmt war, machen wir es uns im Licht unserer Kopflampen auf den Bänken so bequem wie es eben geht. Zum Glück habe ich ein Handtuch als Kopfkissen und ein paar dickere Sachen dabei. Der Wecker wird auf halb fünf gestellt und so geht ein langer Tag zu Ende...
Pünktlich zum Sonnenaufgang, noch vor dem Wecker, werden wir vom Lärm der Vögel geweckt. Das hat man nun von seiner naturnahen Lage. :( Der weitere Weg verläuft ohne Katastrophen und wir finden müde und erschöpft in unsere Unterkünfte.
Bleibt nur noch das Fazit: Ja, man kann an einem Tag auf den Fuji steigen und wieder herunter finden. Man sollte sich allerdings nicht all zu viel Zeit auf dem Gipfel lassen, wenn man noch bis nach Tokyo zurück will. Aber das ist auch irgendwie doof. Man will ja was von seiner Anstrengung haben und die Aussicht genießen. Also lieber gleich ein Hotel / eine Bank im Umkreis reservieren. ;)