Pilgern im Sommer?

Ich bin nun zwei Wochen hier und frage mich ob ich jetzt wirklich wie geplant nach Shikoku fahren und den Pilgerweg laufen will. Was momentan dagegen spricht ist die Tatsache, dass der japanische Sommer echt heiss ist. Zwar wäre ich auf Shikoku wohl die meisste Zeit in Küstennähe unterwegs und dürfte mit milderem Klima rechnen, aber wenn ich so schaue und sehe, dass es in südlicher Richtung tendenziell wärmer wird... Nee!
Also muss was anderes her. Wo entkommt man dem Japanischen Sommer im Moment am besten? Nach ausgiebiger Recherche bezüglich Wetter, Unterkunftspreisen und Aussicht auf naheliegende Sehenswürdigkeiten fällt meine Wahl auf die Region Nagano. Da gibts Berge, in Matsumoto ein paar nette Sehenswürdigkeiten und: ich kann mir endlich mal das ländliche Japan anschauen. Nichts gegen meine Unterkunft in Tokyo, aber die Stadt mit ihren hitzglühenden Betonschluchten habe ich nach zwei Wochen erst einmal reichlich satt.
Da sitze ich nun in aller Frühe mit meinen zwei schweren Taschen im Schnellzug (kein Shinkansen) nach Matsumoto. Wenigstens muss ich bei der Verbindung nicht umsteigen. Abzüge gibts für den saftigen Preis von 7500 Yen. - Nach fast drei Stunden bin ich am Ziel und ich stelle mich auf einen kleinen Fussmarsch zur Unterkunft ein. Schliesslich soll diese zu Fuss in ca. 15 Minuten erreichbar sein. Mit Koffern wirds wohl 20 dauern, denke ich mir so als ich die Barriere am Bahnsteig passiere. Noch ein Minuspunkt: Ab Matsumoto wird keine IC-Card mehr an den Bahnhöfen anerkannt. Ich muss also wieder jedes mal ein Ticket am Automat kaufen. Gut dass ich am Morgen noch mal 10000 Yen auf meine fast leere Karte geladen habe. :)
Aber es ist nicht immer alles schlecht. Als ich in das Bahnhofgebäude komme, werde ich von einer älteren Dame angesprochen. Sie haelt ein Tablet im Arm und scheint mich mit einem Bild zu vergleichen. Kann es sein dass das mein Gastgeber ist, der meinte dass er es nicht schaffen wird mich am Bahnhof abzuholen? Glück muss man haben. Wie ich erfahre ist mein Host eine Japanerin, 75 Jahre jung und lernt gerade jeden Tag fleißig Englisch. Dass sie mich mit dem Auto chauffiert ist natürlich selbstverstaendlich. Immer wieder sehe ich Japaner, die für ihr alter die erstaunlichsten Dinge tun. Sei es nun den Fuji besteigen oder einfach mal eine neue Sprache lernen. Langsam frage ich mich, ob die hier überhaupt Altersheime haben. Alle total fit. :) So komme ich also bequem zur Unterkunft und muss mir lediglich den Weg zum Bahnhof merken, was aber nicht schwer fällt, da es nur eine Hauptstrasse gibt und wir insgesamt nur drei mal abbiegen. Meine Bahnstation hieß Hotaka, aber die Unterkunft liegt im Örtchen Azumino. Die Orte fliessen hier unmerklich ineinander über und insgemsamt hat das Ganze das Flair einer Kleinstadt. Der Ortskern befindet sich nahe der Bahnstation. Es gibt recht viele Restaurants, ein Touristen- Informationscenter, Schulen und Einkaufsmärkte. Im weiteren Umfeld findet man nur noch Wohnhaeuser und Reisfelder. Jede Menge Reisfelder. Hin und wieder sieht man auch ein paar Gärten wo Gemüse und Wassermelonen angebaut werden. Nachdem ich mich in meiner geräumigen Unterkunft - einer Ferienwohnung mit zwei Betten, Kochecke, dem obligatorischen Miniaturbad und Fernseher - eingerichtet habe, geht es erst einmal zum Wocheneinkauf. Ich habe Glück, denn als ich mit meinem leeren Rucksack vor dem Haus stehe, kommt gerade ein Nachbar aus dem Wohnblock und bietet mir an, mich ein Stück mit zu nehmen. Da er am Supermarkt vorbei fährt, komme ich zum zweiten mal an diesem Tag schnell und einfach von A nach B. Der nette Herr ist ebenfalls ueber 70 und zeigt mir gleich noch ein paar andere "Sehenswürdigkeiten" des Ortes während wir sie passierern. Nach meinem Einkauf wird er mich zufällig auf halber Strecke wieder aufgabeln, worüber ich mit meinem Rucksack voller Einkäufe nicht böse bin. Auf dem Land hilft man sich offenbar wo es nur geht. :)
Am Abend drehe ich noch eine Runde durch den Ort. Das heisst ich schaue mir den Part mit den Feldern an. Der Reis steht bis zum Horizont. Die Felder sind immer wieder von Gräben unterbrochen in denen stetig Wasser fliesst. Hier und da werden gerade die Felder mit frischem Wasser geflutet. Eingerahmt wird die Aussicht ringsum von Bergen die bis in die Wolken reichen. Hier gibt es eine Menge zu wandern. :)
Nicht nur Reis steht gern im Wasser. Ebenfalls freuen sich über die stehenden Gewasser Mücken und Frösche. Weiter oben in der Nahrungskette lauern dann Spinnen, Schwalben und Reiher. Ich sehe zu dass ich vor Einbruch der Dunkelheit in meine Unterkunft komme. Andernfalls fressen mich die Mücken gleich ganz. Von Spinnen, die ihre Netze des Abends an den unmöglichsten stellen aufspannen ganz zu schweigen...

Suchbild mit Frosch
Reis-Berge

Noch eine recht gewöhnungsbedürftige Eigenheit des Ortes sind die Lautsprecher, die überall im Ort verteilt aufgestellt sind und mindestens zwei mal am Tag (nämlich immer 6 Uhr) eine Melodie abspielen. Ich wusste ja schon, dass sich auf dem Lande alles zwischen 6 Uhr morgens und 6 Uhr abends abspielt, aber dass ich jeden Morgen zeitig geweckt werde war nicht geplant. Ich nehme an, dass es sich dabei um einen Service der Stadt handelt, damit der fleissige Reisbauer nicht vergisst Feierabend zu machen oder verschläft. Im Katastrophenfall werden da bestimmt auch andere Töne abgespielt.
Wie in den Alpen