Auf der Spur der Bären

Endlich soll es in die Berge gehen. Zum Einstieg habe ich eine bei den Japanern beliebte Tour gewählt die ohne Steigungen auskommt. Dank der ausführlichen Informationen, die ich in der Tourist-Info in Hotaka (auf Englisch) bekommen habe, ist die Anreise mit den öffentlichen bis zum Startpunkt der Wanderung keine große Sache. Mit dem Zug geht es nach Shinshimashima (kein Tippfehler) und dann mit dem Bus über Serpentinen hinauf nach Kamikochi.
Schon im Zug fällt mir auf, dass ich etwas vergessen habe was der Japaner hier in den Bergen immer dabei hat. Sein Glöckchen am Rucksack. Sehr deutlich wird mir mein Versäumnis aufgezeigt als eine Horde Grundschüler in den Regionalzug steigt. Jeder hat eine gut hörbare Glocke am Ranzen. Da die Kinder ständig in Bewegung sind, ist die Geräuschkulisse vergleichbar mit dem Almauftrieb in der Schweiz - nur dass nicht gemuht, sondern munter geplappert wird - und eben geklingelt. Ich frage meinen Sitznachbarn (einen japanischen Wandersmann) wieso jedes Kind eine Glocke mitführt? Er meint, dass hier in der Gegend hin und wieder ein Bär aus den Bergen herunter kommen kann. An Tagen mit schlechtem Wetter oder in der Dämmerung kann das schon mal passieren. Ok, Schüler sind eben auch bei jedem Wetter und recht früh unterwegs...
Die Glocke soll den Bären, der das Flachland erkundet nun nicht vertreiben oder gar anlocken. Der Sinn in dem Glöckchen besteht darin, dass der Bär rechtzeitig hört, wenn sich Personen nähern. Ein Überraschter Bär ist offenbar gefährlicher als ein vorgewarnter Bär. Beim Wandern macht man es eben andersherum. Der geneigte Wandersmann dringt in die Heimat der Bären ein und warnt diese vor. Da ich noch nirgends von gefressenen Japanern gehört habe, scheint das System zu funktionieren. Später treffe ich noch auf Schilder am Wegesrand, die Auskunft geben wo, wann und bei welchem Wetter Bären in der Region gesichtet worden sind - und dass man bei einer Begegnung bitte nicht erst Fotos machen soll. Wer mag schon gern ohne Vorwarnung fotografiert werden. Verständlich, dass es da tote geben kann.
Nach einer Kurvenreichen Fahrt an mehreren Staudämmen vorbei in höhere Gefilde, komme ich an einer Busstation an. Hier gibt es neben ausreichend Souvenierläden auch noch einen großen Zeltplatz und ein Hotel. Kamikochi ist beliebt und touristisch bestens erschlossen. Aber ich bin zum Wandern hier und will wehen was dran ist am Hype.

Die Berge locken bereits
Dieses Blau...

Gleich hinter der Rastanlage geht es ins Dickicht. Die Wege sind bestens ausgebaut und man braucht sich keine Sorgen zu machen sich zu verlaufen. Die Vegetatoin ist trotz der 2600m noch immer recht üppig. Eine tolle Sache nach dem kahlen Fuji. Das Unterholz beherrscht eine kleinere Bambusart. Ich würde bis Zum Oberkörper darin verschwinden, so hoch steht es. Als erstes erreiche ich den kristallklaren Fluss, der sich durch das Tal, das das Wandergebiet ausmacht, schlängelt. Zu beiden Seiten steigen die Berge steil an und ich kann dank des schönen Wetters bis zu den Gipfeln blicken. Viele Fotos werden geschossen und ich frage mich, ob das fast schon unnatürlich blaue Wasser des Flusses vielleicht irgendwo nachgefärbt wird...
Unberührt, weil unbetretbar. Sumpflandschaft

Als erstes will ich mir den Berühmten Taishoike-See anschauen. Dieser entstand durch einen Erdrutsch, den der Vulkan Yakedake 1915 auslöste. Das Wasser des Azusa-Flusses wurde angestaut und fertig. Mittlerweile setzt sich der See immer mehr mit Sediment, welches aus den Bergen eingetragen wird zu. Da heisst es hinfahren und besichtigen, so lange es noch ein See ist... Der plötzlich gebildete See hat im Waldbestand natürlich auch einige Opfer gefordert. Man erkennt diese auch heute noch, wenn auch nicht mehr so zahlreich. Die Rede ist von Bäumen, die mit dem Wasserüberangebot nicht klar kamen. Früher stand der gesamte See voller toter Stämme. Ein paar der standfesteren stehen noch immer und verbreiten im generell recht sumpfigen Umland des Sees eine ganz eigene Stimmung. Je näher ich dem See komme um so öfter führt der Weg über schmale Holzstege. Man will ja nicht einsinken. Immer wieder überquere ich flache Bachläufe, dort wo sich das Wasser an der Oberfläche seinen Weg bahnt. Im klaren Wasser geniessen junge Forellen die Sonne und eine Entenfamilie dreht ihre Runden. Natur pur, zum Glück ohne Mücken. Bisher allerdings auch keine Anzeichen von Bären. Als ich den eigentlichen See erreiche heisst es erst einmal Eintritt zahlen. Ein Tempel samt Rastplatz hat sich hier angesiedelt. Man kann in diversen Hütten Essen kaufen und die Toiletten besuchen. So viel zur unberührten Natur. Der Japaner mags eben immer mit Toilette und Imbissmöglichkeit vor Ort. Ich habe alles dabei und freue mich, dass die Toilettenbenutzung nichts kostet. :) Nach der Kasse ist es nicht mehr weit bis zum See. Hier haben mehr von den abgestorbenen Bäumen als am Fluss die Zeit überdauert. Die Japaner fotografieren was das Zeug hält.
Jeder hat seine Spur
Baumfriedhof

Nachdem ich also den wichtigsten Teil der Wanderung als erstes abgehakt und noch eine Menge Zeit habe bis der letzte Bus zurück in die Zivilisation fährt, wandere ich das Tal also in der entgegengesetzten Richtung ebenfalls ab. Der Taishoike-See begrentz sozusagen das Wandergebiet an einem Ende. In der anderen Richtung wartet noch ein künstlich angestauter See, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe. Das soll also mein nächstes Ziel sein.
Um dort hin zu gelangen stehen mir beide Flussufer des Azusa-Flusses zur Verfügung. Also laufe ich so, dass ich so wenig Strecke wir möglich doppelt laufe. Je weiter ich mich von Taishoike-See entferne, desto "unsumpfiger" wird die Landschaft. Ich durschreite wieder den Wald mit dem Bambus-Unterholz. Auf meinem Weg werde ich immer wieder auf englisch gegrüßt. Meisstens von Schülern, die hier in kleinen Gruppen unterwegs sind und mit Klemmbrett und Stift heute wohl einen Unterrichtstag im freien genießen können. Auch ausgewachsene Japaner sprechen mich an. Wir wechseln ein paar Worte, ich verstehe so dies und das und am Ende steht fest, dass dies eine schöne Wanderregion ist, aber Deutschland auch schöne Berge hat.
Als ich so vor mich hin wandere und meinen Blick schweifen lasse, sehe ich im Augenwinkel etwas braunes neben einem Baum nahe des Weges im Unterholz verschwinden. Ich bin mir bezüglich der größe der japanischen Bären nicht sicher und nähere mich ohne den Blick von besagter Stelle abzuwenden. Noch bevor ich mich entgegenkommenden Wanderern verständlich machen kann, erschrecken diese ebenfalls als das braune Ungetüm das Unterholz verlässt um den Weg zu überqueren. Sofort ist klar: es ist kein Bär. Dass es hier auch Affen gibt hatte ich völlig vergessen. Erleichtert krame ich nach meiner Kamera. Die Affenmutter samt Kind ist nicht an uns interessiert und wechselt wohl nur gerade den Baum. Mir gelingt es noch schnell ein Foto zu schiessen und schon ist der Spuk vorbei.
Familienausflug

Auch auf der restlichen Wanderung begegne ich keinem Bären. Nur hin und wieder sehe ich Schilder auf denen handschriftlich die letzte Sichtung mit Datum, Ort und Wetter notiert wurde. Offenbar wissen die Bären bescheid wann hier am meissten los ist. Laut den Eintragungen kommen sie nur wenn schlechtes Wetter ist so weit ins Tal. Da ist die Japanerdichte geringer. So geht ein weiterer Wandertag ohne Bären zu Ende. Vielleicht auch besser so. Der Bär würde sich sicher fürchterlich erschrecken angesichts eines so großen Touristen ohne Glöckchen.