Berg ohne Namen

Meine zweite Tour in die Berge beginnt sehr früh. Die Nette Dame in der Touristinfo hatte mich eindringlich darauf hingewiesen, dass der Berg eigentlich kein Ziel für eine Eintagestour sei. Das bedeutet in meinem Fall: den ersten Bus nehmen, ankommen, Berg besteigen, wieder runter, letzten Bus zurück nehmen, freuen. Da ich in Sachen Buszeiten mittlerweile sensibilisiert bin, stehe ich rechtzeitig auf - kurz nach vier Uhr. Man muss es positiv sehen. Immerhin werde ich heute nicht durch das Gedudel der Lautsprecher draußen geweckt. :)
Kurz vor fünf bin ich am Busplatz vor dem Bahnhof. Man merkt, das Sonnabend ist. Die ersten Japaner sind auch schon da. Als Wanderer ganz einfach zu erkennen an ihrer Komplettausrüstung. Es sind einige Familien mit Kindern unterwegs. Die werden wohl nicht an einem Tag hoch und runter Wandern. Noch ist kein Bus in Sicht. Da kann ich erst einmal frühstücken. Die Kinder Sammeln derweil Frösche und die Eltern stehen schon mal an. Als die Zeit ran ist, dass der Bus kommt, ist die Schlange schon recht lang. Ich stelle mich lieber mit an. Als der Bus da ist, muss ich an den Fuji denken. In der kleinen Kiste bekommste niemals nen Sitzplatz bei all den Leuten, denke ich mir. Über eine Stunde stehen und der nächste Bus erst in zwei Stunden... Ich ziehe bereits in Betracht einfach wieder Heim zu laufen und auszuschlafen, als der nächste Bus anrollt. Die Wanderlinie wird von Charterbussen je nach Bedarf bedient. Sehr schön. Da ich an einer der ersten Stationen zugestiegen bin, bekomme ich auch meinen Sitzplatz. Bis zum Ziel werden beide Busse voll.
Angekommen an der Zielstation Hayabusa Onsen (Onsen: Badehäuser die das Wasser heisser Quellen nutzen) ist auch meine Verdauung aufgewacht. Aber an japanischen Wanderwegen gibt es immer auch Toiletten. No Problemo also. Ich stelle meinen Rucksack ab und betrete die Bedürfnisanstalt. Da ich nicht der einzige bin, muss ich warten bis eine der Kabinen frei wird. Als sich die erste Tür öffnet, sehe ich nur die Hocktoilette und überlasse diese gern dem Nächsten. Ich warte also auf Tür Nummer zwei. Ist ja nichts ungewöhnliches, dass eine der Kabinen eine traditionelle Schüssel bietet. Hinter Tor zwei wartet allerdings auch der Zonk. Ich gehe davon aus, dass Tor drei auch keine Besserung bringt und trete ein. So sollte das also der Tag sein... Ich gehe hier nicht weiter ins Detail. So viel sei gesagt: Es ging alles schön aufs Schneewittchen. Keine Katastrophe.

Alles klar
Man windet sich hinauf
Erleichtert trete ich an den nächsten Wegweiser und lese nur japanische Schriftzeichen. Da ich den Rucksack eben erst angeschnallt habe und die Karte natürlich in der Tasche ganz hinten steckt, beschließe ich einfach dem Weg zu folgen, den alle nehmen. Wird so früh am Morgen schon keiner nach Hause laufen... Bald beginnt der Weg steiler zu werden. Es geht nach oben. Abzweigungen sind keine in Sicht. Bestens. Vom Feeling her kann man den Weg nicht mit Kamikochi vergleichen. Hier sind die Stöcke gefragt. Festgetretene Erde und Steine wechseln sich ab. Üppige Vegetation begrenzt den nicht sehr breiten Weg. Diese mutet eher tropisch an, als für Höhe üblicher Kiefernwald und irgendwer hat die Heizung an gelassen! Ich trage schon kurze Hosen und T-Shirt, aber trotzdem rinnt der Schweiss. Die Japaner in ihrer langärmlichen Kluft bleiben scheinbar cool. So steige ich lieber stetig, damit mich wenigstens der Fahrtwind kühlt. Immer wieder machen mir Japaner Platz und lassen mich vor. Offenbar fühlen sie sich nicht wohl mit dem großen Ausländer im Nacken. Dadurch werde ich nicht gerade langsamer. Ich freue mich über die erste Pause nach einer Stunde. Der Fächer ist im Dauereinsatz. Nun können mich alle wieder überholen und das Spiel mit dem Vorbeilassen beginnt bald von Neuem.
Nach der Hälfte der Strecke zur Spitze des Namenlosen Berges treffe ich - wie sollte es anders sein - auf eine Verpflegungsstelle. Hier kann man eine Scheibe Melone für schlappe 800 Yen erwerben. Da ist eine Melone nach zwei Stücken bezahlt... Heraufgeschafft werden die Waren hier von einer Seilbahn. Ich kaufe nichts und gehe gleich weiter und verspreche mir ein wenig Entspannung, weil die meissten Japaner rasten.
Tatsächlich wird es ruhiger - und kühler. Schön. Nach einer Weile werde ich zur Abwechslung überholt. Die Gruppe Jugendlicher schaut aus wie eine Art Wanderklub. Alle tragen die gleichen Outfits und sie sind recht schnell unterwegs. Der Gegenverkehr nimmt zu. Ich komme dem Gipfel näher. Jetzt beginnt die Phase des Grüßens, des Wartens und des sich Bedanken bzw. Entschuldigens. Das läuft immer gleich ab: Wanderer grüßen sich, wenn sie sich entgegenkommen. An Engstellen oder wenn jemand der Meinung ist, dass er langsamer ist wird gewartet und dann gebeten doch vorbei zu gehen. Der vorbeigelassene bedankt sich artig. Ich mache natürlich mit. Entschuldigt wird sich gelegentlich auch, wenn man der Meinung ist, dass man andere warten lässt während man durchgelassen wird. Sehr lehrreich, so eine Wanderung. Am Ende des Tages werde ich mehrere hunderte Male Gegrüßt und mehrere Dutzend Male Leute vorbei gebeten oder mich entschuldigt haben. Japan pur.
Endlich lichtet sich das Blattwerk und die Anstiege haben ein Ende. Ich erreiche das Tagesziel der meissten Japaner, ein Hotel nebst Zeltplatz auf dem Bergkamm. Irgendwie bin ich ein wenig platt. Aber jetzt rasten wäre keine gute Idee. Über den Kamm bläßt ein kühler Wind. In meinem tropisch feuchtem Outfit hole ich mir da sofort was weg. Also immer schön in Bewegung bleiben. Der Bergkamm bietet sich da an. Wenig Steigung und traumhafte Ausblicke - zumindest in einer Richtung. Die andere Seite schiebt gerade frische Wolken herauf.
Gespalten
Kann ich bis Hotaka schauen?
Über den Wolken...
Als ich den nächsten Gipfel erreiche bin ich gut abgetrocknet und freue mich über eine Pause. Die Felsen hier bestehen wie als vielen kleinen Kieseln, die man auch leicht herauslösen kann. Sie bieten guten Halt für die Füße, aber mit der Hose groß Herumrutschen erscheint mir keine gute Idee. Aber ein wenig in der Sonne sitzen und bei einem Snack die Aussicht genießen ist drin. Das obligatorische Gipfelfoto schießt ein freundlicher Japaner für mich. Ich habe mich natürlich revanchiert. Nun fehlt auf seinem Gipfelfoto wenigstens niemand.
Diese Weite!
Da fühle ich mich ganz klein
Suchbild

Noch ein paar kleinere Gipfel. Der linke hieß irgendwas mit Brille. Wenn man das weiss, sieht man auch wieso. Der auf dem rechten Bild erinnert mich an ein Gesicht im Profil. Zur Verdeutlichung: der Vogel sitzt auf der Nase. Vielleicht hat aber auch die dünne Luft schuld, dass ich schon Dinge sehe.
Drauf Klettern war verboten
Piep! Piep!
Leider muss ich immer wieder auf die Zeit achten. Ich habe auf dem Weg nach oben fast vier Stunden gebraucht. Runter wird schneller gehen, 15:55 Uhr fährt der letzte Bus. Da es halb zwölf ist, muss ich leider bald wieder los... Hilft ja nichts. Also geht es den gesamten Weg nun wieder retour. Bald treffe ich auf eine der Familien von der Busstation. Wie ich die wiedererkannt habe? Gar nicht, ich wurde angesprochen. Wir plaudern kurz und ich verstehe einen der Sätze nicht. Im weitergehen fällt mir auf, dass er vielleicht von einem geo-cache gesprochen hat? An sowas habe ich bei dem Gipfel dessen Namen ich noch immer nicht weiss gar nicht gedacht. Schande.
Auf dem Weg nach unten begegegne ich noch ein paar Gruppen, die mit ihrer schieren Größe den Weg kurzfristig zu einer Einbahnstraße machen. Das führt natürlich zu ausufernden Entschuldigungswellen und Beschwichtigungen meinerseits, dass das nicht schlimm sei. Die Guides des Gruppen kommunizieren sogar über Funk, damit immer mal eine Lücke für Leute wie mich gemacht wird. Bergwandern ist in Japan wahrlich ein ernst zu nehmendes Unterfangen (Geschäft).
Schon bald geht mir das nach unten gestolpere von Stein zu Stein gewaltig auf die Nerven (und die Waden). Die Stufen in Übergröße waren auf dem Weg nach Oben noch vertretbar. Nach unten fordern sie volle Aufmerksamkeit und strengen fast noch mehr an. Ich will jedenfalls nur noch runter und verfluche jeden neuen Wegweiser, der meine Illusion von der auf dem GPS nachgeschauten Luftlinien-Meterzahl zunichte macht.
Unten angekommen fühle ich mich wie nie wieder Wandern wollen. Immerhin habe ich noch gut eine Stunde Zeit, bis der Bus kommt. Ich liebäugle mit einem entspannenden Bad im lokalen Onsen. Im Rucksack befindet sich sogar noch ein Satz Wechselwäsche nebst Handtuch vom Fuji. Es hat auch vorzüge, wenn man seine Tasche nicht auspackt. :) Also nichts wie rein ins Badevergnügen.
Der Man an der Kasse macht mir gleich begreiflich, dass ich meinen Rucksack draußen lassen soll - unter dem Pavillion. Hmm, in Japan kommt eh nichts weg. Also nehme ich nur meine wichtigsten Habseligkeiten und Wechselsachen mit hinein und kann sie sogar in ein Schließfach packen. Geht doch! Das Bad im Wasser, das direkt aus der heissen Quelle nebenan kommt, tut wirklich gut. Wie immer halte ich es nicht lang in der Suppenschüssel aus. Trotzdem ein würdiger Abschluss für diese anstrengende Tour. Hinterher gibts noch ein Eis und eine Flasche aus dem Automaten. Meine vier Liter Wasser sind schon eher alle geworden.
Da kommt das heisse Wasser her
Es enthält Elektrolyte!

Auf dem Rückweg lasse ich den Tag revue passieren und stelle fest, dass ich auf dem Berg keinen einzigen Ausländer (außer mir) gesehen habe. Ich konnte Japan also für einen Tag völlig authentisch genießen. Ach und auf die Karte habe ich auch geguckt. Der Berg hieß Tsubakuro-dake.