Endlich wieder Höhenluft

Nach ein paar entspannten Tagen im Flachland will ich wieder in die umliegenden Berge. Das Gebiet verspricht entspannte Wanderungen in 3000m Höhe ohne den nervigen Part des Anstieges aus dem Tal. ;) Diesmal muss ich nicht den ersten Bus nehmen und habe einen recht entspannten Start. Die Strecke mit Bus und Bahn ist mir mittlerwiele bestens bekannt. So kann nichts schief gehen. Diesmal muss ich lediglich einmal Umsteigen, sonst lande ich wieder in Kamikochi.
An der Umstiegsstelle bin ich schon gut auf Höhe aber der Himmel ist noch immer wolkenverhangen. Gerade kommt noch leichter Regen hinzu. Hoffentlich klärt sich das am Ziel. Nicht, dass ich keine Regensachen mit hätte, aber ich will meine Wanderung ja auch geniessen. - Aber erst mal auf den Anschlussbus warten. An der Haltestelle fällt mir gleich ein weiterer Ausländer auf. Der erste, den ich hier oben sehe. Er unterhält sich mit ein paar Einheimischen auf Englisch. Wir grüßen einander kurz im Vorbeigehen. Als alle eingestiegen sind, kommen wir ins Gespräch und nach ein paar Worten Englisch steht fest, dass wir auch auf Deutsch weiter sprechen können. Wir haben an diesem Tag das selbe Ziel. Wandern auf dem Mount Norikura. Also warum nicht zusammen los ziehen. Während der Bus sich die Serpentinen hinaufschlängelt, erzählt mir mein neu gewonnener Begleiter, dass er am Vortag bereits abseits der Straßen auf kaum begehbaren Pfaden die Strecke die wir jetzt mit dem Bus zurücklegen fast bis zur Gipfelstation vorgedrungen ist. Fast. Leider kam die einbrechende Dunkelheit dazwischen und er musste umkehren. So ist sein erklärtes Ziel für heute: Aussteigen an der vorletzten Haltestelle und den Rest des Berges zu Fuß erklimmen. Er versichert mir, dass es einen Fußweg gibt und wir nicht an der Straße entlang laufen müssen, was bei den engen Kurven und der schlechten Sicht Selbstmord wäre.
So steigen wir im Gegensatz zu all den Japanern an der vorletzten Haltestelle aus und stehen erst einmal im dichten Nebel. Die Orientierung fällt zwar nicht schwer, weil wir ja wissen, dass wir nach oben wollen und der schmale Pfad auch gleich von der Haltestelle abzweigt, aber man sieht nie wirklich wohin der Weg denn führt. Zusätzlich zum Nebel werden wir in einen feinen Sprühregen gehüllt und da der Pfad gleich zu Anfang durch ein Schneefeld führt, bleibt man besser in Bewegung, wenn man in kurzer Hose und T-Shirt nicht irgendwo festfrieren will.
Lustigerweise kommen uns auf unserem Weg nach oben Snowboarder und Skifahrer entgegen, die den verbliebenen Schnee nutzen. Für ein paar hundert Meter Abfahrt ist die Piste durchaus zu gebrauchen. Meine Wanderschuhe halten zum Glück recht gut - und die Stöcke helfen auch kräftig mit. Mein Begleiter hat leider nur Trekkinghalbschuhe, nimmt die Herausforderung aber sportlich.
Wegen der schlechten Sicht und für die Statistik habe ich schon an der Haltestelle das GPS eingeschalten. Als ich das erste mal Höhe und Entfernung zur Gipfelstation checken will, stelle ich fest, dass das Gerät aus ist. Batterien leer. :( Aber ich habe ja Ersatz dabei... Also kurze Zwangspause im Schnee. Als ich die Batterien gewechselt habe und den Knopf zum einschalten drücke die ernüchternde Erkenntnis: Die Ersatzbatterien sind entweder total entladen oder das Gerät hat eine Macke. Nichts tut sich. Da es nicht wirklich wärmer wird, während ich mit dem GPS hadere, beschließen wir ohne Beistand von oben weiter zu gehen. Irgendwo im Rucksack habe ich noch eine einfache Papierkarte...

Frostig und trüb geht es los
Mein Kartenbackup

Nach einer Viertel Stunde durch Schnee und Geröll lichtet sich der Nebel und wir erreichen eine Hütte. Hier kann man die Toiletten besuchen, Karten und Verpflegung kaufen. Uns interessiert allerdings nur wie wir auf den nächsten Gipfel kommen. Zum Glück helfen die Karten am Aushang weiter, denn die Schilder sind nur den Japanern Aussagekräftig. Den Schnee und die schmalen Pfade lassen wir hinter uns und so geht es direkt zum ersten Gipfel des Tages. Hoffentlich klart es noch ein wenig auf... Unser Weg zum Gipfel verläuft auf einem Bergkamm. Hier weht der Wind stetig von einer Seite, der in Kombination mit dem Nieselregen eine echt hässliche Mischung ergibt. Nach fünf Minuten muss ich mir erst einmal eine zusätzliche Schicht Kleidung überziehen und meine Ohren verstecken. Meine superleichte Windjacke ist zum Glück immer im Rucksack. Die passt für dieses Wetter perfekt.
Bis zum Gipfel ist es nicht mehr weit. Immer wieder werden die Nebelschwaden kurz vom Wind weggeweht und ich krame nach meiner Kamera. Lang hält die Weitsicht allerdings nicht an und ich fotografiere halbe Bildausschnitte von Bergen und Seen. Als Wir den Gipfel erreichen hat zwar der Regen ein einsehen, aber der Nebel gibt sich weiter unbeeindruckt. Wie wir warten auch eine menge Japaner auf bessere Sicht. Zum Glück bietet die Hütte auf dem Gipfel ein wenig Windschatten. Da wir die einzigen Nichtjapaner im Umkreis sind, werden wir immer wieder angesprochen. Die üblichen Fragen nach Herkunft, dauer des Aufenthaltes und ob man Japan schön findet. Trotz der Kurzweil bei Gesprächen und gemeinschaftlichem "über das Wetter ärgern" klart es nicht auf. Wir beschliessen dass ein Beweisfoto im Nebel reichen muss. Schließlich gilt es noch ein paar andere Gipfel zu erobern.
Erster Gipfel des Tages: "Kengamine"
Schrein mit Spendenbox und Hütte im Hintergrund

Beim Abstieg kommen uns ganze Gruppen von Japanern entgegen. Das sind sicher die Leute aus unserem Bus. Gut, dass wir auf dem Gipfel Platz gemacht haben. - Unser Weg führt uns wieder vorbei an der Verkaufthütte, nur diesmal in der entgegengesetzten Richtung. Wir umlaufen einen Gipfel auf dem ein Observatorium steht und peilen die nächste Spitze in der Landschaft an. Das gesamte Wanderareal ist recht Anfängerfreundlich. Man wird vom Bus schon gut auf Höhe gebracht und braucht dann nur noch den Endspurt angehen.
Es füllt sich. Im Hintergrund das Observatorium
Wenn die Wolken mal kurz aufreissen

So laufen wir plaudernd von Gipfel zu Gipfel. Da wir uns so lautstark unterhalten, erkennt man uns immer wieder als Deutsche. Einige Japaner sprechen uns sogar auf Deutsch an. Ich werde allein nicht so oft angesprochen. Ob es an meinem Begleiter liegt? Er wird immer auf seinen Hut angesprochen, den er sich auf dem Fuji gekauft hat. Offenbar ist das ein guter Starter für Gespräche unter Wanderern, wenn man schon auf dem Fuji war. Ich sollte mir meinen Fuji-Anstecker wohl auch endlich mal an den Rucksack heften. :)
Als wir uns bis zur Gipfelstation nebst Busplatz durchgearbeitet haben, wird erst einmal geschaut wann der letzte Bus fährt. Mein Begleiter fragt sich durch wie man zu Fuß am besten zurück ins Tal kommt. Er kann und will sein Budget nicht überstrapazieren. Der Ehrgeiz den Berg von Anfang bis Ende bezwungen zu haben steckt da wohl auch mit drin. Als für ihn die beste Route klar ist, will er auch gleich los. Schließlich wird es hier zeitig dunkel und der Weg ins Tal ist weit. Wir tauschen noch eMail-Adressen aus und wünschen uns Glück für die weitere Reise. Zum Abschied erfahre ich noch, dass ich mit Robert unterwegs war. Meinen Namen hat er ja schon mit der eMail-Adresse erfahren. Irgendwie waren Namen den ganzen Tag nicht wichtig...
Dank eines freundlichen Japaners entsand dieses Bild ganz ohne Stick und Selbstauslöser
Busse, Toilette, Souveniers und Hotel mit heisser Quelle. In Japan bleibt man auch auf über 3000m stets vollversorgt

Da ich nun die Abfahrtszeit für meinen Bus kenne, kann ich locker noch den einen Gipfel gleich nebenan mitnehmen. Schließlich kommt gerade die Sonne raus. Nach ein paar Treppenstufen im Schnelldurchlauf und ein paar Blumenfotos am Wegesrand erreiche ich den ersten Gipfel. Dass ich mich über 3000m befinde, merke ich als ich versuche die Stufen im Dauerlauf zu nehmen. Eigentlich habe ich ja keinen Grund zu hetzen, aber endlich ist die Sonne da und die Berge zeigen sich. :) Ein gelungener Abschluss. Auf dem Nebengipfel haben ein paar Kinder spaß mit dem Echo. Immer wieder schallen Rufe doppelt wider. Das hört man auf den Bildern leider nicht. Auch diese Weite einzufangen will mir nicht so recht gelingen. Man muss eben doch selber da gewesen sein für das volle Rundumerlebnis. Ich freue mich jedenfalls, dass ich es bin.
Die Region ist bekannt für ihre alpine Blumenpracht
Wächst hier ungestört auf 3000m Höhe
Hinten sieht man noch die Busstation. Eine Relation für Höhe und Weitblick fehlt im Bild leider

Als ich mich sattgesehen habe (bzw. als ich es für an der Zeit halte dem Bus entgegen zu laufen) steige ich wieder hinab. Die Schlange ist schon recht lang. Offenbar wollen gerade viele Leute nach Hause. Dabei ist das noch nicht mal der letzte Bus. Ich bekomme trotz der Menge an Leuten einen Sitzplatz und neben den Riesen aus dem Ausland will sich soweiso keiner setzen. So hab ich eben Platz und meine Ruhe. Zeit sich bei ein wenig Musik zurück zu lehnen. Bis ins Tal schlängelt der Bus noch eine weile - und er schlängelt gut. Da ich hinten sitze und der Fahrer nicht viel auf Bodenwellen und enge Kurven gibt, ist es eine halbe Achterbahnfahrt. Trotzdem kann ich ein wenig abruhen.
Als der Bus mich an der Bahnstation abliefert merke ich beim Auf- und Absetzen des Rucksackes, dass meine Arme ganz schön brennen, wenn die Träger darüber gleiten. Ein Blick und ich bin im Bilde: Sonnenbrand - überall. Die Sonnencreme hat nicht geholfen, weil ich sie nur im Rucksack und nicht auf der Haut hatte. Wieso auch bei all dem Nebel und Regen!? Was eine halbe Stunde Höhensonne so alles anrichten kann... :/