Auf in andere Welten

Hokkaido, die grüne Insel im Norden. Das Wetter ist wie immer bestens und heute schaue ich mir den ersten Naturschutzpark an. Praktischerweise ist der gleich vor der Haustür. Ich muss lediglich eine viertel Stunde laufen und schon erreiche ich den Nopporo-Park. Einen der vielen Eingänge zum Wanderwegenetz finde ich dank GPS und Karte auch auf Anhieb. Abseits der Wege laufen zu wollen ist sowieso keine Option. Hier wächst wieder überall dieser schulterhohe Bambus, wenn nicht grad ein größerer Baum rausguckt.
So lasse ich mich von den Wegen leiten. An den Gabelungen konsultiere ich kurz meine Karte oder folge einfach dem markanten Punkt in der Ferne, der mir den Weg weist. Immer in Richtung Mordor... Zumindest könnte man meinen hier wurden Szenen zum Herrn der Ringe gedreht, wenn man den Turm in der Ferne sieht. Fehlt lediglich das Auge an der Spitze.

One does not simply walk into mordor...
Käfersammlers Traum

Der Weg bietet genug Abwechslung. Mal läuft man durch freies Feld, mal durch Wald unter dichtem Blattwerk. bis auf die Wege und die Beschilderung ist hier alles naturbelassen und es kreucht und fleucht so einiges umher. Es wimmelt nur so vor Insekten. Zum Glück halten sich die Mücken zurück und Spinnen bauen ihre Netze auch nicht quer über den Weg. :) Es gelingt mir ein paar meiner Wegbegleiter abzulichten. Viele sind viel zu zappelig um sie sauber abzufotografieren...
Es bleibt buschig
und schattig

Bestes Flugwetter
Auch Raupi lässt sich blicken

Nach einer weile lichtet sich das wilde grün und es wird von gemähtem Rasen abgelöst. Ich habe den kultivierten Teil des Parks erreicht. Hier wimmelt es von Kindern und deren Familien. Die einen lassen Drachen steigen und andere sind mit Netzen und Plastikbox auf der Jagd nach Käfern. Das Gelände erstreckt sich rund um den markanten Turm, den man schon von weitem sehen kann. Dieser wurde übrigens 1970 zum 100-jährigen Jubiläum der Besiedlung Hokkaidos errichtet. Ja, Hokkaido gehörte noch lange Zeit den Bären und den Ainu, den Ursprünglichen Bewohnern der Nordinsel. Mit voranschreitender Industrialisierung trauten sich dann irgendwann immer mehr Japaner in die rauhe neue Welt. Die Bären wurden in Nationalparks zurückgedrängt und die Ainu leben jetzt in Mitten der Japaner. Da ich noch niemanden mit Bärenfell bekleidet in der Bahn gesehen habe, nehme ich an, dass sie sich komplett integriert haben.
Auf meiner Runde durch den Park sehe ich, dass es in der Nähe ein Modelldorf geben soll in dem man in die Zeit der Anfänge auf Hokkaido zurückversetzt wird. Der Tag ist noch lang und ich entscheide mich spontan mal vorbei zu schauen. Eine halbe Stunde später darf ich für 800 Yen in die Vergangenheit reisen. Auf einem weitläufigen Gelände sind verschiedenste Gebäude, wie man sie zur Zeit des 19. Jahrhunderts auf Hokkaido vorgefunden hat, zu entdecken. Den Anfang machen allerlei Geschäfte und öffentliche Einrichtungen. Diese sind auf einer Hauptstraße angeordnet, durch die sogar eine pferdebetriebene "Straßenbahn" fährt. Ich habe Glück, diese wenigstens fotografieren zu können. Die Leute die tatsächlich mitfahren haben lange gewartet um sich dann eng an eng in der Mittagshitze in einen kleinen, nicht klimatisierten Wagen setzen zu dürfen. :)
Kuschelig und warm muss man es mögen...
Die Bahnstation in der man warten darf

Geräumiges Wohnzimmer
Küche

Andere Zimmer sind eher klein
Der Flur ist zugleich eine Veranda

Beim Gemischtwarenhändler
Stehengeblieben: Die Zeit

Ich Schlendere zu Fuß weiter und erfreue mich an all den alten Häuschen in traditioneller Holzbauweise. Aus Stein sind nur die Lagerhäuser und einige der öffentlichen Einrichtungen gebaut. Ich entnehme den Tafeln vor den Häusern, dass es sich oftmals um Spenden handelt und dass diese Häuser wohl tatsächlich schon einmal irgendwo gestanden haben. Originalware also. Man darf viele der Exponate auch betreten. Natürlich werden die Schuhe am Eingang gewechselt. In einigen Häusern wie dem Gemischtwarenladen sind Puppen in passender Optik aufgebaut und über Lautsprecher werden Gespräche und Umgebungsgeräusche eingespielt. Man legt Wert auf Authentizität.
Abseits der Hauptstraße werden die Häuser langsam zu Bauernhäusern und anderen Komplexen, die man auf dem Land findet. Unter anderem einen größeren Fischereibetrieb, eine Seidenraupenzucht und eine Forsthütte. Es gibt sogar kleine Reis- und Gemüsefelder und einen Maulbeerhain für die Seidenraupen. Die Gärten werden tatsächlich bewirtschaftet und man kann echte Seidenraupen bei der "Arbeit" bestaunen. Die fressen sich gemütlich durch einen frischen Haufen Blätter. Erstaunlich wie damals Millionen winziger Eier in Pappschablonen abgezählt und für Zucht und Verkauf von Hand portioniert worden sind. Nicht mein Traumberuf. Ich will nicht wissen was für einen Aufwand das Sammeln der Eier gemacht haben muss.
Einen weiteren Abschnitt bilden ein komplettes Studentenwohnheim, dass schon als eigenes Museum durch geht, und ein Dojo. Eine Ausbildungsstätte für die japanischen Kampfkünste. Leider hat irgendwer versäumt den Ersatzakku der Kamera zu laden. Deswegen wirds hier mit Bildern ein wenig dünne... Andererseits gleichen sich viele der Häuser sehr und ich hab auch nach ca. zwei Dritteln der Ausstellung genug von der Vergangenheit und laufe nur noch die Stellen an, die mich interessieren. Die Seite sollte auch so schon rekordverdächtig lange laden...
Hier gabs früher Nudeln
Die Nudelküche

Des Sakebrauers Küche
Sakefass

Die örtliche Schmiede
Holzfällers Nachtlager

Hier kann man sich gepflegt aufs Parkett schmeissen
Der Gegner für die Anänger lauert in der Ecke

Falls das Wetter mal schlechter ist
Allwetterschuhe

So ein Ausflug in die Vergangenheit ist echt was tolles. Hier wird viel Wert auf die Details gelegt und ganze lebendig rüber gebracht. Alles in allem ein schöner, aber auch langer Tag.