Des Fuji's grüner Bruder

Hokkaido hat seinen eigenen Fuji. Es handelt sich ebenfalls um einen Berg vulkanischen Ursprunges. Höhenmäßig kann er nicht mit dem Fuji gleichziehen, aber die 1898m wollen im ganzen erklommen werden. Hier gibt es keinen Bus zur fünften Station. Die Japaner nennen ihn auch Ezo-Fuji (Ezo ist die alte Bezeichnung für Hokkaido) oder Makkari-Nupuri (Ainu-Sprache). Ich finde ihn unter dem Namen Yotei-san auf den Karten und lege mir meinen Fahrplan zurecht. Dummerweise fahren die ersten Bahnen erst lange nach Sonnenaufgang in Richtung Niseko. So komme ich erst recht spät am Zielbahnhof an. Das letzte Stück der Strecke bedient ein Zug, der eingleisig und mit nur einem Wagen durch die Landschaft zuckelt. Ein Bus auf schienen, der mangels fehlender Oberleitung mit Diesel fährt und an jeder Straße die die Gleise quert grässlich schrill hupt. Die Bahnhöfe sind nicht viel mehr als zwei Bahnsteige in weiter Flur. Landleben pur. Mein Zielbahnhof ist zugleich eine Herberge. Praktisch, sollte ich den letzten Zug nach 21 Uhr nicht schaffen... ;)
Als ich aus dem Zug steige heisst es erst einmal zum Berg laufen. Rund 4km sollen es bis zum Fuss des grünen Fuji sein. Mein Weg führt mich vorbei an einzelnen Farmen und entlang einer Bundesstraße. Mehr gibts hier nicht. Von einer Ortschaft kann man nicht sprechen. Wer hier kein Auto hat ist verloren. - Nach einer dreiviertel Stunde bin ich am Ausgangspunkt angelangt. Hier steht wieder so eine komische Registrierungsbox für alle, die den Berg besteigen. Man wirft einen Zettel mit seinen Daten ein, damit die Hinterbliebenen Gewissheit haben... Brauch ich nicht. Los gehts.

Noch ziert er sich...
Für alle, die gern die Meter zählen

Schon auf meinen ersten Metern kommt mir ein Wanderjapaner entgegen. Im vorbeilaufen fragt er mich ob ich oben übernachte. Noch während ich der Bedeutung seiner Worte auf der Spur bin, antworte ich mit "ja" und schon sind wir aneinander vorbei gelaufen. Wenige Schritte später tut es mir Leid, dass ich ihn angelogen habe, aber vielleicht ist es besser wenn er sich nicht sorgt. Der Weg führt durch dichten Wald und es ist verdammt schwül, wenn man sich körperlich betätigt... Auch in diesem Wald kommt man nicht weit vom Weg ab, es sei denn man will sich in die Büsche schlagen. Das Bambusgras wuchert überall.
Der Weg ist einfach zu erkennen
Suchbild mit Streifenhörnchen

Auf dem Weg zur Spitze sind ganz in Fuji-Manier 10 Stationen zu erklimmen. Allerdings wird es hier, außer der leeren Hütte auf dem Gipfel, keine Unterstände oder Verpflegungspunkte geben. Man kann sich allerdings anhand der Blechschilder mit den Nummern entweder motivieren oder eben ärgern. Je nach dem was das kleine Schild einem anzeigt. Der Weg ist recht ausgetreten und man läuft fast in einer Rinne. Das ist auch besser so, denn als der Weg beginnt steiler zu werden wird es um so mehr erforderlich den Weg keinesfalls zu verlassen. Auf der Hangseite würde man nur in einer unüberwindbaren Wand enden. Aber die Andere Richtung bietet das selbe Potential - nur in die entgegengesetzte Richtung. Zuerst realisiert man gar nicht wie steil es bei Fehltritten bergab ginge, denn auch hier ist dank des Bambusses die Weitsicht eingeschränkt. Kommt man dem Rand aber einmal unbeabsichtigt zu nahe oder das Dickicht lichtet sich für einen Moment, dann wird man automatisch wachsam.
Wie ich mich auf meinem Weg eng am Berg nach oben schlängele kommen mir immer wieder Leute entgegen. Ein klares Zeichen dafür, dass ich spät dran bin. Einige rennen lockeren Schrittes ohne Stöcke den Berg herunter. Wie die das ohne umzuknicken bei all den Steinen und Stufen überstehen ist mir ein Rätsel. Ich fühle mich auf den ersten Stationen ein wenig unter Zeitdruck und fange an zu schneller zu laufen. Lang geht das natürlich nicht gut. Nach drei bis vier Stationen hat sich mein Tempo auf ein machbares Maß eingepegelt und ich halte die Stundenabstände für Pausen ohne Probleme durch. Viel Freude hab ich auf den Parts wo zu den Stufen und Absätzen unter den Füßen noch Limitierungen am oberen Ende hinzu kommen. Bäume erobern sich den Platz über dem Weg zurück. Die meissten (Japaner) wird das wohl nicht mal stören. Ich fühle mich mit meinem großen Rucksack wie im Hindernisparkour.
Es ist nicht viel Platz
Erste Fernsicht - und schon oberhalb der Konkurrenz

Irgendwann hat der Berg allerdings ein Einsehen und das Grün lichtet sich. Erste Blicke in die Ferne belohnen den Wanderer. Die Metalltafeln sprechen auch vom baldigen Ende des Aufstieges. Meine Beine freuen sich schon darauf. - Als sich das Grün zum letzten mal lichtet, um nurmehr in Büschen zu wachsen, wird es Zeit für den Schirm. Die Höhensonne verbrennt mich kein zweites mal. Zum Glück ist der Anstieg nicht mehr so steil und ich habe die Hände frei. Als ich um eine Ecke biege und der Weg nun in einem Tal das den Gipfelrand des Kraters einschneidet weiter geht, frischt der Wind auf und mein Schirm läuft Gefahr umzuknicken. Also ohne Schutz weiter. Ist ja nicht mehr weit. Wer jetzt den Hinweis mit der Sonnencreme einwerfen möchte, dem sei versichert, dass diese längst weggespült worden wäre...
Es ist bald geschafft

Auf meinem Endspurt kommt mir ein Japaner entgegen. Der Weg ist nicht sonderlich breit. Ich streife schon allein beiderseits ständig die Büsche. Und so kommt es wie es kommen muss. Der engtgegenkommende versucht mich auf der Hangabgewandten Seite zu umrunden und findet mit Stock und Fuss auf einer Seite keinen Halt und tritt ins Leere. Auch hier täuscht das wuchernde Grün noch immer über die Gefahr hinweg. Ich kann ihn gerade noch an einer seiner Rucksackschlaufen packen und er findet wieder Halt. Zum Glück ist er nicht schlimm umgeknickt. Er entschuldigt sich halb, als er sich bedankt und ich vergewissere mich, dass es ihm gut geht bevor wir unseren Weg fortsetzen. Jeder in seine Richtung - und aufs Neue sensibilisiert für die Tücken des Yotei-san.
Auf den letzten Metern dem Kraterrand entgegen ist der Weg "Idiotensicher". So ist es endlich geschafft und ich blicke auf die Statistik. Das GPS hat alles brav mitgeschnitten und ich kann mich über 1800m in knapp über 4 Stunden (mit Pausen) freuen. :) So fühle ich mich jetzt auch. Auf dem Kraterrad bläßt unnachgiebig der Wind und so ist die pralle Sonne schnell nicht mehr mein einziges Problem. Nächster Schritt ist also das Anlegen der Windjacke. Die Hose wird ebenfalls auf lang umgebaut. Komplettverhüllt bekomme ich zwar meine feuchten Klamotten nicht wirklich trocken, aber ich hole mir auch keine Lungenentzündung plus Sonnenbrand.
Nicht die schöne Aussicht verstellen
Der Berg bietet zwei Krater zum Bestaunen

An einem kleinen Steinhaufen der wohl eine Art Gipfel darstellen soll, wird erst einmal gerastet und die Aussicht genossen. Das GPS hat mir noch 4 Stunden bis zum Sonnenuntergang zugesprochen. Da ist genug Zeit für eine Kraterumrundung drin. Den Rucksack lasse ich am Steinhaufen. Der wird schon nicht weggeweht. Die Arbeit mit meine großen Rucksack abzusteigen macht sich auch keiner außer mir.
Noch einmal in breit

Der Gipfelpfad ist sehr abwechslungsreich und nicht immer ungefährlich. Aber ohne mein Packgewicht und mit freien Händen komme ich sicher durch jede Formation. Und sollte ich doch abrutschen, so brauchte ich mich an einigen Stellen lediglich einrollen und warten bis mich unten im Tal ein Busch stoppt oder ein Bär. Ich weiss gar nicht ob es hier welche gibt. Meine Glocke ist natürlich wieder daheim geblieben. Aber ich bin wegen der Aussicht hier und bleibe vorerst oben. Mein Blick reicht dank des guten Wetters bis zum Meer. Dabei bin ich nicht wirklich an der Küste unterwegs. Auch die Aussicht in den Krater ist sehr sehenswert. Immer wieder entdecke ich neue Perspektiven und versuche die unbegrenzte Weite einzufangen.
Der größere Krater im Portrait
Hüttenromantik pur

Einsame Gipfelschönheit
Trotzt den Elementen

So vergeht die Runde und die Zeit auf dem Gipfel wie im Fluge. Hier oben habe ich während meines Aufenthaltes nur zwei weitere Grüppchen angetroffen. Die müssen wohl einen anderen Aufstieg genommen haben. Als die Sonne mit dem Untergehen so langsam Ernst macht, besinne ich mich und gehe den Rucksack abholen. Auf den ersten Metern kommt mir noch ein Wanderer mit einer großen Kamera entgegen. Er will wohl Sonnenuntergänge fotografieren. Viel Ausrüstung hat er ansonsten nicht bei sich. Sicher hat er sich schon in der Hütte einquartiert. Ich habe nicht vor hier zu bleiben.
Noch ein Panorama vor dem Abstieg

Nicht zum Festhalten, sondern zur Orientierung bei Nebel - Notfallstrick

Mein Rückweg ist der selbe wie beim Aufstieg, nur dass die Schwerkraft diesmal für mich arbeitet. Die Beine haben zwar oben ein wenig Pause gemacht, aber bergab noch einiges vor sich. - Da ich mich nicht wirklich für irgendetwas abseits des Gedankens möglichst schnell unten anzukommen begeistern kann, komme ich schnell voran. Unterwegs leiste ich mir auch zwei Fehltritte ins "grüne". Zum Glück ohne Verletzungen oder ernsthaftes Abrutschen. Bergab Laufen fordert nicht weniger Aufmerksamkeit als der Aufstieg...
Als der Boden unter den Füßen endlich wieder in die Waagerechte übergeht, will ich einfach nur noch zum Bahnhof und fange an locker zu laufen. Nach ein paar Hundert Metern wird die Kopflampe nötig. Ich will nicht noch auf der Zielgeraden wegen eines Stockes oder losen Steines ausscheiden. Da mein Wasser wie immer schnell alle geworden ist, biege ich am Campingplatz am Fuß des Berges kurz auf ein wenig Trinkwasser ein. Der erste Japaner dem ich begegne darf mir Auskunft geben wo die Wasserhähne sind. Als ich ihm erzähle dass ich gerade vom Gipfel komme schlägt er nur die Hönde vor dem Gesicht zusammen, während ich eine meiner 2l-Flaschen befülle. Wieso er das tut erklärt er mir nicht. Sicher weil es im dunkeln nicht gerade sicherer ist auf schmalen Pfaden auf einem Berg herumzusteigen - oder gibts hier doch gefährliche Tiere im Unterholz...? Ich werd's wohl nie erfahren.
Die Strecke zur Bahnstation ist nicht sonderlich spannend. Ich komme schnell voran und habe am Bahnhof noch gute eineinhalb Stunden auf die letzte Bahn zu warten. Wenigstens gibt es Internet und Kekse bis dahin und ich kann im heimischen Bett schlafen. - Kurz vor Eintreffen der Bahn kommen noch ein paar Japaner aus der Herberge und ich darf für ein kurzes Interview herhalten und man posiert mit mir auf Fotos. Die Japaner können sich echt für alles begeistern... Ich begeistere mich für die Aussicht auf mein Bett. Mein Zug wird mich kurz nach Mitternacht in Oasa abliefern.