Wenn die Verstorbenen zum Tanz bitten

Im Sommer wird in ganz Japan das O-bon-Fest gefeiert. Das ist ein Fest, dass zu Ehren der Verstorbenen gehalten wird. Ein festgelegtes Datum scheint es dafür (nicht mehr) zu geben. Laut Wikipedia wurde das Fest in einigen Teilen Japans extra in die Sommerferienzeit (im August) gelegt, während andere schon traditionell im Juli feiern. Hier in Sapporo wird am 11. August getanzt.
Weil ich faul bin, gibts hier einen kleinen Auszug aus Wikipedia zur Bedeutung des ganzen:
"Die Ursprünge gehen auf das hinduistische Dīvalī-Fest (= Dīpāvalī; Lichterfest), verschmolzen mit Avalambana, der Preta-Speisung (hungriger Geister) und die am selben Tag abgehaltenen taoistischen Chung-yuen-Riten zurück. Obon ist eine verkürzte Form des Sanskrit-Wortes avalambana oder ullambana für kopfüber in der Hölle hängen und leiden, was den hungrigen Geistern (Preta) geschieht, die jedoch einmal jährlich aus der Unterwelt zurückkehren dürfen. Durch ihre symbolische Speisung soll deren Leiden in der Hölle gelindert werden."

Sapporos Rundfunkturm bei Tag
Noch ist hier nichts los

Der Anwerber für die Ponys
Sooooooo klein!

Normal großes Pferd bei der Arbeit

Nun wisst iher bescheid worum es im Groben geht. Von mir bekommt ihr jetzt noch einen Einblick wie das vor Ort dann aussieht. Ich bin also am 11. August in die Innenstadt von Sapporo gefahren um mir das Geschehen im Odori-Park mal anzuschauen. (Orodi kann man auch als Tanzen) übersetzen. Passt ja schon mal. Dieser Park erstreckt sich zwischen zwei kleineren Straßen einmal quer durch Sapporo. Das sieht auf der Karte aus, als hätte jemand eine Reihe Häuserblocks abgerissen und zwischen den zwei angrenzenden Straßen einen Park angelegt. So hat man die Möglichkeit auf der gesamten Länge verteilt verschiedene Attraktionen zu bieten, was die Japaner im August auch ausgiebig tun. Hier stehen einer Hälfte der Fläche große Bierzelte und die dazugehörigen Theken. Unabhängig vom O-bon-Fest findet gerade auch eine art Oktoberfest statt. Wie beim Original muss man rechtzeitig Tickets erwerben um einen Tisch zu bekommen. Das O-bon-fest wird am anderen Ende des Parks gefeiert. Hier siehts mit Feierattraktionen ein wenig dünner aus. Eine Pferdekutsche lädt zu Rundfahrten ein und einen Stand weiter gibt Ponys, die sogar kleiner als ein japanisches Kind sind. Die gehen fast als Hund durch (die Ponys). :) Ansonten gibts ein, zwei Stände die Snacks und Süßigkeiten verkaufen. O-bon scheint also kein Fest zu sein wo man hin geht um sich vollaufen zu lassen oder an der Losbude anzustehen. Als ich die Bühne erblicke wird mir klar: Hier ist erst am Abend wieder was los. Jede Menge Laternen und ein paar falsche "Feuerkörbe" verraten, dass der Tanz nach Sonnenuntergang beginnt. An einem Infostand frage ich nach der konkreten Zeit. Da es gerade mal Mittagszeit ist, trete ich vorerst den Rückzug an. So viel ist hier nicht los, dass ich mir bis abends die Beine in den Bauch stehe.
Sapporos Rundfunkturm bei Nacht
In vollem Lichterglanz

Ein paar Künstler fuchteln mit Knicklichtern und ich belichte lang

Kurz nach sieben bin ich wieder vor Ort und obwohl das Programm schon begonnen hat, komme ich bis an das Geschehen heran. So viele Leute sind gar nicht da. Davon abgesehen kann ich ja alles bestens überblicken. Hoch oben auf der Bühne wird kräftig getrommelt, geflötet und gesungen. Der Gesang wiederholt sich stetig. Einer der Sänger trägt Strophen vor und ein Chor singt eine Art Refrain. Die Musiker und Sänger wechseln sich immer wieder ab. Vor allem der "Vorsinger" tauscht nach jedem Durchlauf der Strophen. Um die Bühne herum darf Jedermann tanzen und viele tun das auch. Immer wieder reihen sich Zuschauer ein um ein paar Runden zu drehen. Andere sehe ich fast die ganze Zeit gegen den Uhrzeigersinn um die Bühne rotieren. Eine beachtliche Leistung, immerhin dauern Gesang und Tanz volle zwei Stunden an. Von jung bis alt sind alle dabei, ob im traditionellen Gewand oder Touries in kurzen Hosen und mit T-shirt. Jeder darf mitmachen. Die Choreografie ist schnell einstudiert und irgendwie ist auch immer noch eine Lücke frei. Ich habe mich damit begnügt zuzuschauen.
Da es echt schwer ist die Stimmung und den eigentümlichen Gesang rüber zu bringen, gibts heute mal ein Video. Hoffentlich schafft meine schwache Internetleitung die gewaltigen 240p... Viel Spaß beim laden. ;)

Ich bin natürlich nicht die ganze Zeit nur an der Bühne. Gleich nebenan gabs an einem Stand Fleisch am Spieß (wie Schaschlik, nur ohne den Gemüsekram). Nachdem mir der Verkäufer zu verstehen gibt, dass das auf was ich da zeige Zunge ist, schwenke ich auf "beef" um. Nicht viel später breuhe ich nicht Zunge genommen zu haben. Das "beef" ist dermaßen zäh und durchwachsen, dass mehr zwischen den Zähnen landete als im Magen. Billig wars für 700Yen auch nicht gerade. :( Später gibts zum Trost noch ein Softeis... So geht ein kulturlastiger Abend in Sapporo schon nach 21 Uhr zu Ende. Wieder was auf meiner Liste, was ich abhaken kann.