Die Sache mit dem Pilgern.

Eigentlich gehört nicht viel dazu. Man macht jeden Tag eine Menge Schritte und zwischendrin besucht man den einen oder anderen Tempel. Am Abend kehrt man dann in eine Herberge ein, besänftigt die geschundenen Gliedmaßen bei einem heissen Bad und hebt die Laune bei einem guten Abendessen. Das wiederholt man dann so oft, bis sich der Kreis schließt. Fertig.
Soviel zur Theorie. Ich sitze in einem Businesshotel in Tokushima und morgen soll es los gehen. Vorbereitet habe ich mich dahingehend, dass ich mein Gepäck auf einen Rucksack dezimiert und bereits die notwendigsten Pilgerutensilien besorgt habe. Mein Pilger-Outfit besteht aus einer weißen Weste die ich bequem über meiner Alltagskleidung tragen kann (ohne dass mir dadurch unnötig warm wird), einem Strohhut, einem Wanderstock und der Pilgertasche in der ich Kerzen, Räucherstäbchen und mein Kalligrafiebuch verstauen kann. Die Weste und die Tasche sind weiß. Das ist schon einmal sehr praktisch, wenn man als Pilger am Straßenrand gesehen werden will. Hauptsächlich aber steht die Farbe weiß für die Reinheit des Pilgers. Die weiße Weste dient zugleich als letztes Hemd, sollte das mit dem "im Straßenverkehr gesehen werden" mal nicht funktionieren. Der Pilger ist sich dessen bewusst, dass jeder Schritt der letzte sein kann. Früher wurde er dann in dem Hemd gleich an Ort und Stelle begraben. Das war so Brauch und auch im Einverständnis mit den Trägern der weissen Hemden. Ganz so negativ gehe ich allerdings nicht an mein Vorhaben heran.
Nach einer unruhigen Nacht mache ich mich früh morgens auf zum Tempel Nr. 1. Die Bahn bringt mich zum Ausgangspunkt meiner Runde. Der Pilgerpfad wird von 88 offiziellen Tempeln und noch mehr inoffiziellen an der Route liegenden Tempeln gesäumt. Die meißten Pilger fangen bei Tempel Nr. 1 an. Dieser liegt für die Anreise nach Shikoku sehr günstig und mehrere Läden in direkter Nachbarschaft bieten alles was der Pilger benötigt. Es ist allerdings überhaupt kein Problem an einem anderen Tempel zu starten. Man muss sich auch an keine Reihenfolge halten. Die Profis unter den Pilgern laufen die Route rückwärts. Diese Art des Pilgerns setzt sehr gute Kenntnis des Weges voraus, da die Ausschilderung stets darauf ausgelegt ist, dass man die Tempel in aufsteigender Nummerierung besucht. Man sieht schlicht kaum, bis gar keine Hinweise. Dazu später mehr. Ich steige zum letzten Mal für eine lange Zeit aus einer Bahn, schliesslich will ich ja die gesamte Strecke zu Fuß zurücklegen um das volle Pilgergefühl zu erleben. Am Tempel Nr. 1 mache ich nur kurz halt für ein Foto und eine Runde über das Tempelgelände. Die erste Kalligrafie gabs zum Buch dazu. Eine Trockenübung also.

Mit großen Schritten auf in den Tag


Tempeletikette

Der Pilger ist neben den vielen "zivilen" Tempelbesuchern derjenige, der den Ablauf des Tempelbesuches etwas ernster nimmt. Man benimmt sich einfach ein wenig besser als der Gelegenheitsbesucher, der nur mal auf ein schnelles Gebet (oftmals mit einem Wunsch verbunden) vorbeikommt. Gewissermaßen bin ich jetzt Vorbild. So sehe ich das zumindest... Zum Glück habe ich zusammen mit meinen Pilgerutensilien auch ein englischsprachiges Prospekt bekommen das mich über all die Feinheiten aufklärt, auf die es zu achten gilt.
Bevor ich den Tempel betrete mache ich immer ein Foto vom großen Tor am Eingang. An diesem gilt es sich beim Eintreten zu verbeugen. Oftmals stehen hölzerne Torwächter zu beiden Seiten Wache und wehren alles Unheil ab. Da kann eine freundliche Geste nicht schaden.
Hat man es unbeschadet über die Schwelle geschafft, ist der erste Anlaufpunkt die Waschstation. Es gibt immer irgendwo ein Becken an dem man unter Zuhilfenahme einer Kelle Wasser zum Waschen schöpfen kann. Gewaschen werden beide Hände und der Mund. Danach wird der Griff der Kelle gewaschen indem man diese einfach so hält, dass das restliche Wasser den Stiel herunterrinnt. Der gesamte Waschvorgang findet nicht über dem Wasserbecken statt. Schliesslich will man den nachfolgenden Gästen nicht das Wasser verschmutzen. Eigentlich wird der Mund auch von innen gereinigt, darauf kann man aber angesichts der Warnschilder, dass es sich nicht um Trinkwasser handelt, gern verzichten.
Hat man sich gereinigt, geht es als nächstes zu meiner Lieblingsstation, der Glocke. Hier darf man, falls nicht gerade Sperrstunde ist oder die Glocke schlicht fehlt, den großen Gong läuten. Diese großen Glocken geben einen herrlichen Nachhall und ich versuche stets einen angenehmen Ton zu treffen. Manche Leute holen mit dem hölzernen Klöppel dermaßen weit aus, dass danach alle Anwesenden gedanklich sofort wieder ins Diesseits zurückgerissen werden. Die Glocke wird übrigens nur zu Beginn des Besuches geschlagen. Zum Abschied oder zwischen den Gebeten zu läuten bringt Unglück. So habe ich so mancherorts die Glocke erst zu spät erspäht und musste dann schweren Herzens auf meinen Lieblingspart verzichten.
Hat man sich standesgemäß angekündigt, geht es weiter zum Haupttempel. Dort werden eine Kerze und drei Räucherstäbchen entzündet. Wie ich später erfahre, rührt die Zahl drei von den drei am Grabe Kobo Daichis gepflanzten Kiefern her. Nun erklimt man die Stufen zum Tempelaltar und bietet seinen Namensstreifen dar, spendet ein wenig Geld und läutet (falls vorhanden) die kleine Glocke. Jetzt erwarten die Götter Huldigungen in Form von rezitierten Sutren. Anfänger dürfen auch in stille Beten.
Weiter geht es zum Nebentempel. Dieser ist Kobo Daishi (und damit auch allen Pilgern) gewidmet. Hier verfährt man genau so wie am Haupttempel.
Nun hat man seinen Pflichtteil getan und sich damit qualifiziert für einen Eintrag in sein Kalligrafiebuch. Man sucht das Büro des Mönches auf und dieser stempelt die drei Siegel des Tempels auf die entsprechende Seite des Buches und zeichnet eine kunstvolle Kalligrafie. Jeder Tempel gibt zudem noch einen kleinen Zettel mit dem Abbild der Gottheit aus, der man hier huldigen durfte. - Das macht dann 300 Yen. :)
Den Tempel verlässt man nach getaner Arbeit wieder durch das Haupttor - inklusive Verbeugung.
Nach meinem ersten Tempelbesuch überfliege ich noch einmal kurz die Liste, dass ich auch ja nichts vergessen habe. Diese einfachen Schritte gehen allerings schnell in Fleisch und Blut über. Was ich hingegen öfter vergesse ist mein Wanderstock. Dank des schweren Rucksackes dauert es allerdings nie lange bis ich das bemerke. Aber peinlich ist mir das schon, ist der Stock doch der wichtigste Begleiter des Pilgers. Er ist mehr als nur ein Stock. Er verkörpert das dritte Bein, auf das sich der Pilger jederzeit stützen kann. Er verkörpert die stetige Anwesenheit Kobo Daishis auf dem Weg der Pilgerreise. Der Pilger hat sozusagen immer einen mitlaufen und ist nicht allein auf dem beschwerlichen Weg. Die Kalligrafie auf der Rückseite meines Strohhutes formuliert es sehr passend: 同行二人 "Zwei gehen den selben Weg" oder "Eine Übung für zwei". Außerdem kann man an der Unterseite des Stockes prima beobachten wie der Weg sich in das Holz hinein arbeitet. Erstaunlich, dass ich nicht auch kürzer geworden bin.
Der erste Tag verfliegt regelrecht und ich habe bis zum frühen Abend den fünften Tempel hinter mir gelassen. Zeit sich um eine Unterkunft zu kümmern. Ich habe mir heute vorgenommen in einer der freien Unterkünfte für Pilger zu nächtigen. Diese sind einfach gehalten, aber bieten das nötigste. Man hat ein Dach über dem Kopf und kann teils sogar auf Tatami-Matten statt auf Holz liegen. Eine solche Hütte liegt direkt auf dem Weg zwischen Tempel 5 und 6. In einem nahen Convinience-store kann ich eine Toilette benutzen und mich mit Essen eindecken. An der Hütte angekommen raste ich erst einmal. Nach ein paar Minuten besucht mich ein älterer Herr und wir plaudern ein wenig. Er ist sichtlich erstaunt, dass ich hier übernachten möchte, hält mich aber nicht davon ab. Er zeigt mir alles was ich in der Hütte vorfinde und wie ich es mir gemütlich machen kann. Zwischenzeitlich beschleicht mich das Gefühl, dass er hier eigentlich wohnt und ich mit ihm die Bleibe diese Nacht teilen muss. Besonders als er mir zeigt wie ich den Eingang mit einer der Tatami-Matten verschliessen kann und er mit mir in der Hütte bleibt... Ich wundere mich weiter und packe meine Sachen für die Nacht aus. Eine andere Bleibe habe ich sowieso nicht. Als es dunkel und Zeit wird für die Kopflampe, teilen wir uns noch immmer die kleine Hütte und ich überlege ob es Zeit ist zu klären wer wo liegt. Zu meinem Glück stellt sich heraus, dass der freundliche Herr einfach nur ein Nachbar ist und er nicht in der Hütte nächtigen wird. Diese Erkenntnis kommt allerdings erst als er geht. - Im Nachhinein fühle ich mich ein wenig unwohl. Er wollte mir einfach nur helfen und Gesellschaft leisten. Ich war so verunsichert, dass ich ihm wohl kein guter Gesprächspartner war. :(

Friedhof gleich daneben. Auf zur (letzten) Ruhe.

So sitze ich allein in der dunklen Hütte und lege mir die vorhandenen Kissen als Unterlage zurecht. Leider lauern zwischen den Kissen nicht nur Spinnen. Der Schimmel hat es sich hier ebenfalls gemütlich gemacht. Trotz der offenen Bauweise der Hütte scheint die Feuchtigkeit sich in den Reisstrohmatten gut zu halten. Nachdem ich die betreffenden Kissen und besagte Spinnen in eine andere Ecke der Hütte umgsiedelt habe, lege ich mich hin und versuche zu schlafen. Aber so recht will mir das nach einem Tag voller neuer Eindrücke nicht gelingen. Ich mache einen großen Fehler und schalte das Licht meiner Kopflampe an. Ich bin sofort im Bilde worauf die dicken Spinnen hier aus sind. Kakerlaken kommen des Nachts aus ihren Verstecken. Leider haben Besucher vor mir ihren Müll in der Hütte einfach liegen gelassen. Ich packe die Tüten in denen es teils verdächtig knistert vor die Tür. Ich rede mir ein, dass die Kakerlaken die Tüten bevorzugen und mich verschonen werden und lösche zum zweiten mal das Licht. Irgendwie war es schon immer ein Unding einzuschlafen, wenn der Kopf nur so von Gedanken wimmelt - und die Hütte ebenfalls. Bei jedem kleinen Knacken im Gebälk erwarte ich, dass mich gleich die Überschabe vernascht. Die ortsansässigen Mücken stimmen ebenfalls in die Symphonie der Untöne ein. Sie belassen es natürlich nicht beim Gesang. Nicht viel später schalte ich, genervt meine neuen Mückenstiche kratzend, das Licht wieder ein. Ich hatte gehofft zu einer Erkenntnis zu kommen wie ich mich Mückenärmer positionieren könnte, aber der sich mir bietende Anblick lässt mich zu einer ganz anderen Erkenntnis kommen: Zeit auszuziehen! Die Kakerlakenfamilie hat ihre Kinderstube mitgebracht. Viele kleine Krabbler säumen die Matten. Ich stelle mir vor wie sich ein paar der kleinen Käferchen in meiner Tasche einnisten und habe vollends genug von der wilden Natur in der naturnahen Unterkunft.
Nicht weiter gefährlich, aber...
Eines der dickeren Exemplare

Viel zu packen gibt es nicht und so bin ich kurze Zeit später "On the road again". Ein wenig ziellos gehe ich dem nächsten Tempel entgegen. Eine weitere dieser Hütten ist auf der Karte nicht verzeichnet. Bezahlunterkünfte haben nach 22 Uhr auch kein Interesse mehr an neuen Gästen - Businesshotels gibts hier nicht. So suche ich etwas was man in Japan leider nur sehr selten vorfindet: Eine Bank. Ich meine kein Geldinstitut wo ich vor dem Automaten schlafen kann, sondern ein einfaches Sitzmöbel am Straßenrand. Leider findet man mancherorts erstgenanntes eher. Und wie es aussieht befinde ich mich gerade in Mancherorts. Auf meinem Weg zur nächsten Ruhezone schweifen meine Gedanken von "Dann laufe ich eben durch bis zum Morgengrauen" - was ich schnell verwerfe - zu "Vielleicht kann ich dort in dieser beleuchteten Bude schlafen". Es handelt sich dabei um einen knapp 2m² großen Container in dem eine Maschine zum Reis polieren steht. "Nachts poliert eh keiner" denke ich mir, aber einen Rest Anstand habe ich dann doch noch. Die nächste Münzwäscherei lädt ebenfalls mit ausreichend Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Aber der Hinweis auf Videoüerwachung lässt mich auch hier dankend ablehnen. Als an einer Kreuzung die Ausschilderung auf einen nahen Tempel verweist, biege ich ab und finde vor dem Tempelparkplatz einen Stein auf dem man sich niederlassen kann. "Na immerhin!" Mein Rücken ist dankbar für eine Pause und ich döse sitzenderweise ein wenig vor mich hin. Nach einer halben Stunde beschliesse ich dem nächsten regulären Tempel eine Chance zu geben. Vielleicht hat der sogar eine richtige Bank. Dass man an Tempeln gut schlafen kann, weiss ich nur zu gut seit der Übernachtung nach dem Fuji. :) Also gehe ich in dieser Nacht noch einen knappen Kilometer weiter. Tempel Nr. 6 hält leider gar nichts von Übernachtungsgästen. Das teilt mir ein Schild davor sehr deutlich mit. "Toll..." Auf meiner Pilgerkarte sehe ich hinter dem Tempel eine öffentliche Toilette verzeichnet. "Schlaf ich eben auf der Schüssel. Die sind beheizt..." Zu meinem Glück sieht es bedeutend besser aus. Der Parkplatz ist mit einer Rastecke für Fusspilger ausgestattet. Diese bietet eine lange Reihe Bänke unter einem Dach. Sogar ein Waschbecken ist vorhanden. Müll liegt keiner herum. Statt Kakerlaken tummeln sich hier ein paar Kätzchen! :) Die Götter meinen es gut mit mir. Als ich die heiligen Hallen der Freiluftübernachtung betrete, schaltet sich die Beleuchtung ein - und ich wecke einen weiteren Schlafgast... So beeile ich mich meinen Schlafsack auszurollen um den Bewegungsmelder und meinen Bettnachbarn nicht weiter zu ärgern und schlafe trotz der Mücken schnell ein.
Schon besser

Die Nacht ist kurz, aber immerhin konnte ich ein wenig schlafen ohne gefressen zu werden. Mein Zimmergenosse spendiert mir zum Frühstück einen Kaffee. Er hat sogar einen Gaskocher am Mann. Ein richtiger Wanderpilger. Wir plaudern ein wenig und er gibt mir wertvolle Tips, wo ich die nächsten Tage billig übernachten kann. :) So hab ich mir Pilgern schon eher vorgestellt.

Die Sache mit der Planung

Die nächsten Tage bringen Sicherheit in die täglichen Routinen für problemfreies Pilgern. Das Wichtigste dabei sind die Mahlzeiten und die Unterkunft für die nächste Nacht. Da ich ständig in Bewegung bin, kann ich nur sehr selten eine Unterkunft für mehrere Nächte buchen (was dennoch vorkommt). Ich buche also jeden Tag auf neue. Jeden Morgen stecke ich die Route für den Tag ab und schaue wie viele Tempel ich schaffen werde. Viele Japaner planen mehrere Tage im Voraus. Ich unterlasse das tunlichst, man weiss ja nie ob nicht was dazwischenkommt - und dann muss man auf einmal die Unterkünfte umstricken. Natürlich bin ich auch einfach faul. Aber für mich funktioniert das ganz gut.
Berücksichtigt auch die Höhen auf dem Weg
Noch mal in 3D

Bei der Planung ist mein Pilgerbuch mit den Karten und allen Informationen zu den Herbergen ein unverzichtbares Hilfmittel. Klar könnte man alles online und auf dem Smartphone machen, aber das hier ist Shikoku. Ich bewege mich oftmals in sehr ländlichem Terrain ohne Handynetz und die Herbergen sind bei weitem nicht alle online gelistet. Eine Herberge bucht man spätestens am Morgen des Tages an dem man gedenkt dort zum Abend einzutreffen. Einfach abends erscheinen ist gar keine gute Idee. Der Gastgeber wird in dieser Situation lieber behaupten er hätte kein Zimmer frei, anstatt unvorbereitet vor dem Gast dazustehen. Viele Pilger (vor allem die Nichtjapaner) lassen sich bei der Buchung der nächsten Unterkunft einfach vom derzeitigen Gastgeber helfen. Die kennen die nächsten Routenabschnitte (und deren Übernachtungsmöglichkeiten) und buchen gern für einen die nächste Bleibe. Das erledigt man nämlich fast immer per Telefon. Einige Herbergen akzeptieren auch Brieftauben. ;) Ich buche oftmals, aus mir unersichtlichen Gründen, selbst. Manchmal rede ich mir ein: "Erst mal schauen wie gut du vorankommst, bevor du die Herberge in 40km Entfernung anrufst. In einer Stunde ist es immer noch früh genug." Das mündet dann gelegentlich in einer Übernachtung ohne Abendessen. Die Betreiber der Herbergen kaufen jeden Tag frisch ein... Wer zu spät kommt, wird nicht berücksichtigt. :( Aber das lernt man schnell...
Der Lohn für viele Schritte


Die Sache mit dem Telefon

Ansonsten kann ich nur sagen, dass Telefonieren mit Japanern das allertollste ist, was man hier machen kann. Die Angerufenen merken sofort wenn ich mich melde, dass ich Ausländer bin und ich merke sofort ob es ein einfaches Telefonat wird oder nicht. Einige drücken sich für den Ausländer kurz und einfach aus, was mich freut. Andere palavern so geschwollen wie immer dahin. Das klingt jetzt sehr abwertend, aber das Höflichkeitsgesäusel ist wirklich ein Problem für mich. Echte Japaner am Telefon drücken nur 20% Inhalt und 80% "Danke", "Entschuldigung" und andere Höflichkeitsformen durch den Hörer. Das ist so lange lustig, wie ich nicht selber am Gespräch teilnehme... Ich habe einige Unterkünfte schlicht deswegen nicht buchen können, weil ich die "geschwollene" Formulierung für irgendeine banale Sache wie "wie viele Peronen sind sie denn?" nicht verstanden habe. Überraschenderweise waren es oft die sogenannten Busineshotels oder größere Herbergen, wo ich am Ende sogar ein wenig Englisch erwartet hätte, aber nee. Die legen dann einfach nach ein paar mal erneut Nichtverstehen meinerseits auf. Mein Favorit war ein Schnellredner, den ich gebten habe bitte langsam noch einmal zu wiederholen was er eben gesagt hat. Das resultierte in einer kurzen Pause und dann dem selben schnellen Redeschwall. Technisch gesehen war der gesamte Vorgang "langsamer"... In dem Fall hab ich dann zuerst aufgelegt. Im Nachhinein kann ich sagen: Ich werd wohl nie wieder Probleme mit "unangenehmen Telefonaten" in Deutschland haben. Ich weiss jetzt, dass es viieeel schlimmer geht. Japantelefonate kann ich Telefonphobikern also nur empfehlen.

Wie die Tage so laufen

Wenn die Route geplant und die Herberge vor mir gewarnt ist, brauche ich nur noch loslaufen. Meine Spanne für den Start in den täglichen Kampf gegen die Kilometer beginnt bei 6:30 Uhr und reicht an faulen Tagen auch mal bis 8:30 oder 9:00 Uhr. Je nach Tagespensum oder Elan. Ich strebe stets an bis zum Mittag die Hälfte zu schaffen. Es gibt Tage, da verläuft der Vormittag echt zäh und ich mache sehr viele Pausen. Das führt dann zu hektischen Nachmittagen. Man kann sich halt nicht selbst beschei*en. :)
Mittag ist zu keiner festen Zeit. Eher dann, wenn der Weg eine Futterquelle bietet (und ich hungrig bin) oder ich gedenke meine mitgenomme Futterration aus dem Rucksack zu verdrücken, weil es mal wieder mitten durchs Nirgendwo geht. In Shikoku gibt es wenige Abschnitte auf denen man sich tagsüber komplett aus dem Rucksack ernähren muss, aber ich habe Leute getroffen, die es tatsächlich geschafft haben ohne Futter und Wasser in den Bergen fast liegenzubleiben... :/ Der Fakt, dass man nicht lange auf den nächsten Konbini warten muss, macht den Rucksack tendentiell leichter.
Natürlich gönnt man sich auf der langen Strecke auch immer mal ein Leckerli. Ein Eis ist fast jeden Tag nötig. Schliesslich müssen Kalorien her, die die Beine sogleich wieder verbrennen können. Mal ganz abgesehen vom psyschologischen Effekt. Die Stimmung muss schon hin und wieder einmal gehoben werden.
Das Abendessen ist ein Termin des Tages, auf den ich mich immer wieder freue. Das liegt einerseits am guten Essen in den Herbergen, andererseits daran, dass das Abendessen den Endpunkt der Tagesetappe darstellt. Endlich die Beine hochlegen! Die Herbergen kochen übrigens immer ein Menü für alle Gäste. Viele nehmen aber Rücksicht auf Menschen mit "Fleischunverträglichkeit". (Der richtige Buddhist isst übrigens kein Fleisch, weil das dem verbotenen Töten einher gehen würde.) Ich glaube allerdings fest daran, dass mein Körper sich über das Eiweiss freut. Übrigens ist das Abendessen immer schon für 18:00 Uhr angesetzt. Vorher wird gebadet. Man ist also stets angehalten gegen 17:00Uhr anzukommen. Ich habe den Termin oftmals gerade so halten können. Nach 17:00 Uhr wird es sowieso dunkel. Was will man also unnötig länger machen?
Manchmal bietet sich unweit der Unterkunft die Möglichkeit in einer richtig großen Wanne zu baden. Nach einem langen Tag auf den Beinen ist ein Besuch im Onsen genau das Richtige. Diese Badehäuser bieten oft mehrere unterschiedlich temperierte Becken an. Die Temperaturen liegen alle jenseits der 40°C-Marke. Da müssen die Muskeln sich einfach entspannen. Lange halte ich es im heissen Wasser zwar nicht aus, aber man fühlt sich nach einem solchen Badegang gleich viel besser. Es gibt nichts besseres. :)
Abends dann lang auf bleiben ist oft keine Option die ich in Betracht ziehe. Erstens gibts nach dem Abendessen vielerorts sowieso nichts mehr zu sehen, andererseits zieht es mir die Augenlieder auch so schon runter, wenn ich satt und gebaded bin.

Immer den Pfeilen nach

Man braucht eigentlich nicht mal eine Karte um den Pilgerweg in der "richtigen" Reihenfolge zu absolvieren. Der Pfad ist mit vielen kleinen und großen Hinweisen gespickt, sodass man sich (eigentlich) gar nicht verlaufen kann. Ich liebe es einfach den Pfeilen zu folgen ohne die Karte zücken zu müssen. Viele Tage klappt das auch. Manchmal ist es aber auch gar nicht so einfach die alten Aufkleber zu entdecken. Oftmals verpasse ich Abbiegungen, weil ein Aufkleber fehlt oder ich Träume... :)
Die rund 5cm großen, runden Aufkleber mit dem roten Pfeil auf weissem Grund machen den Großteild der Wegmarkierung aus. Immer wieder begegne ich aussagekräftigeren Schildern mit Kilometerangaben zum nächsten Tempeln. Zusätzlich gibt es noch die ganz alten steinerenen Wegweisser, die sich manchmal auf alte Wege beziehen, die heute keiner mehr benutzt. Dann wirds schnell "buschig" und kehre um und suche nach einem neueren Wegweiser.
Eine breite Auswahl
Eines der inofiziellen Schilder

Da kommt richtig Schnitzeljagdstimmung auf, wenn man den ganzen Tag kleinen Hinweisen folgt. Ein wenig wie ein großer "Multi" beim geo-caching. Vielleicht hat Andreas ja Lust die Pilgerstrecke mit einem Cache zu versehen der dem "Malerweg" nahe kommt. ;)

Nicht alle schaffen es

Auf meiner Wanderung passiere ich am südlichsten Punkt des Insel das berühmt-berüchtigte Kap Ashizuri. Hier stürzen sich angeblich "viele" Japaner von der Klippe. Ich kenne die Statistiken nicht und habe auch an meinem Tag dort keinen Springer gesehen. Das Kap befindet sich in am Tempel 38 und man befindet sich dort noch im Abschnitt der Disziplin. Sicher gibt es viele Gründe "Schluss zu machen", aber außer Pilgern komt da kaum einer vorbei...
Alles friedlich und alle auf der richtigen Seite des Geländers

Eine Geschichte hat mich erschüttert. Monika, eine Schweizerin mit der ich einen Teil des Weges gemeinsam gegangen bin, hat auf der schwierigen Bergetappe zwischen Tempel 11 und 12 einen Pilger "hängen" gesehen. Dieser hat sich am Abend zuvor noch mit seinem Zimmergenossen auf der offenen Pilgerhütte unterhalten. Der Zimmergenosse (ein Europäer) war am nächsten Morgen natürlich total erschrocken bis hilflos. Nachfolgende japanische Pilger haben für ihn dann die Polizei informiert. Keine Ahnung ob ich mich am Telefon hätte verständlich machen können in so einer Situation. Ich muss den Vorfall nur knapp verpasst haben, habe ich Monika ja um den Tempel 20 herum getroffen. Sehr unterschiedlich war unser Tempo ja nicht. Gruselig.
Ich ziehe meine Schlüsse und vermute, dass einige Pilger sich auf ihre Reise machen um etwas zu verarbeiten. Am Ende sind auch ein paar Japaner dabei die gerade ihre Arbeit verloren haben oder anderweitig in eine Schieflage geraten sind... und machen dann Schluss.

Die anderen und ich

Im Tempel treffe ich auf viele Auto- und Buspilger die sich in Scharen über das Tempelgelände schieben. Manchmal muss ich an der Kalligrafiestube anstehen. Dort wird dann für eine ganze Busladung im Akkord gepinselt und mit dem Fön schnellgetrocknet, während die Pilger im rasanten Takt der Klanghölzer ihre Sutren herunterbeten - sprichwörtlich. Zwischen den Tempeln treffe ich dann auf all meine Brüder und Schwestern im Geiste. Endlich "richtige" Pilger! Wer den Bus nimmt, weil er körperlich nicht kann, dem verzeihe ich natürlich... ;)
Sie schieben sich genau wie ich oftmals am schmalen Straßenrand entlang. Wer glaubt, dass der Pilgerweg eine gut gewartete Piste in Mitten der Natur ist, wird auf langen Abschnitten enttäuscht. Was habe ich geflucht, wenn es mal wieder auf der Fernverkehrsstraße entlang ging und die Fernfahrer nicht viel Platz zum Ausweichen hatten, weil weder Standstreifen noch Fussweg vorhanden waren. Einen eigenen Fußweg hat man selbst in Ortschaften nicht immer. Übrigens sind täglich ü30km auf Asphalt und Beton echt kein Spaziergang. Der Harte Untergrund sorgt für eine schnellere Ermüdung des gesamten Bewegungsapparates. Ich schiebe die rapide Abnutzung meiner Schuhsolen ebenfalls auf den rauhen Untergrund. Da freut man sich über jeden Feldweg.
Zwei mal wollte man mich konvertieren. :(

Generell freue ich mich immer, wenn ich einen Wegbegleiter habe. Geteiltes Leid usw... So treffe ich auf allerlei Nationalitäten. Die Japaner sind am meißten vertreten. Bei ihnen fällt auf: Fast alle sind Rentner. Vorher hat niemand Zeit für so eine Reise. Viele ortsfremde Asiaten habe ich sicher als Japaner fehlgedeutet, aber einige habe ich an der Sprache entlarvt. So waren recht viele (Süd-)Koreaner unterwegs. Einen Chinesen habe ich ein paar Tage begleitet. Aus Europa hatte ich einen Iren, zwei Östereicherinnen, drei Deutsche (eine Frau lief zum dritten mal die Runde), zwei Holländer, einen Portugiesen, drei Franzosen, ... Ich hab sicher ein paar vergessen. Auf jeden Fall kommt man immer prima miteinander ins Gespräch, hat man ja das selbe Ziel und ähnliche Probleme. Lustig wirds, wenn man zufällig die selbe Unterkunft hat oder man sich tagsüber auf Grund von Geschwindigkeitsunterschieden trennt und abends wieder sieht. Mit einem Japaner im Rentenalter habe ich dieses Spiel eine ganze Weile getrieben. Tagsüber war er langsam mit wenigen Pausen unterwegs und ich habe zwischen vielen Pausen einfach mehr Geschwindigkeit an den Tag gelegt. Wir waren im Mittel gleich schnell. Wir haben uns sogar nachdem er wegen Fussproblemen zurückgefallen ist, später wiedergesehen, als ich mit den Problemen an der Reihe war. :D Er hat mir dann seine Salbe vererbt...

Sehenswertes am Weg

Ich habe die meisste Zeit weder die Kapazitäten, noch das Verlangen Extrawege zu gehen. Aber manchmal passt es und ich besuche eine alte Burg oder treffe ganz zufällig auf ein Volksfest. Am 03.11. zum Beispiel war "Herbstfest" und ich habe schon zeitig überall an den Shintoschreinen den Schmuck und die vielen Menschen gesehen. Zu meinem Glück habe ich eine nicht all zu lange Tagestour angesetzt, was am schmerzenden Fuss liegt. Aber das ist schnell vergessen als ich am Zielort angekommen bin und in der Ferne die Trommeln höre. Also schnell den buddhistischen Tempel besuchen und meine "Pflicht" tun und dann immer den buten Wagen nach zur Konkurrenz. Da ich meinen Rucksack schon in der Unterkunft abgelegt habe, bevor es zum Tempel ging, reise ich mit leichtem Gepäck und bin nicht gewillt erst meine Pilgerkluft ins Hotel zu bringen. So stehe ich nicht viel später an der kleinen "Festmeile" vor dem Shintoistischen Tempel und decke mich mit Leckereien ein. Das Programm beginnt alsbald und so stehe ich als buddhistischer Pilger eingekleidet inmitten einer Menge. Dass ich auffalle ist egal. Das passiert eh immer. So werde ich angesprochen oder plaudere und lerne eine Menge über die Gepflogenheiten am Shintotempel.
Die Leute aus den Umliegenden Ortschaften finden sich heute hier ein um "Erntedank" zu feiern. Jede Gruppe bringt seinen tragbaren Schrein oder ein Ungetüm auf Rädern mit. Die Schreine werden auf den Schultern getragen und sehen nicht leicht aus. Die Träger sind hochmotiviert und mindestens genau so stark alkoholisiert. Die Anwohner der verschiedenen Schreine geben von alters her Spenden in form von Sake (Reiswein) für dieses Event. Die Träger setzen diesen dann beim Tragen ihrer Last um. :) Viele der Wagen haben ein Bierfach im inneren. Natürlich eisgekühlt. So wird die Laune hoch gehalten und die Feierlichkeiten können beginnen.
Es bahnt sich was an
Es werden mehr

Nacheinander werden sie vor den Priester bestellt, der am Tempeleingang wartet. Die Träger mit ihren Schreinen werden vom Tengu eingewiesen. Dort wird der Schrein oder Wagen einige Runden wild im Kreis gedreht oder auf und ab gehoben. Ja fast schon geworfen. Jede Gruppe versucht die vorherige in der Waghalsigkeit ihrer Manöver zu überbieten, bis es die Stufen hinauf zum Priester geht. So wie ich das gesehen habe, nimmt dieser einen Zweig vom Schrein entgegen und erteilt seinen Segen. Es gibt übrigens auch einen ausschliesslich von Frauen getragenen Schrein.
Der Taktgeber für alle
Tengu im Einsatz

Der Tengu ist nicht nur der Einweiser am Tempel. Er ist ein göttliches Wesen, das wie mir erklärt wird "als Helfer Gottes" bei dieser Feierlichkeit agiert. Sie tanzen Wild um die Wagen und Schreine und erklimmen diese gelegentlich. Vor allem der Kinder wegen, die in den Schreinen getragen werden (und trommeln). Ob ihrer gruseligen Aufmachung werden sie als Glücksbringer angesehen (also die Tengu). So gehen sie duch die Menge und Kinder werden auf den Arm genommen oder gefangen. Die meissten der Kinder sind nicht sehr erfreut über die Begegnung. Die kleinen fangen alle an zu schreien, haben aber keine Wahl. Wieso der Tengu das tut? Hier ist es wieder wie mit dem Schonrsteinfeger. Glück und Gesundheit für all jene die er berührt. Wir haben nach dem Fest zusammen ein Bier gekippt. Ich denke das gilt auch. :)
Der Nachwuchs
Viererkombination (links die Frauengruppe)

Die Stimmung ist locker. Niemand beschwert sich darüber, dass ich in der Kleidung der "Konkurrenz" auftauche und es dauert nicht lange bis mich eine der Gruppen mit einem Drachen zu sich einlädt. Es gibt ein Bier nach dem anderen und ich werde eingeladen den Drachen zu schieben. Ich komme nicht unter die Räder, geht es doch lediglich nach der Veranstaltung bis zum Drachenparkplatz. Zum Glück habe ich die Gruppe von nebenan erwischt. Wir rollen nur 200m bis nach Hause.
Als sich die Wagen auf den Weg nach Hause machen gleicht der Tempelplatz einem Schlachtfeld. Die sonst so peniblen Japaner haben eine Menge Müll hinterlassen. Das meisste sind Bierdosen. Ich sammle nachdem der Drache weggeparkt ist meine Bierdosen ein und suche nach einem Eimer.
Auf dem Weg zum Hotel lasse ich mir Zeit. Im Familienhotel ist erst wieder ab 19 Uhr jemand am Tresen. Vorher komme ich nicht in mein Zimmer. Die Tasche steht an der Lobby. In Japan kommt eh nichts weg. So sitze ich vor einer Schule auf einer Bank und widme mich meinem Handy. Plötzlich werde ich angesprochen. Ein "lustiger" Herr mit einer Trommel hat mich wiedererkannt. Er gehört zu einer der Gruppen die einen Drachen gefahren hat und er besteht darauf mich zur Nachfeier seiner Gruppe einzuladen. Die haben sich alle schon im Gemeinschaftsraum zusammengefunden als wir eintreffen. Ich frage bei nüchtereren Kollegen nach, ob es in Ordnung geht, dass ich mich hier einlade. Ich kann mich gegen die Einladung nicht wehren und so sitze ich alsbald zwischen den Wagenfahrern und bekomme meine viertes Bier an diesem Abend gereicht. Wir plaudern und immer wieder wird mir Essen gereicht, das ich probieren soll. Ich halte mich bescheiden zurück, bin aber nicht böse über das kostenlose Abendessen. :) Irgendwann kurz nach 19 Uhr ruft mich mein Hotel an und verkündet, dass ich jetzt einchecken kann. Meine Gelegenheit mich auszuklinken. Das fünfte Bier wird geleert und ich verabschiede mich unter ausgiebigen Dankesformeln. Ich bin nicht böse, dass ich mich davonstehlen kann. Die Gespräche (bzw. der Alkoholpegel) hatten sowieso schon das Niveau erreicht wo alle paar Minuten immer wieder das selbe gefragt wurde. Die Japaner und der Alkohol... :)
So macht Pilgern Spaß. Nicht jeden Tag geht es so bunt zu, aber ich glaube das ist auch gut so. Man weiss solche Tage dann um so mehr zu schätzen.

Die Sache mit den Schmerzen

Ich kann mich im Nachhinein echt nicht beklagen. Lange war ich, abgesehen vom Muskelkater der ersten Wochen, ohne Schmerzen unterwegs. Selbst Blasen (über die viele Wegbegleiter geklagt haben) haben mich verschont. Es gab da nur diese eine Etappe, wo der linke Fuss partout nicht mehr mitmachen wollte. Da musste ich mit ein paar Tagen Abstand, zwei Pausentage einlegen. Den ersten Pausentag habe ich genutzt um meinen Rucksack zu erleichtern. Von den selbstmörderischen 17kg konnte ich 4kg abdrücken. Diese gingen dann par Post an meine Basis zurück. Das war nicht mal teuer, da die Post hier nach Paketabmaß geht anstatt nach Gewicht. Was ich mir dabei gedacht habe mehr als zwei paar Socken, drei Schlüpper usw. mitzunehmen weiss ich nicht. Mal ganz abgesehen von der Jeans... Keine Ahnung was mich geritten hat die mitzunehmen. Der Schlafsack durfte auch abtreten. Ab sofort also keine Übernachtungen im freien mehr. Ist eh schon fast November...

In guten wie in schlechten Tagen

Das Wetter war anfangs sowas von sommerlich, dass ich mehr der Hitze wegen geschwitzt habe anstatt der Anstrengungen des Weges. Sonnencreme war Pflicht und ich war echt froh über meinen Hut. Auf meinem Weg durch das offene gelände der Agrarregionen Shikokus oft gar keine Schattenspender. Irgendwie hab ich allerdings den Sonnenbrand immer abgewehrt.
Der erste Regen kam erst auf dem Weg zum Tempel 12. Da hätte ich den Regenschutz allerdings nicht mal gebraucht, wäre nicht meine Pilgertasche exponiert, wenn ich keinen Poncho trage. So richtig bezahlt gemacht hat der Poncho sich erst zum ersten Taifun. Taifune gehören in Japan zum Herbst dazu und hier schiebt keiner Panik deswegen. Die allgegenwärtigen Lautsprecher geben übrigens immer wieder aktuelle Wettervorhersagen durch. Man ist bestens vorbereitet. Unterschätzen sollte man sie aber auch nicht. Ein paar Landstriche in Japan hat es hart getroffen, war es doch der stärkste Taifun überhaupt, der uns da wegzublasen versuchte. Wir sind an den Tagen als der Taifun Shikoku getroffen hat nur halbtags gelaufen. Ich fand die Pause toll. Interessant war übrigens, dass es drei Tage vor dem Taifun schon geregnet hat, aber hinter dem Wirbel außer Wind nichts weiter war. Sonnenschein, keine Wolken, aber der Hut ist mir fast kaputtgegangen vor lauter Wind.
Zeit in eine Unterkunft zu kommen...

Alles in Allem hab ich mich über den goldenen Herbst gefreut. Richtig kalt wurde es erst auf der letzten Etappe. Vor dem Tempel 66 galt es einen steilen Berg zu erklimmen. Wie immer bin ich in kurzen Sachen gestartet. Bergauf war das mit der kälte keine große Sache. Wenn man in Bewegung bleibt, wirds von allein warm. Lustig wurde es als ich am Tempel angekommen war. Auf der Bergspitze pfiff ein eklig kalter Wind und mir wurde beim Huldigen schnell kalt. Der Mönch der die Kalligrafie ins Buch malt hatte in seiner Stube schon den Ölbrenner an. Als ich fertig bin und meine Tasche packe, kommt mir der Mönch mit einem Geschenk hinterhergelaufen. Es ist ein Wärmekissen für die Jackentasche. Ich muss schon sehr erfroren ausgesehen haben. Zu guter letzt fallen mir noch ein paar Graupelkörner in den Schoß. :)

Geschenke!

Erlebt hab ich das oftmals so: Der Weg ist mal wieder lang, das Wetter bescheiden und die Strecke öde. Ich mache mangels Sitzgelegenheiten Rast unter einer Fußgängerbrücke. Diese befindet sich, wie sollte es anders sein, an einer gut befahrenen Straße. Mir egal. Ich brauche zur Pause keine schöne Landschaft. Hauptsache mal fünf Minuten weder Regen noch Rucksack. Ich lege meinen Krempel ab und mache mich über ein paar Snacks her. Schließlich braucht die Stimmung ein wenig hilfe beim Steigen. So gammle ich vor mich hin und kann mich nicht so recht zum Weiterlaufen aufraffen. Die Laune ist im Keller. Als dann ein Fahrzeug halb auf dem Bordstein zum stehen kommt grummle ich noch in mich hinein "Muss der hier parken?" bevor ich bemerke, dass das Manöver mir gilt. Mir werden Mochi (süße Reisteigbällchen) und ein Getränk gereicht. Ich schaffe es gerade noch ein Lächeln aufzusetzen und ein paar Dankesworte zu stammlen, da ist der "Verkehrssünder" auch schon wieder weg. Da hat jemand spontan seine Fahrt wohin auch immer unterbrochen um mir eine Freude zu machen. Die Süßigkeiten und das Getränk waren sicher ursprünglich zum eigenen Verzehr bestimmt. Die Geste hat ihren Effekt nicht verfehlt. Ich mache mich besser gelaunt auf die Weitterreise. - Schon damit nicht noch mehr Leute für mich anhalten. Das wäre mir dann wirklich peinlich, wo ich doch gerade so schön am grummeln war, kann man mir doch nicht einfach was schenken! :)
Was ist hier passiert? Ich wurde als Pilger erkannt und habe ein "o-settai" bekommen. Ein o-settai ist eine Gabe, die ein Pilger (zumeist von Nichtpilgern) ohne erwartete Gegenleistung erhält. Im Prinzip kann das alles sein und kann von jedem kommen. Die Spanne reicht von ein paar Bonbons oder Früchten bis hin zum Rabat im Restaurant oder Bargeld. Das ist mir alles passiert. Manchmal sind mir Leute was weiss ich wie lange nachgelaufen, bis ich sie bemerkt habe. Als angemessene Gegenleistung für die Gabe an den Pilger ist laut meines Guides ein Namensstreifen nebst Dankesworten fällig. Oftmals habe ich bei den spontanen Begegnungen gerade so Zeit für letzteres. Einige geben mir gar zu verstehen, dass sie meinen Zettel nicht brauchen. :) Ablehnen gilt übrigens nicht! Man kann nicht in Worte fassen wie unhöflich das wäre. Überschüssige Gaben kann man quasi jederzeit einer der vielen Statuen am Wegesrand "opfern". Ich hab das einmal probiert. Der Kaffee aus der Dose wurde so einfach (ungeöffnet) weiterverschenkt und niemandem wurde wehgetan.
Manchmal Geld,
manchmal Futter... (beides am Tempel 8 bekommen)

Bleibt nur noch die Frage wieso die Leute das tun. Am einfachsten ist das erklärt, wenn man die Parallele zum Schornsteinfeger zieht. Es bringt Glück ihm die Hand zu geben. Niemand muss wissen wieso, aber jeder tut es. - So ähnlich ist das mit dem Pilger. Er ist auf einer spirituellen Reise, auf der Suche nach Antworten oder um sich einen Wunsch zu erfüllen. Die Leute die einen dabei beschenken (unterstützen), geben dabei ihre eigenen Wünsche mit auf den Weg und verbinden dies mit einem positiven Effekt für sich selbst. "Jeden Tag eine gute Tat..." oder so. :)
Ich bin jedenfalls von der Freundlichkeit der Menschen am Wegesrand überwältigt. Sicher sehen sie immer mal einen Pilger und einige sind in ihren guten Taten "organisiert" und haben speziell für Pilger auf ihrem Grundstück einen Rastplatz inklusive Tee und Snacks eingerichtet. Aber die meissten treffen wie der Autofahrer an der Kreuzung mitten im Alltag auf jemand wildfremden und entscheiden sich dazu, kurz inne zu halten um ein paar Worte zu wechseln oder etwas zu verschenken. Keine Ahnung, ob ich das auch könnte.
Manche Tage bekomme ich vier oder fünf mal etwas zugesteckt. Wie der Guide schon sagt, soll man niemals darauf bestehen oder gar erwarten, dass man hier und da Nachlass oder Geschenke bekommt - was ich auch nie tun würde - aber es passiert einfach. Lustigerweise öfter, wenn ich gerade Pause mache. Ich muss wohl sehr erschöpft oder unterernährt aussehen. Was nicht von der Hand zu weissen ist, ist meine offensichtliche nicht-japanische Herkunft. Ich habe den Ausländerbonus. Viele Japaner pilgern ebenfalls und werden nicht so reich beschenkt wie ich. Das merke ich besonders drastisch, als ich zusammen mit einem Chinesen laufe. Ich bekomme von einem Japaner eine Kaki zugesteckt. Seine zweite Kaki gibt er nach kurzem Überlegen ebenfalls mir, anstatt dem zweiten Pilger neben mir das selbe Geschenk zu machen. - Natürlich habe ich die zweite Kaki teilen wollen. Pang wollte sie aber nicht. :) Er hat mir daraufhin erklärt, dass das immer so läuft. Er bekommt als Asiate tendenziell weniger zugesteckt. Weniger aus Ablehnung gegen Chinesen, eher weil er einfach als Japaner durchgeht. Im Tempel Nr. 3 hatte er Glück, dass er im Kalligrafiebüro Englisch gesprochen hat. Ein Japaner hätte nicht das kleine Geschenk bekommen, das jeder ausländische Pilger von der Dame dort bekommt. So ist das mit der nächstenliebe... Jeder hat seine Lieblings-nächsten.

Für die Statistikfans

Ich habe auf meiner Reise das Wander-GPS täglich mitlaufen lassen. Schon um mir mitten im Nichts darüber klar zu werden wo ich denn auf der japanischen Karte gerade bin. Die Japaner sind ein furchtbares Volk, wenn man deren Karten verwendet. Die sind nie genordet und oftmals nach dem aktuellen Standort ausgerichtet (bei Hinweisschildern). In meinem Wanderbuch gilt der erste Blick deshalb immer dem Pfeil nach Norden. Danach drehe ich oftmals genervt das Buch um mit dem GPS vergleichen zu können. Das GPS wurde jeden Morgen genullt und so konnte ich mich zum Abend über "all die schönen Kilometer" freuen. Die vom GPS aufsummierten Höhenmeter machen oft wenig Sinn. Angeblich bin ich auf ebenen Strecken manchmal 300m angestiegen. Deswegen habe ich mich lediglich auf die Tageskilometer beschränkt. Achtung: Auch hier ist Vorsicht geboten. Die Entfernungen entsprechen dem was ich tatsächlich gelaufen bin. Doppelt gelaufene Strecken werden auch doppelt gezählt. Die Aufsummierte Strecke muss also nicht 1:1 dem Pilgerweg entsprechen.
Hier stimmt die Anzeige mal (Abschnitt Tempel 11 bis 12)

Die einfache Tabelle hier sollte selbsterklärend sein. Viel mehr interessantes habe ich an täglichen Informationen auch nicht zusammengetragen.

Tag Datum Tempel Kilometer Wetter Bemerkungen
1 10.10.17 1, 2, 3, 4, 5 20km Sonne schäbige freie Unterkunft, wenig Schlaf
2 11.10.17 6, 7, 8, 9, 10 25km Sonne freie Unterkunft neben heisser Quelle
3 12.10.17 11, 12 16km Nebel, Nieselregen schwierigster Bergabschnitt, Unterkunft in Tempel 12
4 13.10.17 13, 14, 15 30km Wolken, Nieselregen freie Unterkunft bei Taxiunternehmen
5 14.10.17 16, 17, 18, 19 26km Regen
6 15.10.17 20, 21 26km Regen
7 16.10.17 22 24km Regen, Wind Taifun kündigt sich an
8 17.10.17 23 35km Regen, Wind
9 18.10.17 - 24km Sonne -> Regen
10 19.10.17 - 26km Regen -> Sonne ->Nieselregen
11 20.10.17 24, 25, 26 23km Wolken, Nieselregen Übernachtung in Tempel 26
12 21.10.17 27 36km Regen
13 22.10.17 - 13km Sonne Taifun ist da! Einer der stärksten überhaupt
14 23.10.17 28, 29 42km Sonne, starker Wind Wind beschädigt Hut -> Kabelbinder
15 24.10.17 30, 31, 32 28km Wolken, Sonne
16 25.10.17 33, 34, 35, 36 32km Sonne
17 26.10.17 - 38km Sonne komme erst im Dunkeln an
18 27.10.17 37 32km Sonne Übernachtung in freier Unterkunft neben heisser Quelle (Fernverkehrsstraße)
19 28.10.17 - 32km Regen ohne Rucksack gelaufen, nächster Taifun ist nah
20 29.10.17 - 21km Starkregen -> Sonne spät los wegen abziehendem Taifun
21 30.10.17 38 22km Sonne Fuss links macht Ärger
22 31.10.17 - 28km Sonne viele Pausen wegen Fuss
23 01.11.17 39 34km Sonne ab Tempel Bus zum Hotel, wegen Fuss
24 02.11.17 - 6km Sonne nur Strecke Hotel <-> Tempel nachgeholt, Gepäck reduziert (Post), Ruhetag wegen Fuss
25 03.11.17 40 27km Sonne Herbstfest
26 04.11.17 - 30km Sonne, Wolken, Wind
27 05.11.17 41 30km Sonne, Wolken
28 06.11.17 42, 43 40km Sonne im Dunkeln angekommen
29 07.11.17 - 32km Sonne, Wolken
30 08.11.17 44 28kms Regen
31 09.11.17 45, 46 28km Sonne ca. 17km mit Bus, weil Fuss nach Bergablaufen wieder nicht mehr wollte
32 10.11.17 47 5km Sonne Ruhetag wegen Fuss, nur ein wenig gehumpelt
33 11.11.17 48, 49, 50, 51 14km Sonne wegen Fuss langsam gelaufen
34 12.11.17 - 14km Sonne
35 13.11.17 52, 53 20km Sonne
36 14.11.17 54, 55, 56, 57 32km Regen, Sonne
37 15.11.17 58, 59 27km Sonne
38 16.11.17 60, 61, 62 27km Sonne, Wolken
39 17.11.17 63, 64 34km Sonne, Wolken
40 18.11.17 65 37km Regen, Nebel einmal verlaufen dank der guten ungenordeten Karten
41 19.11.17 66, 67 24km Wind, Wolken arschkalte Bergtour in kurzen Hosen...
42 20.11.17 68, 69, 70, 71, 72, 73, 74 28km Sonne, wenig Regen Unterkunft in Tempel 75 (zu spät für Eintrag angekommen)
43 21.11.17 75, 76, 77, 78 22km Sonne, Wolken beste Morgenzeremonie überhaupt (Tempel 75) es war ungeheizt...
44 22.11.17 79, 80, 81, 82 31km Regen, Nebel Tempel 81 und 82 auf dem Berg ohne Tasche besucht (Unterkunft am Fuss des Berges)
45 23.11.17 83, 84 32km Sonne, Wind
46 24.11.17 85, 86, 87 21km Sonne, Wolken, Wind
47 25.11.17 88 30km Sonne, Wolken
48 23.11.17 3, 1 32km Regen auf dem Weg zum Tempel 1 Tempel 3 ein zweites mal besucht und Tempel 2 wegen Zeitmangel ausgelassen

Es war ein weiter Weg
Für uns beide


Ich bin ein Star!

Eines Abends übernachte ich in einem Tempel. Der Tempel ist gut besucht und die Tafel ist lang. So komme ich mit vielen Nationalitäten ins Gespräch. Eine Kanadierin mit guten Japanischkenntnissen verrät mir, dass ich das Thema des Tages unter den japanischen Pilgern bin. "Hast du den 2m-Pilger aus Deutschland gesehen?!" sollen sie sich alle gegenseitig aufgeregt unterhalten haben. Klar hebe ich mich hier geringfügig von den Masse ab, obwohl ich die selbe Farbe trage und versuche nicht weiter aufzufallen :) Dass man sich darüber länger unterhalten kann oder dass das gar zu Begeisterung führt, ist mir ein wenig peinlich.
Wenn ich angesprochen werde, kommt den Japanern meisst noch vor dem Gruß ein "Sie sind aber groß" über die Lippen. Wenn ich dann bestätige, dass es über 2m sind, wird dies erst einmal lautstark den anderen Anwesenden kundgetan. Danach kommt dann meisstens die Frage nach der Herkunft. Ich weiss nicht was der Durchschnittsjapaner erwartet, aber ich nehme mal an, dass man mich erst einmal für einen blassen Australier oder einen Amerikaner hält, denn "Deutschland" als Antwort führt zu einer sichtlichen Steigerung der Hysterie um mich. :) (Klar, dass Deutschland nicht der nächste Weg ist und das unerwartet kommt.) Vielleicht sind Deutsche als alte Freunde und Gleichgesinnte im Geiste besonders hoch angesehen. Ich kann hier nur Mutmaßen. Die nächsten Fragen betreffen dann meisst das Pilgern. "Alles zu Fuß?!", "zum ersten mal?", "ganz allein?". Wenn wir uns länger unterhalten (meisst zum Abend in der Unterkunft) kommen dann auch unangenehme Fragen wie "Mit 31 noch unverheiratet?" :)
Ich hab mir vorgenommen ein T-Shirt anfertigen zu lassen: "1x Anstarren: 20Yen, 3x Anstarren: 50Yen, Nach der Größe Fragen: 100Yen, Foto mit dem Großen Typen aus DE: 150Yen". Das wird dann eine sichere Einnahmequelle in Städten. Starren tun sie wirklich alle, wenn auch nicht, wenn ich gerade hingucke.

Die vier Phasen des Pilgerns

Während ich täglich einen Fuß vor den anderen setze und Kilometer für Kilometer hinter mir lasse, arbeite ich mich nicht nur durch Ortschaften oder Berge und Täler. Ich rotiere dabei auch durch die vier Abschnitte des Pilgerdaseins. Dass am Ende das Nirvana wartet ist vielen als Ziel bewust. Auf dem Weg dahin gilt es allerdings noch drei andere Bewusstseinsstufen zu durchlaufen - sprichwörtlich. Diese werden geografisch abgegrenzt. "Shikoku" (四国) bedeutet wörtlich 4 Königreiche. Das war in alten Zeiten so und so ist es noch immer. Die Insel teilt sich in vier Präfekturen (Bundesländer). Praktischerweise grenzen diese 4 Präfekturen auh die vier Phasen des Daseins ab. So wandert man (idealerweise) von Tokushima nach Kochi, weiter nach Ehime und passiert Kagawa, bevor sich der Kreis in Tokushima schliesst. Soviel zu den weltlichen Bezeichnungen. Für die Pilger stellen die Präfekturgrennzen die vier Abschnitte Erwachen, Disziplin, Erleuchtung und Nirvana dar. Da der Pilgerweg sich fast kreisförmig um die Insel wickelt geht man, sollte man bei Tempel 1 beginnne und den Nummern aufsteigend folgen, automatischdie vier Abschnitte ab. Ein einziges mal um den Tempel 66 herum wird die Ordnung gestört, weil man dort auf dem Weg zwischen Erleuchtung und Nirvana kurz in die Erwachen-Präfektur eintritt. Kann aber nicht schaden, wenn man sich kurz vor der finalen Phase noch einmal auf die Ursprünge besinnt. :)
Von grün nach lila, über gelb nach rot. So einfach


Das was bleibt

Was nimmt man von so einer Pilgerreise mit? Eine Menge Souveniers können es nicht sein. Ich habe es gespürt was es bedeutet einen zu schweren Rucksack zu tragen. So habe ich mich oft besinnen müssen, dass ich das was ich da ins Auge gefasst habe auch den Rest des Weges tragen muss - und habe es letztlich schweren Herzens liegen gelassen. Bei ein paar kleinen o-settai habe ich eine Ausnahme gemacht.
Das Foto war leichter
Eindrücke zum Mitnehmen

Der Schwerpunkt muss also wo anders liegen. Mir war von vornherein klar, dass der Weg das Ziel ist. So habe ich diesen schlicht auf mich einwirken lassen, während ich meinen täglichen Weg gegangen bin. Manchmal waren die Eindrücke eher schlicht, wenn ich an die vielen Kilometer entlang der Straßen denke. Dafür habe ich mich um so mehr gefreut, als die schönen Bergstrecken und Abschnitte entlang alter Pilgerwege dran waren. Irgendwann hat man zwar genug Kleinstädte, Dörfer und Tempel gesehen, aber irgendwie ist doch immer wieder was neues dabei. Wirklich schwer zu beschreiben wie sich das anfühlt. Nach ein paar Tagen kontinuierlichen Gehens fallen einem die kleinsten Details ins Auge. An öden Regentagen habe ich mich über die kleinen roten Krebse auf dem Weg gefreut. Einige waren regelrecht angriffslustig und so halte ich kurz an um sie mit meinem Stock hin und her zu dirigieren, während sie mir drohend ihre Scheren entgegenstrecken. Der Weg ist oft nicht besonders anspruchsvoll. So lasse ich die Beine ihre Arbeit verrichten und blicke fast schon wie ein Fahrgast im Bus auf die Landschaft, während diese an mir vorbeischleicht. Der Stock läuft automatisch mit und wird, so will es der Brauch, auf Brücken nicht aufgesetzt. Ich verpasse fast keine der Brücken ohne groß darüber Nachzudenken. Passend zum "Mitnehmen" habe ich jetzt jedes mal wenn ich eine Brücke passiere (auch im Auto) den Impuls den Stock anzuheben, welchen ich nicht mal bei mir habe. Gibt schlimmeres, aber Pawlow lässt grüßen. :)
(Das mit dem Stock auf der Brücke hat wieder einmal mit Kobo Daishi zu tun. Man sagt ihm nach noch immer duch die Welt zu pilgern. Da es sein könnte, dass er gerade unter dieser Brücke rastet, wäre es ein Unding ihn durch sein Stockgeklopfe zu wecken.)
Ein wenig Ablenkung
und knuffige Tempelhüter

Tja. Wer jetzt erwartet hat, dass ich hier in der Zusammenfassung das Geheimnis zur inneren Erfüllung ausplaudere wird enttäuscht. Mir hat der Weg ein paar Erkenntnisse gebracht. Der Wanderer in mir weiss nun wie es ist, wenn man jeden Tag einfach weiter geht und ich bin froh dass ich den Weg ohne große Probleme gemeistert habe. Weniger ist (nicht nur hier) mehr. Es braucht wirklich nicht viel um seinen Weg zu gehen, wenn man die eigene Gesundheit als wichtige Voraussetzung mal ausklammert. Man muss lediglich den ersten Schritt tun. Ist man erst mal auf dem Weg ist schon viel geschafft. Natürlich war es nicht immer leicht und ich hab oft geflucht über die öden Phasen. Aber als sich das Ende des Weges ankündigte war ich schon ein wenig traurig. "Es war doch gerade so schön und nun ist schon Schluss..." Nichts ist für immer und ich will lieber sagen ich habe es einfach gemacht, als irgendwann voller Bedauern zurück zu Blicken. Das kann man im Leben wohl auf vieles übertragen. Vielleicht ist das meine Erkenntnis aus der Reise. Schon bekloppt, dass man dafür 1200km laufen muss. ;) Ich würde es allerdings wieder tun.
Ende