WWOOFen Teil zwei

Mit Pilgern bin ich durch und es wird Zeit, dass ich mir eine neue Bleibe suche. Ich möchte wieder für eine Weile sesshaft werden und so WWOOFe ich ein weiteres mal. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ich habe Landsleute um mich und lerne eine Menge über das Leben in Japan. Dass ich kostengünstig unterkomme und ich meine Ausgaben deutlich herunterschrauben kann ist ebenfalls sehr willkommen. Pilgern war der teuerste Abschnitt meines Jahres bisher.
Die Wahl wohin es gehen soll ist schnell getroffen. Schliesslich habe ich noch ein paar Hosts (Gastgeber) vom letzten Mal auf meiner Liste. So Schreibe ich die Dame mit der Englischschule an und habe kurz darauf eine Zusage. Sie freut sich, dass ich ihr im Dezember aushelfen kann. Normalerweise herrscht im Winter Flaute was WWOOFer angeht.

Auf zu neuen Ufern

So geht es diesmal nach Mito. Genauer nach Hitachinaka. Die Firma Hitachi (Firmenname abgeleitet vom Ortsnamen?) hat da übrigens einen großen Standort. Deren Testturm für Aufzüge überragt alle umliegenden Gebäude bei weitem. Die Gegend macht ansonsten eher einen Kleinstadteindruck. An ein paar großen Fernverkehrsstraßen lagern sich Industrie und Dienstleistungsgewerbe an. Dahinter findet man viele Einfamilienhäuser und ein paar wenige Wohnblocks. Aufgelockert wird das ganze von Reisfeldern und ein paar Flecken Waldwirtschaft. Da mich Großstadt nach mehr als einer Woche sowieso immer anstinkt, bin ich nicht böse über das Kleinstadtambiente.
Ich komme also eines Samstag Morgens, Anfang Dezember mit dem Nachtbus in Mito an und fahre die zwei Stationen mit der Regionalbahn in meine neue Wahlheimat. Da ich mich angekündigt habe, werde ich am Bahnhof abgeholt. Meine Gastgeberin empfängt mich mit vorgehaltenem Smartphone. Sie hat meine Ankunft gefilmt und - wie ich später erfahre - auch sogleich auf Facebook geteilt. So stellen wir uns einander vor und während ich meine Taschen in ihr Auto lade erklärt sie mir, dass ich sie Dorothy nennen soll (wie die Protagonistin im "Zauberer von OZ"). Auf der Fahrt zur neuen Bleibe erläutert sie mir den Tagesplan. Dorothy spricht bestes Englisch daher habe ich keine Mühe ihr zu folgen. Samstags ist immer Kids&Moms-Englischstunde. Da kann ich gleich mit machen, nachdem ich gefrühstückt habe.
Die Fahrt zum Haus dauert keine fünf Minuten. Am längsten hat das Gespräch mit einem Nachbarn gedauert, den wir unterwegs getroffen haben. Als ich meine Koffer auslade hilft mir Jay diese auf mein Zimmer zu befördern. Er ist einer von zwei wieteren WWOOFern. Die zweite ist Heloise (Eloise, französische Aussprache (da fehlen ein paar Apostrophen, falls sich wer wundert - hab vergessen wo die standen)). Jay ist aus Oregon (USA) und Heloise aus Geneve wie sie es nennt (Genf im französischsprachigen Teil der Schweiz). Die beiden sind (jeweils) 19 Jahre alt. Jay ist schon eine Weile hier und weiss über alles bestens bescheid. So ist er für Heloise und mich erste Anlaufstelle für Fragen. Er erklärt uns, dass die Englischstunde mit den Zwergen sehr entspannt wird. Die meiste Zeit wird gesungen und gespielt. Die wenigen Fragen auf Englisch werden wir schnell drauf haben...

Der erste Arbeitstag

So stehe ich wenig später zusammen mit den anderen WWOOFern, Dorothy, den Muttis und deren Vorschulkindern im Kreis und wir singen und tanzen gemeinsam zum "Hello"-Song. Der wird immer zum Beginn gespielt. Ich versuche derweil mit der Choreografie mitzuhalten. Sonderlich schwer ist die nicht, aber wenn man zum ersten mal mitmacht schaut das sicher lustig aus, wenn einer in der Runde mit Zeitversatz mitwackelt. Die Kinder scheint das nicht zu stören. Die sind mit voller Begeisterung dabei, wenns ans Tanzen geht.
Drei bis vier Lieder später wird es ruhiger. Dorothy fragt die kleinen einzeln zu Farben, Wochentagen und den zwölf Monaten ab. Diese werden immer mit einer kleinen Melodie hintereinander weg gesungen und auch hier machen alle begeistert mit. Manche schreien die Monatsnamen geradezu heraus. An dieser Stelle sei erwähnt, dass einige der Zwerge gerade mal zwei Jahre alt sind. Da kann man schon stolz sein, wenn der Nachwuchs neben der Muttersprache gleich noch die Zweitsprache erlernt. Sind alle Kinder abgefragt, werden Bücher vorgelesen. Heloise und ich dürfen ran. Wahllos greife ich mir eines der Bilderbücher und Jay meint noch "Gute Wahl. Das Buch der Worte". Ladies first, Heloise fängt an. Ein Buch vorlesen ist wirklich nicht schwer. Die größte Herausforderung ist es das Buch zu lesen während man es den Kindern hinhält. Wenn alles kopfsteht, wird aus "part" schon mal "trap"... :) Schön laut und deutlich vorlesen und auf die Bilder zeigen. Die Knirpse schauen gespannt zu. Niemand tobt rum oder hat "keine Lust". Wow.
Lesezeit
Interkultureller Austausch

Heliose ist mit ihrem Buch durch und ich darf anschliessen. Als ich mein Buch aufschlage finde ich wenig Text, aber viele einzelne Wörter vor. Das Buch leitet jede Seite mit einem Satz ein und dann hat man an die 20 bis 30 Gegenstände mit ihrer Bezeichnung zum Zeigen und Benennen. Man schaut beinahe auf ein Suchbild, so viele Gegenstände werden abgebildet. Ich fange mit den Sätzen an und finde mich alsbald vereinzelt hier und da auf Gegenstände zeigend vor einer angestrengt guckenden Gruppe Kinder wieder. Ich merke, dass offenbar etwas nicht so läuft wie sonst, kämpfe mich aber Seite für Seite weiter. Das "Große Buch der Wörter" wird immer größer und will gar nicht enden. Dorothy erlöst mich nach ein paar Seiten und wir fahren im Programm fort. Nach der Stunde bekomme ich den Hinweis, dass ich Lesen üben sollte. :) Ist die Kids&Moms-Stunde rum, versammeln sich alle bei einer Tasse Tee um ein paar Tische und es darf "frei gesprochen" werden. In der Realität ist in dieser Zeit nicht viel Englisch zu hören. Die Kinder spielen und die Muttis unterhalten sich. Hauptthema sind natürlich die neuen WWOOFer. Heloise und ich dürfen die üblichen Fragen beantworten.
Erleichtert, dass die Englischstunde bis auf den Vorlesepart nicht weiter schlimm war und alle der Kinder überlebt haben, gehts zum nächsten Termin. Dorothy hat eine Menge Termine. Die meissten davon bedürfen zwar keiner WWOOFer, aber wenn man an viele Dinge zugleich denken muss, vergisst schon mal was. So fahren wir zu einer Konferenz auf der sie sprechen wird und wir Tische und Stühle rücken. Wir müssen der Veranstaltung nicht beiwohnen und dürfen uns bis zum Tischezurückrücken nach der Veranstaltung frei bewegen. So bummeln Heloise und ich die Straßen entlang und weil es Mittagszeit ist gibs auch eine Nudelsuppe. Als wir zum Aufräumen anrücken, stürmt uns Dorothy aufgeregt entgegen. Ihr ist unterdessen eingefallen, dass sie vergessen hat das vorbereitete Lunchpaket für uns mitzunehmen. Wir versuchen sie zu beruhigen und erklären, dass wir etwas zum Mittag gegessen haben, aber typisch japanisch entschuldigt sie sich tausendmal...
So haben wir zum frühen Nachmittag unseren ersten "Arbeitstag" hinter uns gebracht und die WWOOFer haben ein wenig Freizeit. Ich nutze die Zeit um mich in der neuen Unterkunft häuslich einzurichten und mir aus dem Haufen von Futons ein brauchbares Nachtlager herzurichten. Soviel ich bisher mitbekommen habe, wird es des Nachts kalt in dem alten Haus in dem die WWOOFer wohnen. Tagsüber hilft die Sonne und wärmt die unisolierten Zimmer durch die großen Fenster. Nachts kann man davon ausgehen, dass die Innentemperatur sich der Außentemperatur nach und nach annähert. Mittlerweile gibt es hier fast jede Nacht Frost. Lieber ein paar Decken mehr draufpacken. Wären die nur nicht so... schmuddelig. :(

Wer sind meine Gastgeber

Dorothy heisst im echten Leben natürlich nicht Dorothy, aber wenn ich schon im Internet plaudere, kann das gern so bleiben. WWOOFer hat sie seit 12 Jahren regelmäßig in ihrem Hause. Sie schätzt den kulturellen Austausch und ist der Meinung, dass ihre ganze Familie davon nur profitieren kann. Mittlerweile sind zwei von drei Kindern aus dem Haus und die noch im Haus lebende Tochter ist nicht sonderlich oft zu sehen. Wir haben uns höchstens mal gegrüßt und das wars. Jay meinte nur, dass sie wohl genug von WWOOFern hat. Früher müssen die Kinder allerdings enger mit den WWOOFern zusammengelebt haben, wenn man die Bilder im Haus sieht. Dorothys Mann sehe ich oft nur am Abend zu den Mahlzeiten. Mit den beiden habe ich also nicht wirklich was zu tun.
Dann gibt es noch Haustiere. Die Katze heisst "Miaumiau". Ihrem Namen macht sie alle Ehre. Vor allem wenn sie Hunger hat - was so ziemlich immer der Fall ist - miaut es wo man steht und geht. Die Hasen haben keine Namen und hungern still vor sich hin. Sechs Zwergkaninchen fristen ein recht klägliches Dasein in kleinen Buchten. Dass diese teils "beschissen" aussehen scheint keinen zum Ausmisten anzuregen. Ich hab nie nachgefragt, ob das Teil meiner Arbeiten ist... :/ Die ersten Tage ist nicht so recht klar wer sich eigentlich um die Kaninchen kümmert. Die Wasserflaschen sind leer oder fehlen ganz und der Napf füllt sich auch nicht von allein. Als erste Hilfsmaßnahme fangen wir an die Wasserflaschen (gefüllt) täglich an eine andere Buchte zu hängen. So kann wenigstens jeder mal trinken. Auf unser Nachfragen hin teilt uns Dorothy zum Füttern ein und besorgt ausreichend Trinkflaschen. Vernachlässigte Haustiere sind nicht zu beneiden...
Miaumiau bei ihrer Lieblingsbeschäftigung
Mümmeln einsam vor sich hin

Noch kurz zu Dorohty. Ich weiss, sie kommt im laufe dieses Artikels mehr als nur einmal nicht wirklich gut weg. Sie nun deswegen als schlechte Person hizustellen wäre wohl zu hoch gegriffen. Ich denke sie vernachlässigt hier und da einige Dinge in Haus und Hof, weil sie einfach sooooo viel zugleich macht. Immer wieder merke ich wie sie Dinge, die sie eben noch vor hatte einfach vergisst. Ich erinnere sie an diese Dinge wann immer ich kann. Ich kenn das Problem ja auch. Wenn ich alles zugleich machen will, dann wird oft nicht viel. Bei ihr im Terminkalender stehen neben Haushalt und Familie:
- Aromatherapie (Vermarktung von Produkten, Kurse für Interessenten, "Businesstreffen" mit ihren Kollegen)
- Englischschule in drei Alterskategorien und viel Öffentlichkeitsarbeit um Schüler zu gewinnen
- Vermarktung ihrer Räumlichkeiten für andere Events (es gibt eine Yoga-Klasse, sie will mit Air-BNB anfangen)
- Engagement als "Nattobotschafterin" (Treffen hier, Veranstaltungen da...)
- Internetpräsenz und Soziale Medien pflegen
- noch mehr lernen und Lehrgänge besuchen Mehr als einmal halten wir als WWOOFer ihre Englischschule oder andere Termine ohne sie ab, weil sie auf Mehrtageslehrgängen ist. Im ganzen Haus hängen Urkunden für was weiss ich nicht alles. Ihr Motto ist "Ein Leben lang lernen". Wahrscheinlich steht deswegen auf dem Klo auch ein Abreisskalender mit einer englischen Redewendung für jeden Tag... Vielleicht taugen die Abreissblätter auch zum Abwischen? Habs nicht probiert. Spaß beiseite. Respekt, dass die Frau nicht zusammenbricht bei all den Aufgaben. Manchmal ist sie so müde während der Fahrt, dass wir am Straßenrand eine Pasue einlegen, damit sie nich gleich am Steuer einschläft. Wenn sie von ihrer schweren Krankheit nach dem Unglück 2011 (Fukushima belastet viele Gegenden in Japan) spricht und uns erklärt, dass jeder Moment kostbar ist, dann staune ich, dass die Arbeit ihr wohl das wichtigste in der Welt zu sein scheint. Vielleicht des Geldes wegen? Das würde einiges erklären. Genug analysiert. Viel Spaß beim Lesen.
Von links: zwei Busineskollegen, Dorothy, Heloise, Ich, noch ein Busineskollege
Wir sind werbewirksam bei einer Weihnachtsveranstaltung der Gemeinde


Sonntag ist Ruhetag?

Der Tag nach meiner Ankunft ist ein Sonntag und eigentlich ein freier Tag für die WWOOFer, aber dieses mal müssen wir auf Grund eines wichtigen Termins dennoch "Arbeiten". (Die Freie Zeit, die uns am Sonntag fehlt, bekommen wir am Montag frei...) Heute heisst es auf einem Gemeindefest Präsenz zeigen. Dorothy will für ihre Englischkurse ein wenig Werbung machen und das geht natürlich am Besten bei einem Auftritt auf der Bühne. Der Bürgermeister wird ebenfalls dabei sein. So fühle ich mich in bester Gesellschaft, allerdings nicht wirklich vorbereitet. Schon am Vortag habe ich mich erkundigt was wir denn auf der Bühne tolles vorführen werden. "Das eine Lied, das wir während der Englischstunde gesungen haben." erfahre ich und bitte Dorothy um eine Gelegenheit das Lied vorher noch ein paar mal üben zu können, aber irgendwie geht das in all den Samstagsterminen unter. So bin ich froh, dass wir auf der Bühne bunte Schilder zum Hochhalten bekommen auf deren Rückseite praktischweise der Text des Liedes abgedruckt ist. Am Ende ist es nicht weiter wichtig was wir singen. Anwesenheit zählt. Die WWOOFer werden alle einzeln angekündigt und sind offenbar das werbewirksamste am gesamten Auftritt. Mich stört es nicht weiter. Ich helfe ja gern.
Anstehen für Futter
Die Reisküche

Nach unserem Auftritt dürfen wir uns wieder frei auf dem Festgelände bewegen. Neben der Bühne gibt es noch einen Luftballon-Mann, ein paar Futter- sowie Verkaufsstände für Handwerkskunst und die Mochi-Klopfer. Mochi (sprich "Motchi") ist ein klebriger Teig, der aus noch heißem, frisch gekochtem Reis hergestellt wird. Dieser Mochi-Reis ist besonders reichhaltig an Klebe-Eiweißen und eignet sich bestens für die kaugummiartige Süßspeise. Damit der gekochte Reis, der nach dem Kochen noch immer in seiner gewohnten Form vorliegt, zu klebrigem Teig wird, braucht es einen großen Holzbottich, ein paar dicke Holzhämmer und genügend Freiwillige, die diese (die Hämmer) auf den Reis herniederschmettern. Anfangs ist die Freiwillige Feuerwehr dafür zuständig und alle wechseln sich mit dieser körperlich fordernden Arbeit ab. Einige hämmern länger, andere brauchen nicht lang bis sie genug haben. Zwischen den Hammerschlägen wird der Reis immer wieder angefeuchtet und gewendet. Die Profis machen das sprichwörtlich zwischen zwei Hammerschlägen, geschickt im Takt. So habe ich es zumindest schon einmal in einem Video gesehen. Hier geht es ein wenig geruhsamer zur Sache. Schließlich eilt es nicht und niemand will seine Hände oder gar den Kopf unter dem Hammer wiederfinden. Wie ich dem Geklopfe zuschaue bleibt es natürlich nicht aus, dass man mich zwischen den anderen Zuschauern bemerkt und anspricht. Mir wird angeboten auch mal den Hammer zu schwingen. Anfangs lehne ich ab. Will ja nichts kaputt machen. Die Hämmer sehen auch echt schwer aus... Aber nach einer Weile des Zuschauens und ein paar anderen Gästen, die einfach ein paar Schläge drauf los gehämmert haben, denke ich mir "Das kannst du auch. Wer weiss wann du das nächste mal sowas probieren darfst." Wie so oft wars dann gar nicht mal so schwer. Meine Größe hat mir beim Klopfen gut geholfen. Ich brauch den Hammer ja nur anzuheben und dann der Schwerkraft zu überlassen. Das reicht vollkommen aus um den Reisklumpen zu komprimieren. Wenn man es übertreibt, schlägt man bis auf den Boden des Bottichs durch und die umliegenden Personen bekommen Reismatsch und Wasser ab. Lustige Angelegenheit, das.
Immer druff!
Gleichberechtigung in der Praxis...

Nachdem wir uns auf dem Gemeindefest umgeschaut haben und eine Gratisprobe des selbstgeklopften Mochi probieren durften, will uns Dorothy zum Sonntag noch ein wenig die Umgebung zeigen. Es geht an die Küste von Oarai. Dort steht ein Tori auf einem Fels in der Brandung. Der dazugehörige Schrein befindet sich ein paar Treppenstufen weiter oben, in sicherer Höhe und mit bestem Blick aufs Meer. Das Tor in der Brandung lockt viele Fotografen an. Es ist gar nicht so einfach den perfekten Moment abzupassen, wenn man die Brandung mit ins Bild packen will... ;)
Trotzt der Brandung
Wir warten aufs perfekte Motiv

Der weitere Nachmittag ist frei und wir beschließen, bevor Jay am nächsten Tag abreist, am Abend gemeinsam Essen zu gehen. Es gibt Sushi vom Band und wir besuchen den nahegelegenen Onsen (Heisse Quelle). Da lässt es sich gut aufwärmen, bevor es zum späten Abend zurück aufs kühle Zimmer geht.

Der Saubermann

"Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll..." war auch mein erster Gedanke als ich eines Montags mit der Aufgabe konfrontiert wurde die Wohnung meiner Gastfamilie zu putzen. Genau so schwer fällt es mir hier einen gedanklichen Rahmen um das vorgefundene Chaos zu spannen. Dass in japanischen Unterkünften nicht jeden Tag die Bettwäsche gewechselt wird, wenn neue Gäste kommen war eine meiner Erkenntnisse der Pilgerreise. Dass Japaner ihren unliebsamen Hausrat einfach hinter dem Haus (oder davor) ablagern und verrotten lassen, ebenfalls. Aber dass man in der Wohnung dermaßen viele Dinge einfach herumliegen lässt (wozu auch Essen gehört) war mir neu. Wo doch in Japan die mächste Schabe nie weit ist...
Das hier soll keinesfalls eine Abrechnung mit unordentlichen Menschen sein. Soll doch jeder machen was er will, bin ich doch selber im Chaos daheim. Dass ich mich über hygienische Zustände beschwere, sagt demzufolge viel aus. Ich gebe auch dieses mal nur wieder was ich erlebt habe. Werten darf jeder selbst. :P
Zurück zu besagter Wohnung. Es ist Montag. Die WWOOFer (also ich - die anderen Beiden sind abgereist) und der Host putzen gemeinsam die Wohnung. Da letzte Woche auf Grund vieler Termine das Putzen ausfiel, werde ich diese Woche mit dem doppelten Dreck konfrontiert. Als erstes wird Staub gesaugt.

Viel Lärm um Nichts

Meine Gastgeberin macht mich mit dem Staubsauger bekannt. Er ist "zu Hause bei Harry Potter, unter der Treppe", wie sie es formuliert. Das erste was mir auffällt ist, dass dem Staubsauger jegliche Düse am vorderen Ende fehlt. Auf mein Nachfragen hin erfahre ich, dass das von mir vermisste Teil "schon lange, lange verschwunden" ist. Was solls, wird eben jedes Staubkorn einzeln angefahren. Nicht jedes wird dabei auch aufgesogen. Das liegt nicht daran, dass der Boden klebt oder so - nein, der Staubsauger saugt sehr... vorsichtig. Immerhin muss ich mir keine Sorgen machen, dass das gute Stück die Gardinen anfrisst. :) Das Modell scheint mit Schall zu arbeiten. Das was ihm an größe fehlt, macht er an Laustärke wieder wett. Ich ziehe gedanklich Parallelen zu kleinen Hunderassen, während ich "Lumpi" weiter durch die Küche dirigiere.
Nervig wirds, wenn ich auf eine Gruppe Reiskörner treffe. Mehrere Körner zugleich einsaugen geht natürlich nicht. (Vielleicht übertreibe ich hier auch ein wenig.) Was definitiv nicht geht, ist Dreck aus einer der vielen Schienen zu saugen, in denen die Türen hin und her geschoben werden. Da ist der Abstand einfach zu groß als dass sich der Dreck in das Saugrohr bequemt.
Sauger im Handtaschenformat


Der Kinderbesen

Nachdem der Sauger seine Kür beendet hat, bekommt der Besen eine Chance. Leider ist das Modell typisch japanisch gehalten. Der Stiel ist kurz und die Bürste nicht sehr breit. Mich erinnert das gute Stück stark an eines dieser Kinderspielzeuge aus der Abteilung "Wir spielen Vater, Mutter, Kind". Was solls. Der nimmt den Dreck wenigstens mit, wenn ich drüber bürste. Die Kehrschaufel hat einen genau so langen Stiel wie der Besen. Ich weiss nicht ob das nun gut ist oder nicht. Jedenfalls kann ich beide auf einer Höhe benutzen - gebückt.
Spielzeug
Wird nicht genutzt

"Whish you were here~"

Endlich kann ich dem Dreck effizient entgegentreten. Es wird feucht gewischt. Dachte ich. Ich bekomme ein Eimerchen von der größe eines Tischmülleimers in dem sich 7cm warmes Wasser befinden. Waschmittel ist da keins drin. "Chemie brauchst du nicht mit dem Schwam hier. Die sind wirklich gut." Ich bekomme einen dieser (wirklich guten) Schmutzradierschwämme zu meinem Eimer gereicht. Im Maßstab passend zum Eimer ist das gute Stück nicht größer als zwei Streichholzschachteln übereinander. Ich weiss, dass ich nicht zu fragen brauche, aber ich tue es dennoch. "Einen Wischmob verwenden wir hier nicht. Das Funktioniert nicht. Da wirds nicht sauber." Außerdem wird der Boden dann zu nass, erfahre ich und bekomme gleich noch ein altes Handtuch zum Trockenwischen. Dorothy hat immer eine sehr fröhliche Stimmlage, wenn sie mir etwas erklärt, aber ich kann ihre Genervtheit ob meiner Fragen spüren. So gehts dem Dreck ein weiteres mal punktuell zu Leibe. Der Boden ist übrigens mit einem derben Laminat ausgelegt, dass locker einen feuchten Wischmob (mit Waschmittel) abhalten würde. Aber ich bin nicht hier um den Haushalt zu optimieren. Ich fahre, wie mir vorgemacht, in hockender Position die Dreckpunkte an und schrubbe sie sauber. Anschliessend wird getrocknet. Schon im eigenen Interesse, hab ich doch hier im Haus keine Pantoffel bekommen. "Die sind nur für Gäste." wurde mir fröhlich erklärt. :( Auf meiner Putzrunde auf Bodenhöhe nerven immer wieder Haare und Partikel, die der Staubsauger und der Besen nur verteilt haben, anstatt sie mitzunehmen. Ich stelle fest, dass der Boden weniger dreckig ist als ich dachte und die meißten dieser "Flecken" nur Schrammen im Laminat sind. Der Boden hat ganz schön gelitten. Versiegelt wurde der offenbar lange nicht mehr. Sicher wegen der Chemie...
Klein, aber rein?

Badezeit!

Ich habe mich bis ins Bad vorgearbeitet. Meine bisherigen Taten wurden stets mit einem fröhlichen "Hach wie schön sauber nun alles aussieht!" kommentiert. Man hält die Putzkraft besser bei Laune. Auch wenn die konstante Fröhlichkeit sich wirklich schnell abnutzt und irgendwann nur noch gespielt rüberkommt. Ich brauch das jedenfalls nicht um weiterhin zuverlässig zu arbeiten.
Im Bad darf ich zum ersten mal ein Reinigungsmittel benutzen und ich bekomme Plastikschuhe! :) Da japanische Bäder das Wort Nasszelle sehr wörtlich nehmen, kann auch in diesem Bad mitten im Raum geduscht werden. Das Wasser findet von Decke, Wänden oder wo auch sonst her, seinen Weg zum zentralen Abfluss im Plastikboden. Der Raum ist komplett mit Plastik ausgekleidet. Ideal, wenn man mal wieder die Kinder unbeaufsichtigt baden lassen möchte. Alles ist abwischbar und nichts ist wasseranfällig. Ok, ich vermeide es die Wandlampe anzuduschen. Bei japanischer Elektrik bin ich generell skeptisch.
Im sauberen Zustand
Hardplastik, zum Glück Unisize

Zurück zur eigentlichen Aufgabe. Ich soll unter Zuhilfenahme eines Mittelchens Namens "Magiclean" alle Oberflächen putzen. Der Duschkopf ist als Wasserquelle tabu. Das wäre zu einfach und (warmes) Wasser kostet Geld. Also darf ich mit einem Eimerchen aus der Wanne schöpfen. Das Badewasser ist an und für sich ja sauber, steigt ja jeder fertig gewaschen in dieselbige. Ich habe hier bisher nicht gebadet. Die Wanne wird nur nach Bedarf für die Familienmitglieder mit warmem Wasser befüllt. So schöpfe ich kaltes und gut abgestandenes Wasser auf alle Oberflächen. Ich bin heilfroh, dass Dorothy in der Küche noch eine größere Bürste für mich aufgetrieben hat, sonst hätte ich mich mit einer alten Zahnbürste an alle Dreckflecken machen dürfen. (Dass ich mit besagter Bürste aus der Küche später beim Geschirrspülen Wiedersehen feiern konnte, erwähne ich hier nur ungern.) So schöpfe, sprühe und schrubbe ich mich über alle Oberflächen. Ich komme ja ganz gut überall heran. Der Boden ist erwartungsgemäß am schrubb-bedürftigsten. Mein Favorit bleiben aber die Ablagen, auf denen sich diverse alte Rasierer und auch eine Haarklammer tummeln. Letztere hat sich hier mit ihrem Umriss in Rost verewigt. Das hat Potential für tolle Gestaltungsideen im Bad, denn das ist was für die Ewigkeit. Da hilft nicht mal mehr Magiclean. Die Haarnadel befördere ich ohne nachzufragen in den Müll. Ein riskantes Manöver, wird hier doch so einiges aufgehoben, was ich längst nicht mehr behalten hätte. Wer mich kennt, weiss was das bedeutet. ;)
Viel Schrubberei und einen dicken Haarknoten aus dem Abfluss später, bin ich mit meiner Arbeit zufrieden und gönne den Oberflächen eine kurze Dusche mit kaltem Wasser. Hoffentlich liest Dorothy hier nicht mit. :I

Fenster zum Durchgucken

Die Fenster sind eines Tages fällig als sich die "Elegant Ladies Englischstunde" ankündigt. "Die Damen schauen überall hin und da muss es sauber sein." erfahre ich. Fenster hab ich vor einer Woche schon bei einem Arbeitseinsatz bei einer Freundin von Dorothy geputzt. Ich erzähle ihr wie seltsam das war, dort nur mit heißem Wasser und einem Lappen zum Trockenwischen gearbeitet zu haben. Meine Andeutung, dass Fenster putzen ohne Waschmittel nicht sehr effizient und streifenfrei von Statten geht führt nicht zum gewünschten Ergebnis. Ich bekomme auch hier lediglich heisses Wasser, einen Lappen und Gummihandschuhe. Zuerst bin ich der Meinung, dass ich bei warmem Wasser ohne Spülmittel keine Hanschuhe brauche. Als der Eimer nebst Lappen allerdings näher kommt, steigt mir ein chloriger Geruch in die Nase. Den nicht sonderlich sauberen Lappen kenne ich schon von einer Begegnnung im Bad vor ein paar Tagen. Dort hat er es sich in einem Eimer zusammen mit etlichen Artgenossen gut gehen lassen. In was die da eingeweicht wurden, will ich gar nicht wissen. Ich hatte erwartet, dass die irgenwann den Weg in die Waschmaschine antreten. Nun putzen wir eben gemeinsam die Fenster.
Le Eimer...

Ich wische die alten Wischstreifen und den Dreck auf der ersten Scheibe weg. Als ich trockenwischen will fällt mir auf, dass das Tuch dafür fehlt. Dorothy wird von meiner Frage aus ihrer eigenen Beschäftigung gerissen und muss hektisch "Überlegen, wo wir jetzt ein Tuch her nehmen." Kurz darauf falte ich mir ein recht dreckigiges Küchenhandtuch so zurecht, dass ich mit einer der saubereren Seiten arbeiten kann. Das Wasser bekomme ich damit relativ streifenfrei von der Scheibe. Dass ich Gegenzug eine Spur von Fusseln hinterlasse gefällt mir weniger.
Nach einigen Durchgängen mit dem Handtuch bin ich mit dem Reinigungsergebnis den Umständen entsprechend zufrieden. Dorothy ist gerade mit etwas anderem beschäftigt und ich bin nicht böse, dass sie mal nichts fröhliches zu meiner Arbeit sagt...

Wir trennen den Müll

Dorothy ist mit ihrer Arbeit fertig und trifft mich bei meiner mir selbst erteilten Pause an. Eines ihrer "Will you help me with *" gibt mir zu verstehen, dass für Pausen keine Zeit ist. Ich hab es übrigens (bisher) nie gewagt auf diese Frage mit einem "No." zu antworten, vermeide es jedoch generell überhaupt zu antworten und folge ihr einfach. Diese seltsame Art Arbeitsaufgaben zu erteilen ist mir irgendwie zuwider. Ein einfaches "Please help me with *" wäre das Selbe und irgendwie angenehmer. Ich glaube nicht, dass die gestellte Wahl überhaupt eine solche ist und irgendwie klingt die Aufforderung fast schon nach Vorwurf, wenn sie sie ausspricht...
Sie präsentiert mir einen Stapel Papier. Hier gilt es Plastikverpackung, Werbung und Zeitungen voneinander zu trennen. Bisher hab ich immer alles unter "burnable" entsorgt. Die Mülltonnen am Supermarkt unterscheiden da nicht weiter als zwischen "Flaschen" und "restliches". Anscheinend trennen mittlerweile wenigstens einige japanische Haushalte.
Die drei Stapel sind schnell aufgetürmt und verschnürt. So geht es durch die Hintertür aus der Küche unter den Verschlag wo die "leeren" Flaschen darauf warten sortiert zu werden. In Japan gibt es keinen Flaschenpfand. Allerdings werden diese mittlerweile recycled. PET-Flaschen sind ein begehter Rohstoff und der Japaner widmet sich diesem Rohstoff hingebungsvoll. Von der Flasche werden nämlich das Etikett und der Deckel schon vom Wegwerfdenden entfernt. Das ist "gewöhnlicher" Plastikmüll und ich denke nur "burnable?", frage aber nicht. Auf meine Frage wieso der Deckel nicht auf der Flasche verbleibt, bekomme ich nur ein unsicheres "Sie brauchen nur die klare Flasche ohne den farbigen Deckel". So schraube ich die Deckel ab und verkneife mir die Frage nach den an den Flaschen verbleibenden Sprengringen... Das Etikett ist übrigens oftmals schon perforiert um es einfach ab zu bekommen. Dass einige der Flaschen nicht ganz leer sind, stört hier draußen wenig. Die Wiese freut sich. Ich muss lediglich auf meine Sachen aufpassen.
Übrigens werden auch die Tetrapacks hingebungsvoll recycled. Sie werden tagelang kopfüber zum Auslaufen um die Spüle herum angeordnet und ich wehre mich dagegen sie wegzuräumen indem ich demonstrativ darum herum aufwasche. Mir hat auch nie jemand was dazu erklärt. Fragen hab ich dazu auch keine. ;) Jedenfalls sind die Packs dann irgendwann "reif" aufgeschnitten, aufgefaltet und von innen gewaschen zu werden. Wow, sie sind das teure Wasser wert - im Gegensatz zum Bad. Danach blockieren sie dann für unbestimmte Zeit (bis ich sie genervt wo anders hin stelle) das Abtropfgitter.

Endlich gibt es was zu Essen!

Dorothy hat drei Kinder groß gezogen und weiss definitiv wie man kocht. Zu den Mahlzeiten gibt es warmen Reis und sie kocht auch gern mal eine Suppe mit Gemüse aus dem eigenen Garten und anderen frischen Zutaten. Auch jetzt im Dezember kann man da den einen oder anderen Rettich noch aus der Erde ziehen. So weit, so gut.
Nach ein paar Tagen offenbart sich mir allerdings ein anderes Bild. Ich bin morgens der erste in der Küche und ich finde Massen an Fertigmahlzeiten in Tüten oder recht lose auf Fussboden und Küchentisch verteilt vor. Ich weiss, dass die jüngste Tochter der Familie noch im Haus wohnt und gelegentlich im naheliegenden Konbini (japanische Abwandlung für conviniencestore) arbeitet. Das mitgebrachte Essen hat offensichtlich das Verfallsdatum erreicht und darf nicht mehr verkauft werden. Kein Thema, kann man das doch noch locker drei Tage später essen. Die Sache ist nur die: Das Essen ist entweder aus der warmhalte- oder Kühlabteilung und sollte, wenn es am Ende des Haltbarkeitsdatums angelangt ist nun wirklich nicht über Nacht in der Küche herumliegen...
So sind meine Mahlzeiten oftmals mit Konbini-Essen ausgefüllt und ich versuche immer den verderblichsten Kram zu erst aufzubrauchen. Die Mikrowelle wird mein bester Freund... Die macht praktischerweise allein so lange warm bis es heiss genug ist und man muss nicht mit verschiedenen Zeiten herumprobieren. Gesunde Ernährung ist allerdings anders. *Ping*
Lustig wirds, als wir eines Tages Reis zu kleinen Sushirollen verarbeiten und als Mahlzeit für den Tag mitnehmen. Die halten sich ja locker über den Tag ohne zu verderben. Die übriggebliebenen Rollen finden den Weg nach hause zurück. Wenn man sie dann in den Kühlschrank befördert ist das noch immer kein Thema diese weiterhin aufzubewahren. - Ja, wenn... Am nächsten Morgen finden wir die Rollen auf dem Küchentisch auf einem Tablett unter Folie liegend vor. Zusätzlich zur eigentlichen Füllung hat der Reis schon kleine orange Pünktchen angesetzt. Ein wenig angewidert und faziniert wie schnell das ging, lassen wir die Röllchen links liegen. In den Kühlschrank müssen die nun auch nicht mehr und einfach wegwerfen wäre zu voreilig. Wer weiss was Dorothy mit denen noch vor hat. Irgendwann sind die Dinger dann verschwunden und ich wähne mich schon sicher dass sie den Weg in den Müll gefunden haben - bis ich sie dann irgendwann ganz hinten im Kühlschrank wiederfinde. :( Also immer schön aufpassen was man so vorgesetzt bekommt.
Dorothy ist wirklich gut darin aus den Fertigmahlzeiten noch mal was zu machen. Manchmal sieht man ihnen gar nicht an, dass es sich auf den Dingen in den kleinen Schüsselchen und der Suppe nebst einer Portion Reis um eine Mahlzeit aus einer Platikverpackung handelt. Ich hab auch nichts dagegen altem Essen noch mal eine Chance zu geben. Aber einige der Happen lasse ich dann bewusst aus, wenn ich weiss, dass es sich um wochenalte Fleischspieße aus der Warmhaltetheke handelt...
So guck ich auch oft in den Kühlschrank

Wenn mir mal wieder nach einer neutralen Mahlzeit ohne viel Fertigfutter oder "altem" ist, gehe ich einfach zum Reiskocher. Der ist jeden Morgen aufs neue befüllt und ich frage mich oftmals wie der bis zum Abend alle wird. Manchmal sehe ich wie Dorothy den kalten Reis zu Reisbällchen verarbeitet. Diese lagern dann gerne ein paar Tage abgedeckt mit Folie in der Küche... :/ Eines Tages jedenfalls schöpfe ich mir ein paar Löffel Reis in meine Schale und will einfach nur was neutrales zu mir nehmen, weil die Fertignudeln vom Vortag noch immer in meiner Verdauung herumblubbern. Als ich meinen Reis zu mir nehme fällt mir auf, dass der einerseits total matschig und andererseits fast getrocknet und knochenhart ist. - Alter Reis zusammengemischt im Reiskocher nochmals "aufgekocht"! Mein Hunger hält sich in Grenzen.
Noch mal: Essen eine zweite Chance zu geben oder in einer anderen Mahlzeit zu verarbeiten ist wirklich nichts schlimmes. Soljanka ist doch auch mal was feines. Aber irgendwo gibt es Grenzen. Bei altem Fleisch versteh ich keinen Spaß und den Reis erst tagelang rumliegen zu lassen und dann wieder unters Essen schmuggeln wollen ist nicht die feine Englische Art. Selbst die Katze hat das von mir als "ein wenig zu weiss gesprenkelte" Essen abgelehnt. Irgendwie hab ich mich oft auch als Katze gefühlt und immer mal auswärts gegessen. Schade. Das "Ihr könnt alles was im Kühlschrank ist verwenden und selber kochen." hat sich leider oftmals als aussichtslos erwiesen. Zwischen Natto, Essensrestern und dem Fertigkram waren oftmals nicht mal ein paar Eier zu finden, die man sich hätte mit dem alten Reis in die Pfanne Hauen können. Guten Appetit. :(

Die eigenen vier Wände

Ich kann wirklich froh sein ein eigenes Zimmer zu haben, das ich mit niemandem teilen muss. Das liegt daran, dass ich hier momentan der einzige WWOOFer bin. Was ich allerdings mit gefühlt jedem WWOOFer der hier schon war teile, ist das Bettzeug. In meinem Raum hab ich zwei große Wandschränke. Beide sind mit Doppelschiebetüren versehen, die nicht zu gehen, weil das Bettzeug nur lose hinengequetscht wurde. Das Bettzeug welches ich derzeit benutze gefällt mir nicht sonderlich. Die Decken sind fleckig bis "haarig" und meine Nase warnt mich jeden Abend mit Niesattacken davor hier zu schlafen. Jay hat mir erzählt, dass er am ganzen Körper einen Juckreiz verspürt, seit er hier wohnt... Bääh.
Als es dann sauber war...
hat sogar der Boden gespiegelt.

Also mache ich mich in den Schränken auf die Suche nach einer sauberen Lösung für die Nachtruhe. Damit ich die Schranktüren hinterher verschliessen kann muss alles raus. Meine Nase freut sich trotz aufgerissener Fenster über all die Milben und den Staub den ich aufwirble. Gut dass ich einen Fünferpack Taschentuchboxen gekauft habe. Viele nieser später bin ich um die Erkenntnis reicher, dass nach "12 Jahren WWOOFing" wie Dorothy es jedes mal stolz verkündet, keine unbefleckten Decken mehr zu haben sind. Direkt wie ich bin konfrontiere ich Dorothy mit dem Thema zu gegebener Zeit. Sie hat mich zwischen all den "Danke dass du hier bist und mir hilfst" auch oft genug gefragt, ob ich etwas brauche. So bitte ich sie darum mir einen Satz sauberes Bettzeug zu gewähren. Die Antworten sind vielfältig, aber stets abschweifend, wie "Ich sage den WWOOFern immer, sie sollen tagsüber das Bettzeug auf der Leine lüften". Ich versichere ihr, dass ich der selben Ansicht bin und dies auch schon getan habe. Dass das nicht geholfen hat, führt zu einem "Das dauert Tage, bis das getrocknet ist, wenn ich das wasche". Ich bin bereit zu warten, bis es soweit ist, aber irgendwie reicht auch das nicht. - Ich bin ja auch nicht blöde und hab zum Waschtag schon selbst versucht meine Decke in die Waschmaschine zu befördern. Dass diese nicht mal zur Hälfte reingepasst hat, hat mir zu verstehen gegeben, dass man solche Dinge auswärts in einer der Münzwäschereien (für Geld!) waschen muss. - Der WWOOFer kostet so schon zu viel. Da scheint für sauberes Bettzeug das Budget zu knapp zu sein. Danke, keine weiteren Fragen.
Niesend einschlafend nehme ich mir für den nächsten Tag vor Dorothy vor die Wahl zu stellen: "Entweder ich kann schlafen ohne zu Niesen oder ich schlafe ab Ende der Woche wo anders". Dazu kommt es nicht. Ich erhalte nach dem Fühstück ein weisses Laken (das sauber aussieht). Meinen Deckbettbezug wasche ich am gleichen Tag und so kann ich am selben Abend ohne Niesreiz einschlafen. Schön...

Was lernen wir daraus?

Abschliessend kann ich nur feststellen, dass es nicht immer stressfrei ist für jemand anderes zu putzen. Vor allem, wenn sich die Vorstellungen wie das von statten zu gehen hat stark unterscheiden. Ich glaube das ist hier nicht zwangsläufig auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen. Ich muss wohl für ein umfassendes Fazit noch einige Haushalte mehr putzen.
Dass es Unterschiede in den Ansichten zur Hygiene gibt ist offensichtlich. Ich habe daheim keine Festen Termine fürs Staubsaugen oder den Bettwäschenwechsel. Uh... Und ich hab daheim in der Wohnung übrigens noch nie die Fenster geputzt. Hoffentlich liest mein Vermieter hier nicht mit. Aber wenn man schon Gäste hat, dann darfs wenigstens für die sauber zu Bett gehen. Das weiss selbst ich.
Eine Sache noch zum Bad: Ich habe im Bad dermaßen viele (teils unappetitliche) Dinge gesehen, die weder von mir, noch vom Herrn des Hauses stammen können (nein, keine Tampons!). Mein Weltbild von der "reinlichen Damenwelt" hat sich gewendet...

Mein täglich Brot

Zum Glück muss ich nicht jeden Tag nur putzen. Doroty bietet ihren WWOOFern eine Menge Abwechslung.

Gegen alle Sprachbarrieren

Der Englischunterricht zum Beispiel splittet sich in drei Breiche. Vorschule, Schule und Erwachsene. Die kleinsten hatten wir ja schon. Da wird viel gesungen und getanzt. Die Schüler im Alter von 10 - 12 befassen sich mehr mit dem erlernen der Buchstaben und dem Erweitern ihres Wotschatzes. Trotzdem kommt das Spielen nicht zu kurz. Die Erwachsenengruppe besteht ausschließlich aus Damen Ü60. Damit wird der Unterricht zum Kaffee-Kränzchen. Qualitativ ist der Unterricht allerdings nicht zu verachten. Diszipliniert wird zwischen Kaffee und Bisquit stets eine Lektion durchgepaukt und die Damen haben sogar weitergehende Fragen zu den Themen und sprechen frei. Uh beinahe hätte ich vergessen, dass Dorothy ebenfalls einmal im Monat in einer Tagesstätte für (geistig) behinderte Kinder Unterricht gibt. Anfangs war ich mir nicht sicher ob dieser Termin zu meinen Favoriten gehören würde, aber die Kinder waren abgesehen von ein paar seltsamen Geräuschen am Rande stets voller Begeisterung und Konzentration beim Unterricht dabei. - Und haben sehr positiv auf den neuen großen Typen im Programm reagiert. Puh. :)
Die feine englische Art. "elegant lady english"

Werben was das Zeug hält

Dorothy ist stets daran Interessiert ihre Schule zu bewerben. Wer kann es ihr verübeln. Schüler kommen und gehen. So kommt es immer mal zu einen Auftritt auf diesem oder jenem Fest. Die WWOOFer sind dabei willkommener Publikumsmagnet. ;) Werbung kann man auch ganz prima machen, wenn man einmal im Monat in einem Supermarkt oder einer Drogerie zur öffentlichen Morgengymnastik aufruft. Die Märkte haben nichts gegen die Benutzung ihrer Räumlichkeiten durch Externe. Sie bieten sogar extra einen "freien Raum für alle" an, der unter Berücksichtigung bestimmter Nutzungszeiten und einfacher Regeln (wie "Kein Alkohol") für jeden nutzbar sind. So kommt es, dass Dorothy zusammen mit ihren WWOOFern jeden ersten Montag des Monats vormittags in zwei Märkten zu einer Musik vom Band zu 3 Minuten Morgengymnastik aufruft. Das klingt für deutsche Verhältnisse total verrückt, aber in Japan kennt die Choreografie zur Klaviermusik sprichwörtlich jedes Kind. In KiTa, Schule und teils auf Arbeit gehört "Radio Taiso" fest zum Tagesablauf. Ein paar Leute finden sich immer, die bereit sind ihren Einkauf zu unterbrechen um mit zu machen. So schlecht ist die Sache gar nicht. Ich wackle wieder mit leichtem Zeitversatz mit und merke schnell wo ich meine Defizite habe. Hinterher fühlt man sich wach und aufgelockert. Doroty macht danach noch alle anwesenden auf ihre Schule, Aromatherapie, usw. aufmerksam und schon ist wieder ein Tagespunkt erledigt.

Auf Runde mit den Jungs

Eines schönen Dienstags darf ich in Vertretung für Dorothys Mann, der lang arbeiten muss, an der Nachtpatroullie teilnehmen. Hier finden sich jede Woche andere Anwohner aus der Nachbarschaft zusammen um ca. 2 Stunden durch die Nachbarschaft zu ziehen und nach dem Rechten zu sehen. Wichtig zu erwähnen wäre wohl noch, dass das ab 19 Uhr geschieht und es demzufolge eine Runde im Dunkeln ist. Das soll der Laune aber keinen Abbruch geben, dürfen wir schiesslich mit bunten Westen, Taschenlampen und Lichtschwert herumlaufen. Was für ein Spaß. :) Als ich am Treffpunkt eintreffe mache ich mich mit meinen Kollegen bekannt. Die beiden scheinen schon Pensionäre zu sein. Mehr als drei sind wir heute nicht. Bevor wir zu lange auf niemanden in der kalten Nachtluft warten entscheiden wir aufzubrechen und kleiden uns ein. Ich bin froh, dass ich alles warme angezogen habe was ich so dabei habe. Nachts wird es momentan schon knackig kalt. Morgens finde ich die Trinkflaschen der Kaninchen oft gefroren vor.
Blinkend und leuchtend machen wir uns auf den Weg. Ich stelle mein Lichtschwert schnell auf Dauerleuchten. Ich hab zwar keine Probleme mit schnell blinkenden Lichtern, aber nerven tuts mich schon. Einer der Kollegen trägt statt des Lichtschwertes zwei Hölzer, die mit einer Kordel verbunden sind. Gelegentlich schlägt er diese aneinander (also die Hölzer) und ich frage mich ob er irgendwen verscheuchen will. Später frage ich Dorothy und sie meint, dass die weithin hörbare "Melodie" den Leuten wieder in erinnerung rufen soll, dass sie acht geben sollen auf ihre "Feuerstellen". Genau das ist es auch was wir tun. Wir patroullieren weniger wegen Einbrechern oder wilden Tieren durch die Nacht, sondern mehr wegen der im Winter hohen Brandgefahr. Der Winter ist zwar kalt, aber bietet wenig Niederschlag. In Japan arbeiten fast alle Haushalte mit Gasherden und offene Feuer (und sei es nur vom Müllverbrennen im Hinterhof) sind keine Seltenheit. Das die Häuser aus Holz oder anderen Leichtbaumaterialien gebaut sind, macht es nicht besser. Nach einer viertel Stunde bekomme ich die Klanghölzer und darf mein Lichtschwert abgeben. Wir kommen bei Dorothys Haus vorbei und natürlich hört sie uns. Sie kommt nach draußen und begrüßt uns. Sie hat gerade Englischstunde mit den Schülern. Es wird kurz geplaudert, ein Foto gemacht, sich bedankt für den Einsatz für die Gemeinde und schon sind wir wieder auf Runde durch die Nachbarschaft.
Die drei für Recht und Ordnung

Meine beiden Kollegen gehen öfter. Sie warnen mich, wenn wir an einem Haus mit Hund vorbei kommen und philosophieren über die Veränderungen seit dem letzten Rundgang. Ich klopfe weiter die Hölzer zusammen ca. alle ein bis zwei Minuten immer im Takt. Zwei Schläge mit einer langen Pause dazwischen, danach zwei Schläge mit einer kurzen Pause. Wenn ich alles richtig mache, hinterlässt der hohe Ton der Schläge ein Piepen in meinen Ohren.
Nach fast einer Stunde hält ein Wagen neben uns. Ein Anwohner hat uns erkannt und will plaudern. Als Lohn für unsere Mühen (den Rundgang, nicht das Gespräch), bekommen wir alle ein warmes Getränk. Die gibts hier fertig und warmgehalten in Dosen oder PET-Flaschen am Automaten. Dass er passend für uns, drei noch warme Getrännke bei sich hat lässt mich daran zweifeln, dass die Begegnung Zufall ist. Die Flasche mit dem warmen Tee ist ein willkommener Taschenwärmer. Eine Querstraße weiter hält der selbe Wagen (nebst selbem Fahrer) wieder und wir sollen noch schnell für ein Foto posieren. Dankbar für die Heissgetränke erfüllen wir unserem edlen Spender natürlich gern seinen Wunsch. Er hatte mich schon auf dem Gemeindefest gesehen (er war der Luftballon-Mann). Was tut man nicht alles als lokale Berühmtheit. Als wir am Gemeindezentrum vorbei kommen, wird eine Pinkelpause eingelegt. "Halbzeit" erfahre ich beim betreten des Gebäudes. Ich staune, dass zum Abend noch jemand am Schalter am Eingang sitzt. Der Mann ist zwar alleine hier, aber immerhin. Da können die in Deutschland in Sachen Öffnungszeiten noch was lernen.
Der weitere Weg verläuft ohne weitere Vorkommnisse. Keine Feuer, keine Einbrecher und auch sonst keiner auf den Nebenstraßen unterwegs des Nachts. So kommen wir nach fast zwei Stundem Spaziergang und Holzgeklöppel wieder am Ausgangspunkt der Reise an. Meine Ohren freuen sich und die Hände finden auch endlich den Weg in die wärmenden Taschen. Einer der Kollegen muss noch Berichtsbuch schreiben und verabschieded uns schon mal in den Feierabend. Was der da wohl an wichtigen Feststellungen einträgt? "Keine besonderen Vorkommnisse"? Ich empfand die Runde als gelungene Abwechslung und stelle erneut fest, dass die Japaner wirklich viel für ihre Gemeinde tun. In DE wird nachbarschaftliches Engagement nicht so groß geschrieben - oder gar als rechts abgestempelt. Es gibt definitiv Verbesserungsbedarf, nicht nur von Seiten der Nachbarschaft. Schliesslich ist alles was ich hier an Gemeindearbeit erlebt habe nicht nur Eigeninitiative, sondern auch immer von der Gemeindeverwaltung (finanziell) gefördert.

Der Wald ruft

Dienstags geht es immer 10 Uhr zum Gemeinde-Dienst in den Busch. Ich mache mich auf in den nahegelegenen Wald um den anderen Freiwilligen bei der Aktion "Sauberer Wald" zu helfen. So wirklich waldig ist dieser zwar nicht - und Müll liegt hier auch keiner. Dafür kümmern sich die Anwohner darum, dass der Bambus nicht zu dicht wuchert und Bäume am Straßenrand nicht zu weit in den Straßenverkehr ragen. Hier darf ich zwar nicht mit der Kettensäge hantieren, aber meine Arbeitskraft ist dennoch sehr willkommen. Die abgesägten Bambusse (Bamben, Bambi? - es sind halt mehrere) und abgesägten Äste wollen alle fein säuberlich aufgehäuft werden. Das ist meine Hauptaufgabe. Danach wird mit Sägen und Beilen weiter zerkleinert und alles zum Trocknen liegen gelassen. Da wir wöchentlich zwischen zwei Wäldchen wechseln, sind dann immer die Haufen vom letzten mal "reif" für den Scheiterhaufen. Das ist meine Lieblingsarbeit. Es geht doch nichts über ein ordentliches Feuer. Der Bambus ist regelrechter Zunder. Die trockenen Blätter fliegen in der aufsteigenden Hitze davon und verbrennen hoffentlich bevor sie wieder auf dem Boden landen. Der Winter ist in Japan die trockenste Jahreszeit und der Wald bietet genug Potential für einen ordentlichen Waldbrand... Da muss ich ein wenig an mich halten nicht zu viel auf einmal auf das Feuer zu werfen. Das der Bambus so gut brennt liegt nur zum Teil am trockenen Klima. Zusätzlich enthält dieser noch eine Art Öl, welches unter Hitzeeinwirkung aus dem Holz austritt. Wenn man einen Bambushalm über das heiße Feuer hält, wird dessen Außenhaut glänzend und die Farben des Halmes werden noch intensiver. Man kann damit schöne Effekte erzielen, wenn man unterhalb der Zündtemperatur bleibt. ;) Eine weitere tolle eigenschaft des Bambus beim Verbrennen ist, dass er zum Platzen neigt. Die Halme sind hohl und oftmals trotz einer Woche Trocknung noch nicht aufgerissen. Würde man einen solchen Halm nun "ungeöffnet" verbrennen, kann es neben einem netten Knall auch gleich noch zu einer Umverteilung des brennenden Haufens kommen, wenn die heiße Luft im Inneren sich Platz verschafft. Deswegen werden die Stämme der geschlagenen Bambusse mit einem Hammer oder Beil aufgeschlagen, bevor es ins Feuer geht. Die dicken Halme werden angesägt. Einige der Halme können mit einem jungen Baum mithalten und kommen auf 15cm Durchmesser am Dicken Ende. Nicht schlecht für eine Grasart. Die Äste der Halme werden mitsamt den Blättern im ganzen und "ungeöffnet" dem Feuer überlassen. Dicker als einen Zentimeter werden die nicht. Trotzdem gibts neben fröhlichem Geknister und gequietsche beim Verbrennen immer wieder einmal einen echten Knaller. Toll.
Abgesehen vom Sammeln, Zerlegen und Verbrennen gibts nicht viel zu tun. Irgendwann ist dann immer Teepause. Man wärmt sich die Hände und irgendwer hat auch immer noch eine Tüte mit Reiscrackern oder anderen Snacks dabei. Alle tragen sich auf der Anwesenheitsliste ein. Da ich nicht aus der Gemeinde bin für die ich hier im Einsatz bin, muss ich noch einen Heimatort angeben. Keine Ahnung was mit der Info im Gemeindebüro passiert... Vielleicht wird mir das in Königstein angerechnet? Zur Pause gibts natürlich wieder die üblichen Fragen und man plaudert ein wenig über Deutschland und wo Königstein eigentlich liegt... Meine Kollegen beim Arbeitseinsatz sind übrigens alle Pensionäre. In Japan ging man mit 60 Jahren in Rente (das Renteneintrittsalter steigt auch hier). Viele wollen sich allerdings noch immer für die Gemeinde nützlich machen. Daher sind immer mindestens 10 Freiwillige da, wenn der Wald gepflegt werden soll. Einige freuen sich natürlich auch über gratis-Bambushalme für Hof und Garten. Die Asche aus dem Feuer wird ebenfalls für den eigenen Acker genutzt. Die Leute hier haben alle mindestens einen Garten, wenn nicht sogar eigene Felder. Einmal wurde sogar der große Hächsler angeworfen und eine LKW-Ladung Bambus gehächselt. Wo die Hächselware hin ging weiss ich allerdings nicht. Ich denke mal man hat sich reingeteilt.
Feuerstelle
Sauberer Wald

Einmal hat Taiko-san das Feuer gleich genutzt um in einem mehrstöckigen Ofen ihre Süßkartoffeln zu garen. Das Ding sah ein wenig aus wie ein abgesägter Badeofen, auf den man mehrere Töpfe übereinander aufsetzten kann um Gemüse zu Dünsten. Natürlich gabs für alle zur Pause eine heisse Süßkartoffel - oder auch ein paar mehr. :) Man muss beim Schälen nur ein wenig jonglieren, damit man sich nicht die Finger verbrennt. Geschirr hier brauchts keins. Das Spart Aufwasch. Einfach die Schale Stück für Stück abpellen und von der Kartoffel abbeissen. Camping-feeling während der Arbeit.
Wenn die Mittags-Sirene ruft ist auch schon Feierabend. Schade eigentlich...

Der WWOOFer-Verleih

Dorothy verleiht ihre WWOOFer gern hin und wieder an Freunde und Bekannte, wenn diese Hilfe brauchen. So kommt es, dass ich jeden Donnerstag bei Taiko-san auf dem Hof aushelfe. Sie ist eine von Dorothys Freundinnen und kann auf ihrem Hof immer Hilfe gebrauchen. Sie ist so ein richtiges Großmütterchen (ich schätze sie auf jenseits der 70) und sie bewirtschaftet Haus und Hof ganz allein. Wenn ich bei ihr auf der Matte stehe, gibts immer viele Kleinigkeiten zu erledigen, die sie allein nicht hätte bewältigen können. Mal muss ganz banal ein schweres Möbelstück bewegt oder die Rumpelkammer umgeräumt werden. Ein anderes mal montiere ich für sie eine Solarleuchte unter dem Schuppendach oder in der Scheune wird aus ein paar alten Brettern ein Regal gezimmert. Sie spricht ein paar Worte Englisch und wir verständigen uns auch auf Japanisch ausreichend. Der Arbeit steht die Sprachbarriere jedenfalls nicht im Weg. Ich hab immer jede Menge Spaß dabei ihr auszuhelfen und ihre Freude ist nicht minder groß, wenn wieder was erledigt ist. Ganz davon abgesehen dass die handwerkliche Arbeit Freude bereitet, geht es zum Mittag immer zum Sushi oder in ein anderes Lokal um die Ecke. Taiko-san ist stets um das Wohl ihrer Arbeiter besorgt und stellt sicher, dass nach getaner Arbeit niemand ohne gerechten Lohn ihren Hof verlässt. So gibts zum Feierabend noch eine Runde Tee und Snacks - und ein paar Kleinigkeiten zum Mitnehmen. Als hätte ich eine japanische Oma... :)
Ich heisse die Abwechslung zwischen Englischschule und körperlicher Arbeit sehr willkommen. So kommt keine lange Weile auf und wichtiger noch, ich treffe viele interresante Menschen und leiste einen sinnvollen Beitrag in deren Alltag.

Ich bin erschüttert

Das ist mir noch nie passiert. Es kam völlig unerwartet. Auch wenn ich wusste, dass mir das in Japan früher oder später passieren würde... Aber ganz in Ruhe von Anfang an. Es ist Abend geworden und ich habe es mir unter der Decke meines Futons gemütlich gemacht. Das Zimmer ist schließlich nicht das wärmste. Der Laptop bespaßt mich mit ein paar Videos und ich denke an nichts böses. Wie ich so vor mich hin liege und mich berieseln lasse passiert etwas seltsames. Meine Matratze macht eine Bewegung, die ich am ehesten von einer Luftmatratze erwartet hätte, die von einer Welle erfasst wird. Zwar bewege ich mich nicht von der Stelle, aber ich spüre wie alles um mich herum einen Satz zur Seite macht. Bevor ich so richtig realisiere was passiert, ist es auch schon wieder vorbei. So spät ist es noch nicht, dass ich kurz weggenickt sein kann. Ob es am billigen Whisky liegt? (Der sollte gegen die Kälte helfen) Ich hole eine Zweitmeinung ein und frage einfach laut und deutlich meine Zimmernachbarin ob sie "das" eben auch gespürt hat. - Die Papierwände haben ihre Vorzüge. Man muss nicht unter der warmen Decke hervorkriechen um sich mit seinen Nachbarn unterhalten zu können. :) - Heloise hat auch gelegen und demzufolge die Bewegung, die das ganze Haus gemacht hat, ebenso wahrgenommen wie ich. Sie hat schon ein Erdbeben erlebt und meinte, dass das wohl ein Mini-Edrstoß gewesen sein muss. Ich bin froh, dass es nicht der Whisky gewesen ist und schaue weiter Videos. Als ich mich später zu Bett begebe und gerade am einschlafen bin, werde ich wach geschüttelt. Das Erdbeben hat sich entschlossen in die zweite Runde zu gehen. Um mich herum klappern und knarzen alle Türen und Wände. Das ganze Haus wiegt sanft hin und her. Sonderlich stark ist das Beben nicht. Noch während ich wach werde und bei einem gedanklichen "Muss das sein?" überlege ob ich mir jetzt schnell meine Jacke überwerfen und nach draußen flüchten muss, ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Das Haus kriegt sich wieder ein und es kehrt wieder Stille ein. Ohne groß darüber nachzudenken was gerade passiert ist schlafe ich ein.
Am nächsten Morgen frage ich Heloise ob sie auch von Erdbeben geträumt hat. Sie versichert mir, dass ich nicht geträumt habe und dass ihr Zimmer auch gewackelt hat. Mein erstes "richtiges" Erdbeben. :) Mehr wollte ich gar nicht. Nun weiss ich jedenfalls wie sich das anfühlt. Meine Erschüttertheit hält sich in Grenzen, ist ja nichts passiert. Dorothy spricht zum Frühstück nicht von Erdbeben. Hat sie es in ihrem neuen Haus vielleicht nicht mal bemerkt? Ich hab das letzte Erdbeben ja auch "verpasst", im siebten Stock meines Hotels.
Irgendwie fällt es mir schwer mir bildlich vorzustellen was da passiert ist. Klar ist das alles eine Frage von Tektonik, Platten und deren Reibung aneinander. Aber der Maßstab dessen ist so gigantisch, dass nicht nur ein paar Quadratmeter oder ein einzelnes Gebäude in Bewegung versetzt werden. Da haben gestern Nacht ganze Ortschaften oder gar Präfekturen gewackelt. Einfach so. Klar könnte ich das alte Haus in dem wir wohnen mit der Hilfe von ein paar Freiwilligen in Schwingung versetzen. Das Holzhaus ist nicht sonderlich starr - was im Falle eines Erdbebens vielleicht von Vorteil ist - aber die Masse eines ganzen Landstriches? Da brauche ich ein paar Leute mehr...