Das Jahr geht zu Ende

Am 23.12. mache ich mich auf nach Osaka. Ich lasse Dorothy und Co. hinter mir und freue mich auf zwei Wochen Freizeit zum Jahreswechsel. Anfang Januar werde ich zu meinem nächsten WWOOF-Host ganz in den Süden nach Kyushu ziehen. Aber das ist im nächsten Jahr. Der Nachtbus wird mich ein weiteres Mal "günstig" über 600km duch Japan befördern. Die knapp 10000Yen sind gut investiert. Die Bahn verlangt das anderthalbfache und dort hab ich mit meinem Gepäck mehr Ärger.
Wie immer schlafe ich nicht sonderlich gut im Bus und so komme ich müde in Osaka an. Die nächste Bahn ist schnell gefunden und so dauert es nicht lang, bis ich an meiner Zielstation ankomme. Ich habe auf der Karte schon gesehen, dass meine neue Bleibe nicht mal 100m von der Station entfernt liegt und so laufe ich gut gelaunt drauf los. Den richtigen Ausgang (Osten) habe ich schnell gefunden. Die kleine Haltestelle hat nur zwei. An einigen Stationen hat man mehr Auswahl als es Himmelsrichtungen gibt... Als ich zu ebener Erde mit meinem Koffer im Schlepp durch die Straßen poltere, fallen mir eine Menge Obdachlose auf. Die scheinen hier in der Gegend heimisch zu sein. Immer wieder sehe ich unter der Hochstraße Ansammlungen von Pappkartons, gesammelten PET-Flaschen und Decken für das Nachtlager. Fast jede dieser Ansammlungen von Habseligkeiten verfügt über ein Fahrrad. Die Obdachlosen scheinen hier geduldet und recht gut organisiert zu sein. Gelegentlich werden Waren auf einer Decke am Bürgersteig zum Verkauf angeboten. Kleinigkeiten wie Feuerzeuge oder gebrauchte Haushaltwaren. Angesprochen werde ich nicht. Zumindest nicht weil man mir etwas aufdrängeln will. Die üblichen Bemerkungen zu meiner Größe bleiben allerdings nicht aus. Einige der Herren (obdachlose Frauen sehe fast keine), grüßen mich als Touristen freundlich mit einem "Welcome to Japan". Manchmal klingt das nicht ganz nüchtern. Zwischen all den Gesprächen und den Geräuschen höre ich immer mal wieder jemanden etwas unverständlichen rufen. Dass es mein Ansprechpartner vom Hotel ist, der mir schon eine Weile nachläuft und versucht meinen Vornamen korrekt und laut auszusprechen merke ich erst als ich selber an meinem eingeschlagenen Weg zweifle und stoppe. Hundert Meter habe ich lang hinter mir gelassen.
So laufe ich mit meinem "English Manager", der mir in der eMail vom Hotel als Ansprechpartner versprochen wurde, zurück zum Hotel. Dieses habe ich schon vor über 200m verpasst. Irgendwie war ich wohl ein wenig abgelenkt. Der englischsprachige Japaner erklärt mir alle Gepflogenheiten zum Hotel. Ich wohne im 6. Stock. Die Japaner zählen das Erdgeschoss schon als ersten Stock, so ist es eigentlich der 5. Im Stockwerk oben drüber ist das Gemeinschaftsbad mit der großen Wanne. Die Toilette und eine Kochstelle gibt es auf der Etage (in getrennten Räumlichkeiten). Die Toilette ist wieder mal nicht langbeingerecht und ich muss ganz schön zirkeln, damit ich mich auch so setzen kann, dass sich der Hintern über der Öffnung der Schüssel befindet... Das Zimmer ist nicht viel länger als mein Bett und auch in der Breite wird nicht viel Platz verschwendet. Dass es ein wenig nach Rauch riecht ist vergleichsweise vernachlässigbar, denn jedes mal wenn einer der Nachbarn eine raucht, wird der Geruch eh in mein Zimmer ziehen. Ansonsten bietet das Zimmer alles Nötige. Einen kleinen Tisch nebst Stuhl, TV, Klimaanlage, Kühlschrank und ein wenig Stauraum für meine sieben Sachen. Für nicht mal 15 Euro die Nacht kann man da nicht meckern. Ich bekomme zusätzlich zur Einweisung noch eine Visitenkarte mit der Nummer des "English Managers", falls ich mal (sprachlich) nicht mit dem japanischsprachigen Japaner am Tresen klar kommen sollte. Als ich die Karte entgegennehme fällt mir auf, dass die mir entgegengestreckte Hand einen halben Finger weniger zählt als üblich. Sicher nur ein Arbeitsunfall...
Während der ersten Tage im Hotel treffe ich (besonders beim abendlichen Bad) meine Mitbewohner. Das Haus ist gut bewohnt und viele der Bewohner scheinen Dauergäste zu sein. Die wochenweise Vermietung ist offenbar nur ein Nebeneinkommen. Die Nachbarn sind überwiegend alte Herren und viele machen einen ärmlichen Eindruck. Ich werde das Gefühl nicht los, dass einige von ihnen nur knapp über dem Niveau der Kollegen unten auf der Straße leben. Was mir auch auffällt sind die Tätowierungen am Körper einiger meiner Nachbarn. Normalerweise sehe ich Tattoos im Bad nicht, weil öffentliche Badeanstalten Gästen mit Tattoos den Zutritt verwähren.
Hier sei kurz angemerkt, dass (zumindest wenn sie den ganzen Rücken bedecken) Tattoos in Japan eine Mode der Mafia sind. Badbetreiber wollen mit der Festlegung dass Tattoos nicht gestattet sind, diesen speziellen Personenkreis von ihrer Kundschaft fern halten. Schlecht fürs Geschäft, wenn die Kundschaft sich fürchtet. Für westliche Gäste gilt die Regel übrigens ebenfalls. Denen bleibt dann nur eines der Freien Bäder. Dort kann man sich bestimmt super über Tattoos mit den anderen Gästen unterhalten.
Gekürzte Finger sind ebenfalls ein Ding der japanischen Mafia. Soweit ich weiss ist das keine Mode, sondern eher eine Art der Wiedergutmachung nach einem "Fehler".
Ich fühle mich hier trotzdem in bester Gesellschaft. Jeder ist höflich und ich bin es auch. So lange ich meine Miete bezahle bleiben auch alle Finger dran... Die nächsten Tage erkunde ich meine Umgebung und stelle fest, dass sich in diesem Stadtteil jede menge dieser billigen Hotels befinden. Außerdem gibt es eine Menge kleiner japanischer Pubs (Izakaya) und Einkaufsstraßen mit vielen kleinen Läden. Meine Versorgung mit warmen Mahlzeiten und Snacks ist also gesichert. Friseure gibt es auch an jeder Ecke. Meine länger werdenden Haare erinnern mich täglich daran, dass ich bald wieder fällig bin.

Weihnachten?

Irgendwie ist auch gerade Weihnachten. Abgesehen von ein paar bunten Lichtern in den Straßen und den Sonderangeboten nebst Gedränge in den großen Geschäften merke ich nicht viel davon. Dass ich Weihnachten nicht daheim sein würde war mir klar. So ist der 24. ein Tag wie jeder andere. Das Wetter ist gut, also gehts raus aus dem verrauchten Zimmer in die Straßenschluchten von Osaka. Ich lasse mich ein wenig treiben und laufe gen Norden. Auf meinem Weg schaue ich mir diesen und jenen Laden an, während ich mich langsam richtung Hauptbahnhof vorarbeite. Das Ziel für den Nachmittag ist der "Deutsche Weihnachtsmarkt". Diesen hatte ich mir schon während meines Zwischenaufenthaltes nach der Pilgerrude angeschaut. Nun hoffe ich hier ein wenig Weihnachtsstimmung abfassen zu können. Als ich mich dem Marktgelände nähere, stelle ich fest dass heute zum Sonntag eine Menge Leute die Idee haben sich den Weihnachtsmarkt anzuschauen. Anstehen ist angesagt. Im Gedränge kommt sofort Weihnachtstimmung auf. Wie auf dem Strietzelmarkt, bloß ohne Beton-Legosteine. Als ich gemeinsam mit vielen anderen am Markt ankomme, setzt ein Nieselregen ein. Nicht sehr weihnachtlich, aber Schnee wird hier nicht aus Deutschland importiert. Der Rest des Marktes schon. Viele Budenbetreiber sind aus der BRD (und kommen schon seit 16 Jahren zu Weihnachten hier her). Viele der angebotenen Speisen habe ich schon beim letzten Besuch probiert. Der Stollen erinnert an Weissbrot mit Gewürzen und die Lebkuchen sind recht dünn und trocken. Die Kräppelchen, Bratwürste und die heisse Suppe sind allerdings klasse. Preislich liegen die angebotenen Speisen über dem Niveu des Strietzelmarktes. Die Heisse Schokolade ist hier übrigens beim ersten Becher teurer, weil man den Becher mitbezahlt. Als ich Diesen zurückgeben will, gibt man mir nur zu verstehen, dass ich den Becher behalten darf und dass es kein Pfand zurück gibt. :( Da ich kein Zusätzliches Gepäck gebrauchen kann, gebe ich den Becher halt "kostenlos" zurück. Da das Wetter nicht besser wird, mache ich mich bald mit meiner großen Packung Kräppelchen für 900 Yen auf den Weg zurück zum Hauptbahnhof. Nur noch mal schnell eine halbe Stunde anstehen und dann rein in die Bahn. Da der Regen nicht nachgelassen hat, gönne ich mir auf dem Rückweg die Bahnfahrt für 180 Yen. Auf dem Weg zur Bleibe besorge ich mir mein Abendessen und ein Stück Christmas-Cake. Diese wird in Japan traditionell zu Weihnachten verspeisst, wenn man der Werbung glauben schenken kann. Die Japaner sind da geteilter Meinung. Zu Recht, wenn man bedenkt, dass ich für meine zwei kleinen Stücken Sahnetorte mit Erdbeeren 500 Yen bezahle. Eine komplette Torte kostet schnell einige Tausend Yen - und ist im Umfang auch nicht viel größer als eine CD. Zurück in der Unterkunft gibts nach dem nass-kalten Ausflug ein heisses Bad in der großen Gemeinschaftswanne. Das wärmt durch.
Nach dem Abendessen wird in E.T.-Manier "nach Hause telefoniert". Daheim ist es gerade mal Mittagszeit. Acht Stunden Zeitversatz lassen grüßen. Immerhin ermöglicht die moderne Technik ein Videotelefonat. Nach einem auführlichen Telefonat gibts noch die Weihnachtstorte. - Weihnachten in der Ferne. Alles in Allem eine beschissene Idee. Nicht zum Nachahmen empfohlen. Das ich mir dieses Jahr den Geschenkestress spare ist die Einsamkeit nicht wert.
Weihnachtlich oder?

Das Ende ist nah

Die Tage "zwischen den Jahren" verbringe ich auf meinem Zimmer. Teils weil mir irgendwas auf den Magen geschlagen hat, teils weil die Stadt scheinbar nichts zu bieten hat, wenn man keinen kennt mit dem man den Spaß teilen kann. Jeden Tag auswärts essen ist eh zu teuer. Ich freue mich, wenn hin und wieder einer der üblichen Verdächtigen online anzutreffen ist und man ein paar Worte wechseln kann. Passend zum Thema Einsamkeit schaue ich mich mal wieder in einer der internationalen Partnerbörsen um. Immerhin ein paar Leute aus Japan haben einen Account. Im Raum Osaka siehts nicht zu schlecht aus (in mehrerlei Hinsicht). :) Anschreiben kostet ja nichts.
Die Tage verrinnen und das alte Jahr neigt sich dem Ende zu. Silvester wird in Japan nicht mit Feuerwerk gefeiert. Die Brandgefahr ist in der trockenen Jahreszeit zu groß. So knallt hier nichts und ich bemerke keinen Unterschied zu den Tagen zuvor. Als es allmählich auf 11 Uhr am Abend zu geht, beschliesse ich den nächstgrößeren Tempel anzulaufen um zu schauen wie die Japaner das neue Jahr begrüßen. Auf meinem Weg treffe ich immer wieder kleine und große Gruppen an, die alle in die gleiche Richtung laufen. So muss ich mir keine Gedanken machen den Tempel zu verpassen und laufe einfach mit. Als ich das Tempelgelände erreiche ist es schon halb 12. Auf dem Tempelgelände stehen links und rechts des Weges Buden die verschiedene Snacks und Kleinigkeiten rund um den Jahreswechsel anbieten. Es reicht von Kandierten Früchten, über herzhaftes Futter bis zu Losbuden. Einige bieten bereits traditionelle Neujahrsspeisen wie Amasake (wörtlich "süßer Reiswein" - halbfertiger Reiswein, der noch sehr süß ist) und Mochi an. Die meissten Leute stehen allerdings schon in langen Schlangen für das Neujahrsgebet an. Die Priester geben den Zugang zum Haupttempel erst um Mitternacht frei. Viele wollen unter den ersten sein und warten schon länger. Während ich mir noch das Gedränge und dessen Ursache anschaue, überrascht mich der Jahreswechsel als eine kleine Gruppe Japaner laut anfängt herunterzuzählen und anschließend den Neujahrsgruß laut verkündet. In Japan wünscht man sich wie auch daheim "Alles Gute im neuen Jahr". Das klingt dann wie ein "Akemashite Omedetou" oder kurz "Ake-Ome". Hin und wieder werde auch ich gegrüßt. Manchmal sogar auf englisch. Lange halte ich mich nicht am Tempel auf. Fürs Gebet anstehen muss jetzt nicht sein. So verschicke ich meine Neujahrsgrüße acht Stunden eher als üblich (für deutsche Verhältnisse) und mache mich auf den Rückweg.
Immer den Einheimischen nach
Stimmungsvoll beleuchtet

Die Schlange reicht bis vor den Eingang
Andrang am Haupttempel

Was noch kommt

Zum neuen Jahr bekomme ich auf meine Nachrichten die ich in der Partnerbörse versendet habe sogar ein paar Antworten. (In DE war das eher ein einseitiges Unterfangen.) So treffe ich mich zum 1. mit einer "Nami" zum Abendessen. Nach dem Essen gehts in eine Bar und irgendwie ist auch nach einem langen Abend das Interesse an einander nicht verflogen. So verabreden wir uns kurzerhand für den nächsten Tag zum Jahresantrittstempelbesuch. Dieser findet in Kyoto statt. Dort gibt es ein paar der prächtigsten und beliebtesten Tempel Japans. Da diese Stadt den Krieg unbeschadet überstanden hat, ist eine Menge ursprüngliches Kulturgut erhalten geblieben. Ich sag nur: sehenswert (Man muss allerdings mit vielen anderen Besuchern rechnen). Die Bahn bringt uns in einer dreiviertel Stunde ans Ziel. Zu Fuss geht es zum gut besuchten Tempel. Sie geht jedes Jahr zum selben Tempel. Für mich ist es der erste Neujahrstempelbesuch. Auch zum ersten Januar ist noch anstehen angesagt. Zuerst gilt es zum richtigen Altar zu finden. Diese sind nach den Tierkreiszeichen ausgewiesen. Bei den Asiaten geht es übrigens nicht nach den monatlichen Tierkreiszeichen. Hier wird jährlich gewechselt. Dieses Jahr ist der Hund dran. Ich als '86er bin Tiger - wie auch sie. So muss ich mir keine Sorgen machen an der falschen Schlange anzustehen, da wir den selben Weg einschlagen. Nachdem eine Münze investiert und ein kurzes Gebet gesprochen wurde, geht es zum nächsten Tagesordnungspunkt. Kaoru will sich ihr neues Jahreshoroskop holen. Das von 2017 hat sie das gesamte Jahr über bei sich getragen. Dieses wird sie heute, nachdem sie das neue für 2018 "ausgelost" hat, in die Obhut der Mönche übergeben. Sie macht es im gegensatz zu vielen anderen Japanern richtig. Ich sehe wie die Leute die ihren Horoskopzettel lesen und anschliessend an einer gespannten Leine oder einem Zweig festgeknotet zurücklassen, obwohl ein Schild darunter darauf hinweist, dass das nicht der richtige Weg ist. (Sogar auf dem Zettel selbst steht, dass man diesen das ganze Jahr über bei sich tragen soll.) Offenbar funktioniert das ganze sonst nicht.
Der Hund ist für 2018 zuständig
Anstehen wie am Bahnsteig. Altar für Tiger mittig voraus.

So weist mir Kaoru auch hier wieder den Weg zum richtigen Stand. Schliesslich werden verschiedenste Glücksbringer und Horoskope zum neuen Jahr angeboten. Einige tragen einen geschmückten Pfeil (wie beim Bogenschießen) mit sich. Ich erfahre, dass dieser daheim am Familienaltar aufgestellt wird und das Heim vor Unheil bewahren soll. Wir sind lediglich an einem einfachen "o-Mikuji" interessiert. Wie kommt man nun an sein Horoskop für das neue Jahr? Da es ja möglichst persönlich sein soll, darf man sein Schicksal selbst in die hand nehmen. Das Auslosen geschieht mit Hilfe einer kleinen Wabenförmigen Box, die man zuerst schüttelt und dann auf den Kopf stellt um eines von vielen (ich nehme an an die 100) verschiedenen Stäbchen heraus zu fischen. Das Stäbchen hat eine Nummer aufgeprägt. Die Nummer merkt man sich und das Stäbchen schiebt man wieder in die Box für den nächsten. Die hoffentlich nicht vergessene Nummer nennt man dann dem Mönch am Stand für die Zettel mit den Horoskopen. Für 300 Yen bekommt man dann seine ausgeloste Variante ausgehändigt. Ich habe die Nummer 16 gezogen - Kaoru lustigerweise auch. So bekommen wir für 2018 die exakt selben Aussichten auf Papier gedruckt ausgehändigt. So muss ich sie wenigstens nicht bitten mir meinen Zettel vorzulesen, braucht sie mir ja nur zu verraten was sie im neuen Jahr zu erwarten hat. Kaoru und ich unterhalten uns die meisste Zeit auf englisch. Die Zettel mit dem Schicksal sind lediglich auf japanisch erhältlich. So bekomme ich eine kurze Zusammenfassung und erfahre, dass ich nicht zu schlecht wegkomme.
Es geht um die Wurst. Also die für 2018
Die Würfel sind gefallen

Man kann bei den Zetteln von "ganz gut" bis "ganz schlecht" in fünf abstufungen abschneiden. Abgesehen von der "Gesamtwertung" gibt es noch die einzelnen Kategorien wie Liebe, Freundschaft, Berufsleben, ... Wie es für mich im neuen Jahr aussieht folgt unten im Detail.
Nach kurzer Auswertung des Zettels steht fest, dass 2018 ein gutes Jahr wird und wir ziehen weiter. Nach einem Spaziergang durch das Tempelgelände geht es in Richtung Ausgang und wir kommen an einem Stand für Horoskope speziell für Liebe und Partnerschaft vorbei. Kaoru rät mir auch hier Rat einzuholen. Man kann ja nie wissen. Besser man ist vorbereitet auf das was einem bevorsteht. Ich investiere weitere 300 Yen in das Zettelchen mit der nummer 37. (Sie zögert kurz und beschließt ebenfalls den Rat des Orakels in Anspruch zu nehmen. - Nr. 28) Diesmal sind die "Schüttelboxen" übrigens nach Geschlechtern getrennt. Es gibt eine blaue und eine rote Box. Blau für mich und rot für die Damen. Japan hat den Genderwahnsinn also bisher unbeschadet überstanden. :) Auch hier gibts unter dem Bild eine kurze Übersicht. Ich hab ja nichts zu verheimlichen.
Farbenblinde müssen lesen können, damits hier keine Probleme gibt. Was wohl passiert, wenn man die falsche box benutzt?
Optisch definitiv ansprechender als der Zettel fürs Jahreshoroskop. Es soll einen Kimono darstellen

Intime Einblicke in mein Schicksal für 2018

Die allgemeine Jahresvorschau

Faltet man den Zettel mit dem Schicksal auf, erblickt man zu Anfang eine art Gesamtnote für das neue Jahr (ich bin mit "gut" weggekommen), nebst ein paar Zitaten und motivierenden Worten. Danach geht es in dreizehn Unterkategorien in kurzen Sätzen ins Detail. Diese habe ich übersetzt und in der folgenden Tabelle zusammengefasst.

Wünsche, Träume: Ein Wunsch geht in Erfüllung, allerdings braucht es ein wenig Eigeninitiative.
erwartete Person: kommt
Streit: Es entwickelt sich zu deinem Vorteil
Verlorenes: Etwas verlorengegangenes taucht wieder auf. Sei unbesorgt.
Projekte, Unternehmen: Es entwickelt sich stetig zum Positiven.
Krankheit: Die Gesundheit sollte nicht vernachlässigt werden.
Geburt: einfache Geburt
Verlobung: Wenn du es ernsthaft angehst, bekommst du einen guten Partner ab. Die große Liebe ist nah.
Freundschaft: Ich glaube irgendetwas in Richtung "Freunde sind für dich da. Ihr unterstützt einander."
Studium: Gute Ergebnisse stehen in Aussicht.
Jobsuche: Du entscheidest über deine Zukunft, schaue dich gut um. Es sieht gut aus.
Reisen: Überdenke deinen Abreisetermin.
Bauen, Umzug: gute Aussichten, "Richtung: Süd-Ost" - Das klingt ein wenig kryptisch...

Einige der Punkte sind für mich weniger relevant oder schwer zu verstehen. Wie immer kann man viel hineininterpretieren oder auch nicht. Was das angeht bin ich ja talentiert. Ich werd mich allerdings nicht auf Grund eines Zettels auf irgendwas versteifen. Aber nun wisst ihr auch was ihr von mir 2018 erwarten könnt - oder ich von euch? ;)

In Sachen Liebe und Partnerschaft

Der Zettel mit dem Schicksal fürs Beziehungstechnische faltet sich formschön auf wie ein Kimono. In zwei Lagen arbeitet man sich begleitet von Zitaten und Ratschlägen (die ich noch nicht übersetzt habe) zu den zwei entscheidenden Zeilen vor. Vorweg gibts wieder eine Gesamtnote. Auch hier komme ich mit einem "gut" weg.

Freundschaft: Sie hat bereits Bereitschaft signalisiert. Du brauchst nur den entscheidenden Stritt zu tun.
Rendevouz: Du wirst die richtige finden. Eine strahlende Zukunft steht dir bevor.

Was will man mehr. :) Nun muss ich nur noch die Dame von der die Rede ist antreffen...


Nach dem Tempelbesuch gehts zurück zu weltlicheren Verlangen - shopping. Ich will gern noch einen Messerladen (für Küchenmesser) in Kyoto besuchen. Kyoto ist Kulturhauptstadt und das gilt auch für die japanischen Messerschmiede. So machen wir uns auf in die sehr gut besuchten Einkaufsstraßen. Obwohl heute Feiertag ist, haben viele Geschäfte geöffnet - und weil heute Feiertag ist, haben viele Japaner zeit zum Shoppen. Die Leute vom Messerladen offenbar auch. "Heute geschlossen" :( So bummeln wir ein wenig durch die belebten Straßen und machen hier und da auf einen Snack oder Kaffee halt. Vor einem großen Kaufhaus sehe ich einen Polzeiwagen stehen. Nichts ungewöhnliches. Während wir an einer der Ampeln davor warten, kommen 5 Polizisten aus dem Kaufhaus und zerren eine Dame die sich sehr unjapanisch verhält in Richtung Fahrzeug. Sie schreit schrill und wehrt sich gegen die Herren die sie entschlossenen Ganges abführen. Kaoru meint, dass sie wohl beim Klauen erwischt worden ist. Kaoru ist der Vorfall peinlich, obwohl sie ja gar nichts dafür kann... Wohl eine japanische Eigenart, sich für seine schlechten Landsleute zu schämen. Natürlich starren viele Passanten und einige filmen das Geschehen. Vielleicht findet man ein Video vom Vorfall auch bald online. Ich habe bisher nur Verkehrspolizisten im Einsatz erlebt. Im sonst so anständigen Japan bin ich noch keinem Verbrecher begegnet. Hier kann man ruhigen Gewissens sein Handy auf einem freien Tisch vorm Cafe liegen lassen um diesen zu reservieren, während man sich seinen Frappuchino holt...

Was draus wird

Für die diebische Dame ist das Jahr wohl nicht optimal gestartet. Ich bin bisher ganz zufrieden. Da die Züge nach Mitternacht nicht mehr fahren und wir, zurück in Osaka, beim Sushi die Zeit ein wenig vergessen haben, darf ich kurzerhand bei Ihr (nicht bei der Diebin) übernachten. Ob das nun am Zettel mit dem Schicksal liegt, weiss ich nicht. Böse bin ich jedenfalls nicht, dass ich mein verrauchtes Zimmer mal eine Nacht allein lasse. Wer weiss schon was die Zukunft einem so bringt. Meine unmittelbare Zukunft sagt erst einmal, dass es nach Omura geht. Der Ort liegt in der nähe von Nagasaki in Kyushu. Das ist die südlichste der vier japanischen Hauptinseln. Dort werde ich als Bäcker und Englischlehrer arbeiten (WWOOFen). Mit beidem kenne ich mich ja mittlerweile bestens aus. Der Abschied aus Osaka fällt allerdings schwer.