Wo ist hier die Kupplung?

In Japan ist die "Golden Week" in vollem Gange und wir wollen das lange Wochende nutzen. Doch was stellt man an, wenn das ganze Land auf Reisen geht? In Japan bricht immer Anfang Mai die Hölle los, was Ausflüge und Kurzurlaube angeht. Der Grund darfür: Es fallen drei Feiertage so dich aufeinander, dass - zusammen mit einem Wochenende - im Idealfall bis zu fünf Tage in Folge frei genommen werden können. (Dieses Jahr sind es vier.) Und das wird hier zum Anlass genommen tatsächlich mal Urlaub zu machen. In Japan scheint ansonsten keiner gern seinen Urlaub zu nehmen. Deswegen wurde vor einer Weile per Gesetz beschlossen, dass jeder Arbeitnehmer verpflichtet ist, mindestens die Hälfte seines Jahresurlaubes zu nehmen.
Wie auch immer. Zur Golden Week scheint die Hemmschwelle der Arbeit den Rück zuzuweden zu sinken. Oh aber wer unbedingt arbeiten will, darf das natürlich wie immer dennoch tun. Schliesslich haben viele Geschäfte weiterhin geöffnet. Feriertage sind für den Japaner kein Grund auf Supermarkt und Einkaufsmeile zu verzichten...
Über den eigentlichen Hintergrund der Feiertage zur Golden Week will ich hier nicht eingehen. Fakt ist, dass schon Monate zuvor so ziemlich alle beliebten Urlaubsziele ausgebucht sind und man lieber nicht versucht last minute noch Sitzplätze für Fernzüge oder den Flieger zu bekommen. Auf den Straßen kann es ebenfalls eng werden. Man kennt das ja aus Deutschland, wenn die Ferien beginnen.
Wir haben nirgends im Voraus gebucht. Dennoch sind wir entschlossen nicht zu Hause herum zu sitzen. Wir wollen es abseits der üblichen Ziele versuchen und das Transportmittel der Wahl wird das Auto sein. Da braucht es keine Tickets oder Sitzplätze. Die Route für die nächsten vier Tage haben wir grob am Vorabend "geplant". Einen festen Zeitplan gibt es nicht. Ein Hotel finden wir da wo wir am Abend hängenbleiben... Man könnte nun meinen, dass das gerade jetzt die bescheidenste Idee von allen wäre. Aber wie schon angedeutet geht es in eine der weniger vollen Ecken. Wenn es keine Autobahnen gibt, kann man auch nicht in den Stau geraten. ;) Wir fahren in die Provinz - nach Shikoku. Ich kenne mich da ja mittlerweile recht gut aus und wir haben beide genügend Ziele gefunden, die es anzuschauen lohnt.
Da Kaoru in Osaka sonst kein Auto braucht, hat sie außer einem Fahrrad kein eigenes Fortbewegungsmittel. Das spart eine Menge Geld und die Bahn schlägt innerstädtisch sowieso alle Fortbewegungsmittel. So packen wir unsere Sachen und auf geht es zu einer der allgegenwärtigen Autovermietungen. Da Kaoru den Papierkram übernimmt, gibt es keine Probleme. Ausländer sind hingegen beim Thema Mietauto in Japan immer ein Sonderfall. Deutsche Kraftfahrer müssen ihren Führerschein bei einer zertifizierten Stelle übersetzen lassen (3000 Yen und bis zu 24h Wartezeit), bevor sie in Japan ein Fahrzeug führen dürfen. Ein internationaler oder der europäische Führerschein genügen da nicht. Ich hätte zwar alle Dokumente, aber die Abwicklung des Vorganges hätte bestimmt länger gedauert. Nicht zuletzt auf Grund der Sprachbarriere. ;)
So sitze ich schon nach kurzer Wartezeit zum ersten mal hinter dem Lenkrad eines Nissan Cube, natürlich automatik. Kaoru hat nur den "Sparführerschein" für diese Fahrzeugklasse. Wozu auch mehr investerien, wenn man nur selten fährt... So habe ich das doppelte "zum ersten mal"-Erlebnis. Linksverkehr kenne ich bisher nur vom Beifahrersitz aus und die Sache mit den Zweipedalfahrzeugen ist mir, seit ich nicht mehr ins Tretauto passe, auch erspart geblieben. (Ja, ich mag Automatikfahrzeuge nicht.) Spaßigerweise hat der Cube sogar ein "Kupplungspedal", welches die Handbremse bedient. So ist meine Devise für die nächsten vier Tage "Bloß nicht Kuppeln!". Der linke Fuss wird gleich richtung Sitz verfrachtet und ab sofort wird nur der rechte Fuss die Pedalarbeit übernehmen.

In seiner vollen Kastigkeit steht er da: Nissan Cube. Die Radkappen erinnern mich an Hobelmesser für einen Gemüsehächsler
Die Pedalauswahl für den Fahrer. V.l.: "Hand"-bremse, Bremspedal, Gaspedal

Apropos Fuß. Was das Platzangebot im Fußraum angeht, ist das Fahrzeug angenehm "geschnitten". Die Mittelkonsole tut was sie tun soll, sie bleibt in der Mitte und schweift nicht flach in meinen Kniebereich (im Gegensatz zu vielen europäischen Fahrzeugen). Die Lenkradverstellung finde ich nicht, dafür geht der Sitz weit genug nach hinten und unten zu verstellen. Die Knie können sich unterhalb des Lenkrades berühren - was will ich mehr? Im heimischen Passat sieht es auch nicht geräumiger aus.
Zeit aufzubrechen. Den Schalthebel finde ich auf der linken Seite, gleich am Lenkrad. "OK, irgendwie muss ich jetzt von "P" nach "D", bzw. erst einmal nach "R" kommen um den kleinen Parkplatz des Autovermieters zu verlassen..." Während ich mich noch wundere was der mit "S" beschriftete Knopf am Schalthebel bewirkt und ob ich den drücken muss um den Gang zu wechseln, winkt hinter mir schon der freundliche Herr von der Vermietung um mir zu signalisieren, dass ich ruhig zurücksetzen darf. Als ich, nachdem ich den Rückwärtsgang gefunden habe, erst mal die Spiegel einstelle wird meine Beifahrerin schon nervös. Sie weiss um meine ersten male und bietet mir an, die Plätze zu tauschen. Ich versichere ihr, dass ich alles unter Kontrolle habe und dass sie morgen fahren darf.
Nicht viel später habe ich alle Gänge und auch die Ausfahrt ohne Kollision mit anderen Fahrzeugen oder dem freundlichen Herrn gefunden und befinde mich auf einer kleinen Nebenstraße in Osaka wieder. Zeit sich mit den Gepflogenheiten auf japans Straßen vertraut zu machen. Ich weiss bisher lediglich, dass keiner an Zebrastreifen hält und dass man links fährt. Immerhin. Mein erstes Ziel ist Kaoru's Arbeit, weil sie dort ihre Brille aufbewahrt. Sie nutzt sie nur dort am Monitor und wenn sie Auto fährt. Da ersteres öfter eintrifft, gibts nichts daran zu meckern, dass die Brille dort liegt. (Sie hat schlicht vergessen, sie am Vorabend von Arbeit mit zu bringen, aber pssst.) So rollen wir über mehr oder minder breite Straßen bis zu ihrer Arbeit. Die Straßen sind recht leer. Die rushhour ist durch und die meissten Autos sind damit beschäftigt aus der Stadt heraus zu kommen.
So darf ich nach fünf Minuten zum ersten mal um meinen Führerschein bangen. Ich darf vor dem Büro in der Taxispur warten. "Fünf Minuten geht in Ordnung. Lass den Motor einfach laufen, schalt die Warnblinker an und bleib im Fahrzeug." Ich weiss ja schon, dass die Polizei in Japan mangels wirklicher Verbrechen gern übergenau auf Verkehrssünder achtet... Na zur Not stell ich mich einfach dumm oder so. Die Taxifahrer nehmen es zum Glück gelassen, dass ich mich bei ihnen einreihe. Hier wird sowieso fast nie gehupt.
Nach langen fünf Minuten, geht es direkten Weges auf den Highway. Diese Straßen kommen den deutschen Autobahnen nahe, weil man schneller fahren darf als in der Stadt. Bei schnell versteht man in japan allerdings so um die 50 bis 80 km/h. "Wow..." Dazu kommt noch, dass es sich bei diesen "Schnellstraßen" stets um Mautstraßen handelt. Zum Glück hat unser Auto eine Antenne für die sogenannte "ETC-card" an Bord und wir dürfen die bargeldlosen Mautbarrieren passieren. Das spart Zeit und das Gekrame nach Bargeld. Spannend bleiben die automatischen Mautsperren trotzdem. Es ist immer wieder ein Spaß auf die geschlossene Schranke zuzufahren und auf die erfolgreiche Zahlung zu hoffen. Die Schranken öffnen von allein und rechtzeitig. Man soll einfach mit 20km/h darauf zu fahren, dann klappt das ganze auch ohne Unfall.
Wie ich mich die ersten Kilometer auf dem Highway an die derzeit erlaubten 60km/h halte, fällt mir prompt auf, dass in Japan keiner auch nur annäherd nach den Beschränkungen fährt. Ich werde ständig überholt und Kaoru gibt mir den Tip einfach "mit zu schwimmen". Die Polizei scheint nur seltenst zu blitzen. Feste Blitzer gibt es nicht und auch sonst ist auf der Autobahn kaum Polizei zu sehen. Die liegen offenbar alle in der verkehrsberuhigten Zone vor dem Kindergarten auf der Lauer, was ja auch Sinn macht.
So gebe ich dem Würfel die Sporen und die Automatik tut ihr übriges. Ich muss zugeben, dass die Schaltvorgänge nicht zu spüren sind. Auch bei Vollgas und bei plötzlichen Lastwechseln funktioniert alles Ruckelfrei. Ein Pluspunkt für die Automatik von Nissan. Man hört lediglich den kleinen Motor aufheulen und nicht immer bedeutet das, dass der Wagen auch schneller wird. Manchmal wirds vorn einfach nur lauter. Wenn man in einem Land fährt wo man nur bis 80 beschleunigen darf, spielt das aber auch keine große Rolle. Ich wage mich übrigens bis auf mörderische 120km/h vor. :)
Die Ausstattung unseres Stadtflitzers ist eher standard. Es gibt eine manuelle Klimaanlage, ein Radionavi mit großem Display, recht wenig Infos in der Intrumentenabteilung und vier elektrische Fensterheber. Kein Schnickschnack, aber eben auch keine Momentanverbrauchsanzeige oder einen Tempomat. Oh und es gibt kein Zündschloss und der Motor geht immer mal aus, wenn ich an der Kreuzung warte. Ob das miteinander zusammenhängt, konnte ich in der kurzen Zeit nicht ausreichend testen. ;)
Alles ist übersichtlich gestaltet und auch hier dominieren Kastenformen

Die spaßigen "Extras" ergeben sich erst, wenn man sich wie gewohnt bewegt und plötzlich nicht das erwartete Resultat dabei herauskommt. Die Hebel für Blinker und Scheibenwischer zum Beispiel, sind im Cube auf der jeweils anderen Seite als ich es aus Deutschland gewöhnt bin. Links wird gewischt und rechts Signal gegeben. Ich winke also immer wieder mal mit den Wischern anstatt den Blinker anzuwerfen. Zu kuppeln versuche ich zum Glück nie. Aber ich merke immer wieder, vor allem beim Anfahren am Berg, wie ich zum schnellen Gangwechsel mit der rechten Hand zum Hebel greifen will... Da ist aber nur eine Tür. - Der Blick zum Navi oder zum Rückspiegel (nach rechts) präsentiert lediglich den Seitenspiegel. Zum Glück alles nichts bedrohliches. Und für die Statistiker: Ich bin nur einmal auf einer kleinen Dorfstraße nach dem Abbiegen rechts gefahren - und ich bin erstant wie lange ich mich über den entgegenkommenden "Spinner auf meiner Spur" gewundert habe, bevor ich mein Versäumnis bemerkt habe.
Wie eben schon erwähnt, verfügt unser Cube nicht über Tempomat und Co. Demzufolge ist auch kein Abstandswarner oder Bremsassistent verbaut. Zumindest ist davon nichts zu sehen. Die Anleitung zum Fahrzeug habe ich nie gelesen. Ich könnte allerdings schwören, dass immer mal wieder ein Warnton zu vernehmen war, wenn ich das Gaspedal zu weit nach unten gedrückt oder recht spät gebremst habe. Die Designer bei Nissan haben allerdings den Lautsprecher für das Akustische Signal irgendwo im Beifahrerbereich verbaut. Das ergibt für mich keinen Sinn... Na wie auch immer. Ich war von Kaoru's Fahrstil auch beeindruckt. Auf der Autobahn mit der doppelten Geschwindigkeit als eigentlich erlaubt ist zu fahren verlangt schon viel Vertrauen in die abwesenheit der Ordnungshüter. :) Aber wir waren selbst da nicht die schnellsten. Japaner sind offenbar nicht überall korrekt.
Was das Platzangebot, abgesehen von der Beinfreiheit, angeht hat mich der Nissan angenehm überrascht. Mein Kopf hat eine Menge Platz. Wo ich manchmal in deutschen Autos (*hust* Opel *hust*) selbst vorn sitzend mit dem Kopf an der Decke schleife, kann ich hier aus einer 2l Flasche (oder der Bierdose) trinken, die fast leer ist (ich war Beifahrer). Als Beifahrer kann ich die Beine nicht ganz ausstrecken, was aber in Autos daheim ebenfalls oft nicht möglich ist. Hinten habe ich diesmal nicht gesessen, aber selbst in kleineren Autos konnte ich hinter einem Japaner beqem sitzen. Das sollte hier also auch passen. Der Kofferraum fällt ein wenig kurz aus, aber auch hier hilft das kastige Design und verschafft ein wenig mehr Volumen durch Bauhöhe.
Designelement unter dem Dach. Es hat zum Glück nirgends hereingeregnet
Hinten ist genug Platz für eine Wand aus Bierkisten. Für die Waschmaschine wirds allerdings eng

Über Design lässt sich streiten. Die Japaner scheinen diese Würfelautos und Kastenwagen zu lieben. Man sieht viele Kantig designten Fahrzeuge. Dank der Geschwindigkeitsbegrenzungen überall scheint das steile Design nicht all zu viel Mehrverbrauch durch Windwiderstand zu verursachen.
Auch in schwarz erhältlich. Die meißten Autos in Japan sind übrigens weiß
Einparken war nicht weiter schwer bei guter Rundumsicht und großen Spiegeln

Verkehrstechnisch war unsere 1260km-Rundreise übrigens entspannt. Die Schnellstraßen waren bis auf ein paar Kilometer Stau wegen Unfällen angenehm zu befahren. Der Plan mit der einsamen Insel ging also voll auf. Außer ein paar Pilgerern (meisst ohne Auto) war auf den Straßen nicht viel zu sehen. Erwähnenswert wäre noch: Was ich an den Highways nicht mag ist die Tatsache, dass die Auffahrt ohne Standspur die auffahrenden Fahrzeuge am Ende stets in die linke Fahrspur zwingt. Das führt nicht nur dazu, dass das Fahrerassistenzsystem auf dem Beifahrersitz anschlägt, wenn man sich auf der linken Spur fahrend einer Auffahrt nähert, sondern auch zu den berühmtberüchtigten Schnellspurwechseln in eben diesem Bereich. Da möchte keiner rechts neben einem fahren, wenn man "spontan" Platz machen muss, weil ein auffahrendes Fahrzeug einfach durchzieht. Japan ist anders...
Einen Reiseartikel schiebe ich eventuell noch nach. Hier sollte es hauptsächlich um das Auto(-fahren) in Japan gehen. Gekostet hat uns der Spaß mit dem Mietwagen übrigens knapp 50000 Yen (wahsinnige 14000 Yen davon waren Mautgebühren) plus 10000 Yen für Benzin. 137 bis 150 Yen darf man übrigens pro Liter Normalbenzin bezahlen. Die gefahrenen Kilometer haben beim Mietpreis übrigens keine Rolle gespielt.