Meine Zeit als Reiseführer

Nachdem ich fast ein dreiviertel Jahr meißt für mich allein durch Japan gereist bin, bekomme ich Besuch aus der Heimat. Zwei Freunde wollen sich meine Wahlheimat auf Zeit auch mal anschauen und die Gelegenheit nutzen mich als Reiseleiter in Anspruch zu nehmen. Dieser Artikel wird nicht behandeln wer mich besucht hat, sondern was wir so erlebt haben. Wie gewohnt in Wort und Bild. Es wird auch Zeit, wenn man bedenkt, dass das ganze in März und April gelaufen ist. Also nix wie ran.

In der großen Stadt

Seinen Anfang nahm alles in Tokyo, zu Beginn der Kirschblütenzeit. So ging es für mich auf in die Hauptstadt und dann nix wie zum Flughafen. - Ganz so eilig was das ganze dann doch nicht. Die beiden waren ein wenig später dran, weil in Frankfurt irgendwer die Tür vom Flieger kaputt gemacht hatte. Immerhin blieb es beim selben Tag für die Ankunft. Was sind schon fünf Stunden Verspätung? Das macht die deutsche Bahn doch ständig (ohne schwerwiegende Defekte)...
Ueno Park und Festmeile zur Kirschblüte
Erste Blüten lassen sich blicken

Die ersten Tage haben wir uns in Tokyo herumgetrieben. Hier lag der Schwerpunkt auf "Großstadt erleben" und Kirschblüte. Von ersterem hatten meine Gäste nach ein Paar Tagen allerdings schnell genug. "Zu viele Leute!" Was gutes hat die Erfahrung mit den Menschenmassen: In Zukunft ist das Dresdner Stadtfest nur noch ein entspannter Spaziergang. :) Von Tokyo gibts ein paar Bilder aus dem Ueno-Park und vom Skytree. Auf dem Skytree war ich vorher auch noch nicht. Die Aussicht ist echt nett. Man kann sich für zwei verschiedene Etagen entscheiden. Es geht auf 350m oder 450m Höhe. Die obere Etage bietet zusätzlich zum Ausblick noch einen Rundweg mit Glasboden. Den Aufpreis von 1030 Yen nach ganz oben haben wir uns nicht gegönnt. (2060 Yen kostet das Ticket auf die untere Etage.) Dort war die Sicht dem Wetter entsprechend gut. Ein paar Regenwolken haben die Fernsicht zum Fuji verdeckt, ansonsten konnte man aber in alle Richtungen Großstadt bis zum Horizont bewundern.
Leider war es ein wenig verregnet
Den Fuji sieht man deswegen heute nicht

Immer geradeaus bis zum Horizont
Alles wirkt winzig, wie auf der Eisenbahnplatte

Nach all den Menschen wurde es Zeit für einen Ausflug in die Natur. So ging es in Richtung Fuji. Da dieser im Frühling für Besucher noch gesperrt ist, mussten wir auf einen benachbarten Berg ausweichen. Dass dieser ebenfalls noch gut mit Schnee bedeckt sein könnte, kam uns nicht in den Sinn. In Tokyo war das Wetter schon mehr als nur Frühlingshaft. An der Zielstation angekommen wurde entgültig klar: Die Regengüsse der vergangenen Tage kamen hier noch als Schnee vom Himmel. Frieren musste deswegen keiner. Eine Jacke hatten wir alle dabei und die Sonne tat auch hier ihren Dienst. Das T-Shirt hat ausgereicht. Beim ersten Anstieg wirds von ganz allein warm...
Spaßig wurde es, als die Straßen aufhörten von Schnee beräumt zu sein. Gute 10 bis 15cm Pappschnee hießen uns willkommen. Meine Wanderschuhe hatte ich in Osaka gelassen. Wir wollten ja nicht ins alpine. So konnte ich meine neuen Halbschuhe gleich mal auf Wasserfestigkeit testen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es bei knöcheltiefem Schnee nicht lange trocken blieb um die Füße. Trotzdem ging es entschlossen weiter den Berg hinauf. Immerhin waren wir endlich ungestört und beinahe allein unterwegs. Erst nahm ich an, dass es nur so Verrückte wie uns auf den zugeschneiten "Mitsutouge" verschlagen kann, aber hier und da trafen wir sogar auf ein paar Japaner und letztlich folgten wir stets den Fußstapfen unbekannter, die schon vor uns auf die blöde Idee gekommen sind zu dieser Jahreszeit hier hoch zu wandern.
Irgendwie konnte ich mich nicht entscheiden
welches der Bilder besser aussieht

Begegnung am Wegesrand

Je höher wir auf den Berg stiegen, um so höher wurde auch der Schnee. Jetzt stiegen wir von Loch zu Loch in die Fußabdrücke unserer tapferen Vorsteiger um dann knietief einzusinken. Manchmal gab der festgetretene Schnee nach und offenbarte sein tatsächliches Potential zum Einsinken. Jetzt galt es vorsichtig das Gewicht zu verlagern und möglichst großflächig aufzutreten. Letztlich mussten wir uns irgendwann eingestehen, dass die Zeit für den Aufstieg zu knapp wird (wenn man noch bei Tageslicht nach unten kommen will...). Mal ganz davon abgesehen, dass der Abstieg an vielen Stellen reichlich beschissen zu bewerkstellig war. Entweder es ging über rutschige Steine oder man sank ein und musste sich mühevoll freigraben. (Bergab bekommt man einfach zu viel Schwung um forsichtig aufzutreten.)
Alles in Allem war es dennoch ein schöner Ausflug. Das Wetter bat eine fast schon unwirkliche Mischung aus strahlendem Sonnenschein nebst angenehmen Temperaturen und dennoch Tiefschnee. Der Fernblick war unbeschreiblich. Die Luft war klar und der Fuji am Horizont zeigte sich von seiner schönsten Seite. Das allein war es wert - und das heiße Bad im Onsen nach dem Absteig. Die Badeanstalt bat hier einen interessanten Service. Man konnte für 1600 Yen ein Bad mit anschließendem Bier nebst Snack buchen. Anschließend wurde man mit dem Bus zur Bahnstation gefahren. Nicht, dass wir nach einem Bier nicht mehr laufen konnten, aber wenns schon mal inklusive ist... :) Leider war eine Schuhtrocknung nicht inklusive.

In heimischen Gefilden

Die nächste Station auf unserer Rundreise war Osaka. Hier wurde das Kirschblütenfest gefeiert und wieder einmal konnten Stadt und Umland im Kontrast zueinander genossen werden. Nach Tokyo war der Bedarf an Großstadt schon gut gesättigt. Also nichts wie raus in die Natur. Ein lohnenswertes (und nahegelegenes) Ziel ist der Minoo-Wasserfall. Leider waren ein paar der Wanderwege gesperrt und wir mussten uns auf Umwegen zum Ziel der Wanderung bewegen. Wir haben das beste drauß gemacht und unter Zuhilfenahme moderner Navigationstechnik und lokal vorhandener Karten einen herrlich einsamen Weg abseits der Straßen gefunden.
Die Burg im schönen Osaka-Castle-Park
Neben dem Castle-Park liegt der Businespark

Japans größtes Holzgebäude geschmückt mit Kirschblüten
Die Rehe sehen den Touristenandrang gelassen (und gesättigt)

Am Ziel angekommen war entsprechend wenig los. Viele Besucher haben sich wohl von der Sperrung abschrecken lassen. Zum Glück hatte wenigstens einer der Imbissbudenbetreiber seinen Stand geöffent. So gab es einen Burger und ein paar Biere aus dem Automaten. Ein wenig aufpsasen mussten wir beim Futtern unserer Snacks, da ein hungriger Bergbewohner hier und da Touristen um ihre Mahlzeiten erleichterte. Wenn man mal zwei Sekunden nicht hin guckt sind z.B. die Gummibärchen weg oder das dreiste Fiech kommt einfach immer näher und greift sich den Becher mit den Pommes... Die Warnschilder überall meinten "Bitte füttern sie die Affen nicht. Snacks bekommen denen nicht." Dass die sich einfach selbst bedienen wurde nicht erwähnt. Und entweder lesen die Affen die Schilder nicht oder sie sind genau so wenig interessiert an einer gesunden Ernährung wie viele der Wanderer.
Hier war der Weg noch nicht gesperrt
Nach ein paar Umwegen endlich am Ziel

Abwägen der nächsten Schritte. Die Gummibären waren ein guter Anfang
Schuldige Blicke? Wohl eher der Blick nach dem nächsten Leckerbissen

Ab in den Süden!

Als nächstes ging es nach Kyushu. Hier sollte der Fokus mehr auf Natur und Wandern liegen, als auf Städtetrips. So ging es als erstes auf die Vulkaninsel Miyajima. Der Vulkan ist momentan übgrigens recht aktiv und versorgt das Umland kräftig mit frischer Asche. Je näher man der Insel kommt um so staubiger wird es. Alles ist mit einer grauen Schicht überzogen und gelegentlich verspürt man dieses unverkennbare Verlangen mal wieder so richtig schön abzuhusten... Die Anwohner sind nicht zu beneiden - nicht nur weil deren Autos jeden Tag wieder schmutzing sind.
So haben wir uns den Vulkan aus der Nähe angeschaut und waren live dabei als er wieder einen frischen Schwall Asche ausstieß. Gebebt hat nichts, aber man hat einen einzelnen, dumpfen Schlag in der Ferne vernehmen können. Gleich darauf konnte man die deutlich dunklere Aschewolke aus dem Krater aufsteigen sehen. Eindrucksvoll. So ein wenig neugierig bin ich schon wo all die Asche her kommt. In den Krater hineingucken ist allerdings nicht drin.
Die Überfahrt zum Feuerberg
Nach dem Rülpser: Dichte, schwarze Wolken

Als nächstes Ziel stand wieder eine Insel auf der Liste. Diesmal dauerte die Fährüberfahrt ein wenig länger. Yakushima ist trotzdem bestens angebunden. Wir sind nämlich mit einem Tragflächenboot übergesetzt. Von diesen Booten hatte ich bisher noch nie eins in Aktion erlebt. Das Boot wurde übrigens von Boeing gebaut. Das erklärt auf der einen Seite die Tragflächen und die Turbinen - und auf der anderen Seite den nicht unerheblichen Preis von mehreren 10000 Yen für eine Rundfahrt. Man kommt sich ein wenig vor wie auf einer Flugreise. Die Sitzabstände sind Mist, man muss sich anschnallen und es gibt Rettungswesten. Wenigstens mussten wir an keiner Passkontrolle anstehen oder alle Flüssigkeiten abgeben.
Auf Yakushima angekommen konnten wir von Hightech auf Natur pur umsteigen. Die Insel ist als einer der Flecken Japans bekannt wo man noch ursprüngliche Wälder vorfindet. Zwar wurde auch hier schon vor hunderten von Jahren Holzwirtschaft betrieben, aber einige der Regionen der Insel waren zu unzugänglich oder nicht rentabel zu bewirtschaften. So kann man hier in einem moosig, sumpfigen Wald die Überreste uralter Bäume bestaunen aus denen wieder neue Bäume herausgewachsen sind, die selbst schon über 100 Jahre alt sind. Der älteste, noch stehenden Baum wird auf über 1000 Jahre geschätzt. Teils führt der Weg direkt unter den Wurzeln der Urwaldriesen hindurch und man darf sich auch als großer Europäer mal klein fühlen.
Kaltes, klares Wasser
Einer der "jüngeren" Bäume

In den "Fußstapfen" eines Urwaldriesens vergangener Tage
Den Bach durfte man von Stein zu Stein tretend durchqueren

Der Versuch eine ganze Insel in einem Bild einzufangen. Rechts liegt das Tragflächenboot vor Anker (Die Flächen tragen gerade nicht und verstecken sich im Wasser)

Der dichte Wald mit seinem unveränderten Wuchs hat übrigens Modell gestanden für den Animationsfilm "Prinzessin Mononoke". Ein Klassiker des japanischen Animationsstudios Ghibli. So Filme laufen auch im deutschen TV immer mal (Arte). Ghibli hat hier den Status den Disney in der westlichen Welt hat und somit kennt jeder Japaner deren Filme. Wir haben zwar keine Waldgeister gesehen, aber auf den weniger ausgetretenen Wegen findet man sicher welche. Wir hatten leider nur Zeit für einen Tagesausflug und eine der Hauptrouten. Viele kommen für länger auf die Insel und laufen auf eigene Faust. Die Hostels und die Wanderausstattungsläden an der Küste zeugen davon.
Hat nur zwei Räder, ist aber genau so bunt
Wird gerade gefilmt fürs Abendprogramm

Tiefer geht nicht
"Cabrio". Hier fährt der Motor offen

Fehlt nur noch der Zuhälter...
Viele Geldkoffer passen da nicht mehr rein

Zurück in der Zivilisation trafen wir zufällig noch auf ein Treffen tuningfreudiger Japaner. Viele der Fahrzeuge sind übrigens "aus eigener Kraft" an- und abgereist. Soll heißen: In Japan scheint der TÜV es nicht so eng zu sehen, wenn man sich hier und da ein paar Extras einbaut.

Hiroshima

Unser nächstes Ziel war wieder eine der großen Städte Japans: Hiroshima. Hier wurde neben dem Kulturprogramm auch wieder viel Wert auf Wanderungen gelegt. So haben wir einfach ein paar der Berge im Umland der Stadt erklommen. Hier war nicht mit Schnee zu rechnen. Dafür schöne Aussichten und Frühlingsblütenpracht.
Mein Lieblingspart in Hiroshima ist allersdings die Insel Miyajima. Der für den Besuch der Insel ausgewählte Tag war ein wenig verregnet und der Start zur Inselwanderung nicht der beste. Angenehmerweise klarte es auf halbem Wege zum Gipfel auf und so stieg die Stimmung entsprechend der Höhenmeter. Kurz vor "Ladenschluss" konnten wir noch die Aussicht von der Plattform auf dem Gipfel genießen. Der Rundumblick auf die Stadt und die umliegende Inselwelt ist immer wieder die Mühe des Aufstieges wert.
Bombengedenkruine im Zentrum der Stadt
Endlich mal raus ausder Stadt

Morgens nass von oben und unten
Abends endlich trocken

Inselwelt von oben. Auch bei schlechtem Wetter einen Blick wert

Es wird wieder Winter

Die letze Etappe, bevor es wieder nach Tokyo (und anschliessend nach Hause) ging, war Matsuyama. Die Stadt liegt am Rand der japanischen Nordalpen und war schon im letzten Sommer eines meiner Reiseziele. Von hier aus sollte es in eines der umliegenden Wandergebiete gehen. Wie sich allerdings herausstellte, war dieses nicht vor Mitte Mai begehbar. Der Busbetrieb wurde über den Winter eingestellt und selbst mit Taxi oder Mietwagen wäre ein Durchkommen wegen Schnee nicht möglich gewesen.
Zum Glück fand sich ein Ausweichziel. Es ging nach Norikura in die Berge. Das Wintersportgebiet ist logischerweise auch in der kalten Jahreszeit gut angebunden. Vom Wintersport haben wir nicht viel gesehen, vom Winter schon. An der Zielhaltestelle angekommen begrüßte uns ähnlich wie am Mitsutouge Schneelandschaft mit geschlossener Schneedecke. Zudem fing es an zu schneien. Schnee ist aber um weiten besser als Regen. Also ging es nach einem Abstecher in die Touristeninformation auf die Suche nach den Wanderwegen. Schilder wiesen uns den Weg. Dazwischen war Schätzen angesagt. Die Wege waren natürlich nicht beräumt. Man findet den Weg ganz gut, wenn man sich am Abstand der umliegenden Bäume orientiert. Was man nicht sieht sind kleine Bäche oder matschige Stellen... :)
Nachdem wir zu einem Wasserfall, verziert mit etlichen Eiszapfen und einem kleinen Teich inmitten des Stillen Winterwaldes gefunden hatten, wurden die Füße langsam kalt und die Wanderlaune lies nach. Wirkliche Winterkleidung hatte übrigens keiner von uns eingepackt. Sonst waren es ja eher 20°C und Sonnenschein. Zum Glück fand sich am Ende des Wanderpfades eine Heiße Quelle. So konnte ein wenig Wärme getankt werden und ein spätes Mittagessen war auch drin.
Das Wasser fällt. Also der flüssige Part
Still und starr liegt der See...

Fazit

In drei Wochen Rundreise konnten wir ein gutes Stück Japan erkunden. Sicher, wir haben Shikoku und alles was nördlich von Tokyo liegt ausgelassen, aber noch mehr in die gegebene Zeit hinein zu quetschen hätte den Urlaub mehr zur Hatz werden lassen, als eine entspannte Rundreise. So denke ich haben wir das beste daraus gemacht um Land, Leute und Kultur kennen zu lernen. Unser Transportmittel der Wahl war übrigens der Zug. Meine Besucher haben dank des sogenannten Japan-Railpass viele der Fahrten kostenfrei genießen können und mir hin und wieder ein paar der Fahrten vergolten. Danke dafür. :) Gewohnt haben wir durchgehend bei privaten Vermietern, die bei Air-BnB ihre Unterkünfte anbieten. Was die Umstellung beim Essen anging, haben meine Gäste sich wacker geschlagen. Hin und wieder wurde etwas Neues probiert und für ungenießbar befunden, aber verhugert ist keiner. Und immerhin wussten ja beide, dass nach spätestens drei Wochen daheim wieder Schnitzel und Rouladen auf sie warten...