Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei...

Irgendwie erschreckend, wie schnell so ein Jahr zu Ende gehen kann. Es fühlt sich so an als wäre es gerade gestern gewesen, dass ich in Tokyo angekommen bin und meine ersten Schritte in Richtung Einbürgerung unternommen habe. Vielleicht kommt der dejavue-Effekt auch daher, dass ich gerade jene Schritte wieder in umgekehrter Reihenfolge abgehe - oder es ist das schwüle Wetter...
All zu viele Schritte sind es zum Glück nicht. Abgemeldet werde ich von allein, wenn mein Visum ausläuft. (Was mir einen Termin auf dem Amt in Tokyo erspart.) Den Handyvertrag konnte ich (dank der Hilfe von Kaoru) telefonisch kündigen. Praktisch: Ich musste das nicht lange im Voraus tun. Im Gegenteil, die Kündigung kann erst in dem Monat erfolgen, in dem ich zu kündigen gedenke. Die Hotline war allerdings nichts für Japanisch-Anfänger. Erst sprach der Automat zu mir und wollte irgendwelche Eingaben, dann kam der japanischsprachige Support. Gut, dass ich meine persönliche Dolmetscherin für Fachjapanisch habe. Um mich zu legitimieren musste ich meine Adresse ansagen. Das ist auch toll, wenn man all die Kanji für Landkreis, Stadt, Stadtteil usw. zwar vor sich hat, deren Lesung aber nicht kennt. Aber das hab ich jetzt hinter mir.
Nun kann ich mich aufs Packen konzentrieren und zwar gleich in zweierlei Hinsicht. Koffer und Rucksack sind schon mit den Klamotten allein fast voll. So darf ich mir überlegen was ich von meinem angehäuften Krempel wirklich mit in die Heimat nehme und was hier bleibt. Zum Glück gibt es alternativ zum Reisegepäck noch die Post. Billig ist anders, aber ich bin ja selber Schuld, dass ich so sehr an materiellem Krempel hänge. :) Manches ändert sich eben nie.
Apropos ändern: In den nächsten Wochen höre ich garantiert öfter "Mensch, du hast dich ganz schön verändert" und da ist bestimmt auch was dran. Schließlich hinterlässt so ein Ausflug in eine fremde Kultur seine Spuren. Deswegen schmeiße ich hier mal eine kleine Zusammenfassung von Dingen rein, die hängengeblieben und mir aufgefallen sind.

Was lernen wir daraus?

Weniger ist mehr. In Japan ist fast alles kleiner. Das fängt bei den Abpackungsgrößen für Kekse an und reicht bis ins eigene Heim. Muss es wirklich immer eine 300g-Packung Gummibären sein oder tut es auch die Hälfte? Meisst kauf ich die größeren Packungen eh nur weil die günstiger sind. Hier in Japan wird man übrigens nicht derart belohnt. (Manchmal war mehr sogar teurer, auf den 100g-Basispreis bezogen...) - Was meine Unterkünfte anging, hatte ich zwar oft mein eigenes Zimmer. Purer Luxus! Trotzdem habe ich bisher auf größerem Fuss gelebt und somit eine Umstellung durchlaufen. Ich bin erstaunt wie klein eine Küche oder ein Bad sein kann und man bekommt es trotzdem hin was gescheites zu kochen - oder sich zu waschen (wenn auch manchmal nicht aufrecht stehend). - Zu guter letzt noch eine Feststellung: Ich wäre mit der Hälfte der Sachen die ich mitgenommen habe auch bestens ausgekommen. (Viele Reiseerfahrene haben mir das im Voraus auch schon prophezeiht.) - In Zukunft werde ich bei Entscheidungen über Notwendigkeit und Nutzen wohl einen anderen Blickwinkel ansetzen als vormals.

Baggerfahrn! Der Ausflug in neue oder für mich ganz fachfremde Tätigkeiten war eine tolle Sache. Ob das nun meine vier Wochen harte Arbeit als kettensägenschwingender Waldschrat waren oder die Englischstunden mit japanischen Kindern im Vorschulalter. Über den Tellerrand gucken und einfach mal was neues ausprobieren hat mir eine Menge Spaß gemacht. Ich weiss jetzt jedenfalls, dass ich mich auch abseits der Welt der bunten Drähte nicht zu doof anstelle.

Morgen wieder 30km laufen? Ja bitte! Ich war mir vor meiner Pilgerreise nicht sicher ob ich das wirklich durchstehe(n kann). Und tatsächlich war es nicht immer eitel Sonnenschein. (Also nicht nur wegen der Taifune.) Aber das schwierigste war es, den ersten Schritt zu tun. Die Sprachbarriere und die physische Herausforderung erschienen mir anfangs gewaltig. Was habe ich mich schwer getan bei meinem ersten Telefonat. :) Den Kopf hat mir keiner abgerissen und mein Zimmer war nach drei Minuten auch gebucht. Ein wenig Vertrauen in die eigenen Kenntnisse und Höflichkeit wirken Wunder. So erreicht man auch ohne perfekt zu sein, was man sich vorgenommen hat.
Nach dem ersten Schritt folgten zwar noch viele weitere, aber schneller als ich erwartet hatte, ging alles seinen gewohnten Gang und mit der nötigen Sturheit (die mir von Haus aus gegeben ist) schaffte ich es auch über die holprigen Etappen. - Im Nachhinein kann ich sagen: Hin und wieder eine Herausforderung macht das Leben interessanter. Nervös sein ist keine Schande und hinterher ist man wieder um ein paar Erfahrungen reicher. Durch Probleme die erst groß und unüberwindbar erscheinen beisst man sich am besten in Mundgerechten Happen durch und Jammern bringt keine Punkte. Wow, das klingt wie aus irgend so einem Selbsthilferatgeber. Ich hör besser auf und erinner mich lieber rechtzeitig an das was ich hier von mir gegeben habe, wenns das nächste mal irgendwo klemmt... :)

Es gibt ein Leben zu zweit. Dass ich bisher allein meinen Weg gegangen bin, mag nicht nur an der Damenwelt gelegen haben und ich werd mich hüten hier irgendwelche verallgemeinernden Behauptungen rauszuhauen. Aber ich bin noch immer erstaunt (und froh), dass es auch für mich als Topf einen Deckel gibt. Oder bin ich der Deckel und sie der Topf? - Wie auch immer. Während meiner Zeit hier war ich mehr als nur einmal frustriert, den Alltag allein bestreiten zu müssen. Weihnachten und Jahreswechsel waren nicht wirklich lustig allein und so bin ich mehr als nur froh, Anschluss gefunden zu haben. Das ganze beruht auf Gegenseitigkeit und nach fast einem halben Jahr gabs noch keinen Moment in dem das Verlangen wieder allein meinen Weg bestreiten zu wollen hochkam.
Es ist mir übrigens nach wie vor unerklärlich wie ich auf einmal banale Pflichten des Alltags nicht mehr nur aus bloßer Notwendigkeit tue, sondern sogar gern und manchmal für jemand anderes! Sie geht jeden Morgen auf Arbeit und ich hab kein Problem damit zur selben Zeit aufzustehen. Gemeinsam Frühstücken ist mir wichtiger als Schlaf. Während sie Geld verdient kümmere ich mich um den Haushalt. Wenn ich daran denke wie lange ich in der Vergangenheit manchmal gewartet hab, bis ich endlich den Müll raus geschafft habe... Wirklich komisch. Wahrscheinlich hat das hormonelle Gründe. Sollte ich jemals herausfinden wie man diesen Zustand künstlich hervorrufen kann, bin ich ein gemachter Mann. Nie wieder hätte ein Unternehmen Probleme mit unmotivierten Billiglöhnern. - Genug der dystopischen Zukuntsfantasien. Wie es beziehungstechnisch weitergeht wird sich zeigen. Details stelle ich keine ins Netz. Man kann mich ja bald wieder in persona dazu befragen, wenn es denn unbedingt sein muss. ;)
Eigentlich brauch ich es nicht zu erwähnen, aber der Abschied aus Japan ist vor allem wegen Kaoru kein leichter gewesen.

Was probier ich heute aus? Ich hab mir in der vielen freien Zeit so dies und das selbst angeeignet und einige Ideen warten im Hinterkopf nur darauf, dass ich wieder daheim bin und sie angehen kann.
Wie man dieser von mir gebastelten Seite ansieht, habe ich mich mit html(5) befasst und auch über CSS einiges gelernt. Auch wenn ich über den Grad in dem ich es hier nutze nicht hinausgegangen bin. Ich bin kein Webdesigner und werde wohl auch keiner mehr. Ansonsten sind auf der Computerbezogenen Schiene noch C++ und Blender zu vermelden. Ersteres habe ich endlich mal über den Kram, den ich von Basic und Assembler schon kannte hinaus erforscht. Allumfassend sind meine Kenntnisse noch nicht, aber man lernt stetig dazu. Blender ist eine Software zum Modellieren von 3D-Objekten. Wer weiss, vielleicht nutze ich das mal um einen 3D-Drucker mit Arbeit zu versorgen oder ich bastle mir ein eigenes 3D-Spiel...
Man hat es schon weiter oben lesen können. Bis zum Baumaschinenführerschein ist es nicht mehr weit (auch wenn ich den nicht wirklich brauche als Strippenzieher) und im Umgang mit der Kettensäge konnte ich mich auch üben. Holzbearbeitung wird weiterhin ein Gebiet bleiben, in dem ich meine Fertigkeiten vertiefen will. In Japan habe ich mich allerdings neben einem Schnitzmesser noch nicht weiter mit Werkzeug eingedeckt. So habe ich bisher nur die Erfahrung mitnehmen können, dass japanische Messer nicht nur in Holz prima Kerben hinterlassen...
Weit weniger gefährlich sind Nadeln. Zum Einsatz kamen welche für Leder und zum Häkeln. Ich konnte es nicht lassen wieder mit Leder zu arbeiten und habe mir, obwohl ich daheim schon auf eine Grundausstattung an Werkzeugen zurückgreifen kann, hier das wesentliche Werkzeug zum Nähen und Lochen besorgt. Angefangen hat das ganze damit, dass meine selbstgefertigte Handyhülle langsam zerfiel, weil das Garn anfing sich aufzulösen... Nun habe ich neben der neu vernähten Handyhülle noch eine Tasche für meine IC-Card (für die Bahn) und eine Aufwickelhilfe für verfitzungsfreudige Kopfhörer. - Gehäkelt wurde bisher nur zum Spaß, um verschiedene Knoten zu erlernen. Für Größere Projekte als ein Kleeblatt oder eine Rose hatte ich bisher noch nicht die Nerven. Ehrlich, so ein Pullover muss doch Jahre dauern!
Wie gesagt warten im Hinterkopf noch ein paar andere Ideen auf Umsetzung. Ich glaub in nächster Zeit wird mich keine Lange Weile plagen. Der Fernseher wird wohl weiter einstauben. Rumgammeln kann ich auch noch im Altersheim - sprichwörtlich. :/
Wer aufgepasst hat, wird bemerkt haben dass ich nicht übers Japanischlernen von mir gegeben habe. Ich bin nach wie vor dran und bei weitem nicht perfekt und irgendwie höre ich lieber zu als zu sprechen (was auch schon schwierig ist, wenn der Nachrichtensprecher in Normalgeschwindigkeit labert). Bei fachlichen Themen fehlen schnell Vokabeln und im Alltag findet man einfach zu viele unbekannte Schriftzeichen um drauf los lesen zu können. Das frustriert. Ich tröste mich mit der Erkenntnis, dass auch Japaner Jahre brauchen um alles zu verstehen...

Tja. Das sind die Aspekte, die mir direkt eingefallen sind. Herauszufinden was an mir sonst noch anders ist oder was sich nicht verändert hat, überlasse ich euch. Wenn ich alles hier schon verrate, wo bleibt da die Überraschung? Genug der Selbstbeweihräucherung.

Was war an Japan an so besonders?

Dass ich gerade nach Japan gegangen bin und nicht irgendwo anders hin, hat (man glaubt es kaum!) Gründe. Mir war es einerseits wichtig mal was anderes zu sehen und andererseits nicht jeden zweiten Tag irgendwas vom normalen Wahnsinn von daheim mitbekommen zu müssen. Wer sich nun angesprochen fühlt, sollte sich gedanken machen oder einfach verstehen, dass ich eher politischen Irrsinn und Co. meine. So fiel Europa aus und die ganze "westliche" Welt war nicht sonderlich vielversprechend. Irgendwas wo es mir leicher fällt all die "Neuigkeiten" um mich herum zu ignorieren musste her. Ein wenig Sprachbarriere ist da also angebracht. In ein Entwicklungsland oder eine Bananenrepublik musste es nun nicht unbedingt gehen. Außerdem mag ich kein tropisches Wetter...
So viele Wünsche auf einmal! Ich weiss, ich bin mäkelig. :P Ein paar Kompromisse mussten eingegangen werden (Ist das heute wieder schwül!), aber ich denke ich habe gefunden wonach ich gesucht habe. Hier also eine kleine Liste von Gründen für einen Besuch in Japan. Vorsicht! Die Auflistungen sind weder vollständig, noch frei von subjektiven Eindrücken.

Das Land des Lächelns Es Stimmt was man sagt. Überall wird man freundlich begrüßt und gerade in Läden platzt das Personal fast schon vor Euphorie, wenn man eintritt oder gar was kauft. Dabei wirkt das Personal nie penetrant. Man wird nicht wie in anderen Ländern in Läden hineingenötigt oder fast schon belästigt, wenn man einfach weiter geht. Man wahrt höflich die Distanz und respektiert Kundenentscheidungen. Was mir erst nach langem aufgefallen ist, als ich mal in einem "internationalen" Lokal gegessen habe: Man wird von Japanern in Ruhe gelassen, wenn man isst. In besagtem Lokal kam immer mal einer vorbei, der der Meinung war den essenden Gast fragen zu müssen ob "mit dem Essen alles in Ordnung ist". Gibt für mich nix schöneres als mit vollem Mund beschämt zu einer Geste der Zustimmung genötigt zu werden... :)
Mir ist klar, dass die Freundlichkeit des Personals nicht echt ist, sondern zum Geschäft gehört, aber trotzdem gibt das einfach ein gutes Gefühl. Was freue ich mich, wenn die Dame an der Kasse mir alle Waren abgepackt so hinstellt, dass ich nur noch durch den Henkel des Beutels zu greifen brauche und mir beim Wechselgeld erst die Scheine und dann den Kassenzettel mit dem Kleingeld darauf in die Hand drückt. Einer meiner Freunde meinte "Die fassen einen immer an. Ich will das nicht." Mit ein wenig Übung bekommt man sein Geld auch ohne dass sich die Hände Berühren. - Der Punkt ist der: Was stehe ich manchmal an der Kasse in DE und nachdem ich die Scheine von der Ladentheke genommen habe darf ich noch die hingeschmissenen Münzen zusammenkratzen, während die nächsten Kunden warten und die Mutti am Warenscanner nur genervt zuguckt... Oh und man soll hier nicht dem Irrglauben verfallen, dass eben gesagtes nur in einem Hochglanzgeschäft passiert, wo man den Service halt mitbezahlt. Das bekommt man hier überall - und Kassierer verdienen (also sie bekommen) auch bloß Mindestlohn. Was freue ich mich schon auf die Servicewüste daheim.

Gastfreundlichkeit Das mag jetzt klingen wie das Selbe noch mal, aber im nichtgewerblichen Umfeld wirds noch verrückter. Ich habe nicht unr während meiner Zeit als Pilgerer immer wieder Japaner getroffen, die wie selbstverständlich Dinge mit Fremden teilen oder aushelfen ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ob das nun der low-budget-Reisende war, der nicht nur per Anhalter mitgenommen wurde, sondern gleich noch einen Tausender als "Taschengeld" bekam als er an der Bahnstation abgeliefert wurde oder (wie mir es mir nicht nur einmal passiert ist) nach dem Mahl das Teilen der Rechnung vehement verweigert wurde. Viele Japaner verstehen genau das unter Gastfreundschaft. Sie nennen es "omotenashi". Der Gast steht an erster Stelle und sobald man versucht ihnen ebenfalls einen Gefallen zu tun, nehmen sie das nur zum Anlass noch weiter zu gehen.
Ich habe auf meiner Pilgerreise einen Japaner getroffen, der als Pensionär endlich Zeit hatte eine solche Reise zu unternehmen. Wir sind einige Tage gemeinam gelaufen. Hin und wieder haben wir uns zum Mittag den Luxus eines Restaurantbesuchs geleistet. Ich habe es kein einziges Mal geschafft zu zahlen! In Japan ist es üblich, dass eine Person für den gesamten Tisch zahlt. Beim Kassieren anzufangen alles in einzelne Beträge zu zerstückeln ist unüblich. So habe ich es neben dem obligatorischen Dankeschön auch auf anderen Wegen versucht mich erkenntlich zu zeigen. Hin und wieder wurden Snacks usw. auch angenommen. Aber wie gesagt, das macht es oftmals noch schlimmer. Ich stehe mit genanntem Herrn noch immer in Kontakt und er hatte mich schon während der Pilgerrunde eingeladen zu ihm nach Wakayama zu kommen. Gemeinsam würden wir auf dem Berg "Koyasan", dem Ort wo der Begründer des Shikoku-Pilgerpfades seine letzte Ruhestätte gefunden hat, die Pilgerreise abschließen. So bin ich seiner Einladung dieses Jahr endlich gefolgt und habe mitte Mai mit ihm einen Termin vereinbart. Er hat uns (Kaoru war mit) vom Bahnhof abgeholt, mit Snacks versorgt, eine Stunde auf den Berg hinauf gefahren, alles gezeigt und erklärt und dann noch ein teures Mittagsmahl ausgegeben. Am Ende der Tagestour gab es noch Souvenirs... und wieder keinerlei Möglichkeit sich erkenntlich zu zeigen außer sich jedes mal noch beschämter zu bedanken. Im Endeffekt haben wir ihm auf dem Postweg ein Päckchen mit Leckereien, nebst Dankesschreiben zukommen lassen. Dagegen konnte er sich nicht wehren.
Ich denke es kommt rüber wie verrückt es einem ergehen kann, wenn man mit japanischer Gastfreundschaft konfrontiert wird. Wie immer sollte man es weder erwarten, noch ausnutzen. Aber es ist gut, wenn man vorgewarnt ist. Bitteschön. :)

Ich stell das mal eben hier ab... Japan ist sowas von sicher. Wenn man hier was verliert, tragen es einem die Leute nach anstatt es einzustecken. Verlorengegangenes (vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln) findet immer seinen Weg in Fundbüros und die Leute sind so entspannt, dass sie freie Tische bei Starbucks mit ihrem Smartphone reservieren, während sie sich für eine Latte anstellen. Ich hab das auch mal ausprobiert (nicht mit dem Telefon) und es funktioniert. Also ich hab nicht nur meinen Eistee bekommen, sondern auch meinen geparkten Beutel wiedergefunden.
Wohnungen und Häuser werden oftmals nicht abgeschlossen (also wenn wer daheim ist - auch Nachts!) und auch sonst stehen dermaßen viele Garagen offen oder es gibt einfach kein Tor, dass ich schon fast glaube hier klaut keiner. Die Realität sieht natürlich anders aus, aber es hält sich im Vergleich zu den Gelegenheiten echt in Grenzen. Abgesehen davon sieht man eine Menge Polizei - auch auf dem Lande. Man hört hin und wieder, dass gutgläubige Japaner von kriminellen Subjekten aus dem Ausland abgezockt werden. Ein Nachteil des allgemein sicheren Umfeldes und der Gutgläubigkeit...
Man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher durch die Straßen schlendern ohne Angst haben zu müssen, dass einen gleich einer um seine Yen erleichtert oder gar nach dem Leben trachtet. Japan ist echt Anfängerfreundlich, was die eigene Sicherheit angeht. Hoffentlich bleibt das noch lange so. Übrigens sehen viele Japaner das Ausland als einen potentiell unsicheren Ort an und verreisen lieber im eigenen Land. :)

Verehrte Fahrgäste es fährt ein auf Gleis eins... Ich hab es früher nicht für möglich gehalten, aber es gibt öffentliche Verkehrsmittel die pünktlich sind! Man hört es ja immer wieder: Wenn der Zug in Japan mehr als ein paar Minuten Verspätung hat, ist eine öffentliche Entschuldigung fällig und während der Rushhour werden Entschuldigungskärtchen verteilt, die der verspätete Arbeitnehmer dann seinem Chef vorlegen kann, wenn er drei Minuten zu spät kommt.
Aber es hört nicht dabei auf. Hier funktioniert der Kundenservice noch. Man muss schon sehr weit raus fahren um einen Bahnhof zu finden, wo es kein Personal gibt. Die Sache mit den Tickets ist vielleicht nicht super einfach, wenn man das zum ersten mal macht, aber bei der Deutschen Bahn sucht man auch lange nach dem richtigen Knopf für die passende Fahrkarte. Dank der Ticketgates wird man im Zug nie genötigt nach den Ticket zu kramen und Schwarzfahren ist auch nicht möglich. Richtig einfach wird es, wenn man eine IC-Card sein eigen nennt. Wenn man ein wenig Englisch versteht, bekommt man die sogar als Tourist ganz einfach an ausgewählten Ticketautomaten. (Schwerer als ein Ticket zu kaufen ist das auch nicht.) Danach heisst es nur noch Guthaben Aufladen und mit einem "Piep" ist man am Bahnsteig. Kinderleicht. Mittlerweile ist das System fast im ganzen Land einheitlich. Oh, und sollte man mal falsch fahren, kann man immer ungestraft "umdrehen" und den richtigen Weg einschlagen. Man zahlt erst am Zielbahnhof (wenn man die Barrieren wieder durchschreitet) und es gibt sowas wie: "Sie sind eine Zone zu weit gefahren, bitte zahlen sie den Differenzbetrag." nicht. Wenn einem Bahnfahren so richtig viel Spaß macht, kann man eine der Ringbahnstrecken nutzen und den ganzen Tag im Kreis fahren. So lanfe man seine Rundreise nahe an der Startstation beendet, zahlt man nur eine Station. In der selben Station auschecken mag das System nicht.
Auch wenn es hier und da in DE vereinzelt schon Apps für Bus und Staßenbahn gibt, haben die deutschen Verkehrsbetriebe noch einen weiten Weg vor sich. Abgesehen davon funktioniert die Karte einfach immer. Da brauchts keinen vollen Akku, eine App oder NFC im Handy. Deren Verlust tut (vorausgesetzt man lädt nicht zu teuer auf) auch weniger weh.

Tut mir leid, wir schließen jetzt... Ladenschluss gibt es auch in Japan. Hin und wieder vergesse ich das allerdings, da zum Beispiel die Konbinis immer geöffnet haben und selbst die Supermärkte mit Ladenschluss, an die Pendler angepasst, gern bis 23 Uhr öffnen. Funfact: Einige Läden bewarben Öffnungszeiten "bis 25 Uhr"...
Für die meissten Geschäfte gibt es übrigens sowas wie einen "Sonntag" nicht. Geöffnet wird 7 Tage die Woche. Feiertage sind ebenfalls für viele kein Tabu. Schließlich ist an diesen Tagen eine Menge Geld zu machen. Wann sonst soll der dauerarbeitende Büroangestellte seine Yen unter die Leute bringen!?
Persönlich finde ich das echt praktisch und kann nicht verstehen, dass es in DE immer so ein Drama ist, wenn ein Laden am Sonntag öffnen will. Viele scheinen zu vergessen, dass man mit erweiterten Öffnungszeiten Arbeitsplätze schaffen kann. Schliesslich findet sich immer jemand, der das Geld braucht... Schlechte Arbeitsbedingungen sind übrigens nicht Fehler der Öffnungszeiten. Aber das ist ein anderes Thema.

Wars das schon? Ganz sicher gibts noch mehr aufzulisten. Aber das waren die Gründe für Japan die mir auf die Schnelle eingefallen sind.

Was ist nicht so toll in Japan?

Man mag es kaum glauben nach all den Lobliedern bisher, aber es gibt auch ein paar Dinge, die ich hier nicht so toll fand. Das Positive überwiegt allerdings.

Wann ist endlich Herbst? Ich bin nicht gerade ein Fan von heißem und vor allem schwülem Wetter. Hin und wieder habe ich das schon erwähnt. Japan hat da so eine Jahreszeit die mir deswegen nicht sonderlich zusagt. Es ist der Sommer. Man könnte glauben, dass der schon im März beginnt, ist es da oft schon über 20°C warm, aber das ist noch nicht problematisch. Grässlich wird es erst, wenn die Sonne (vor allem in den Städten) Richtung 30°C hochheizt und dann gelegentlicher Regen für die nötige Luftfeuchtigkeit sorgt. Zur Einstimmung bringt der Juni gleich beides. Der Regen bringt ein wenig Erfrischung, aber man sollte immer wissen wo es die nächsten Schirme zu kaufen gibt. So mancher Guss lässt einen glauben, dass es bald aufhören muss, aber weit gefehlt. Manchmal giest es den ganzen Tag wie aus Kannen. Da vergisst man den Schirm nicht gern.
Der Juli wird trockener und heisser. Das hält sich dann mehr oder weniger bis Ende September. Ich persönlich habe in dieser Zeit die Städte gemieden und bin im August sogar in den Norden geflüchtet. In Hokkaido lässt es sich bei 5° weniger besser aushalten. Wer aufs Land flüchtet sollte aufpassen. Orte mit Reisfeldern sind zugleich Zuchtanstalten für Moskitos. Sobald die Sonne untergeht, beginnt die Zeit des Klatschens.
Die Stadtjapaner bewegen sich an den besonders heissen Tagen übrigens von Klimaanlage zu Klimaanlage. Ob Bus, Bahn oder Geschäft. Alles ist recht. Man muss ja nichts kaufen... ;) Auch bei Sonne einen Schirm als Schutz aufzuspannen ist hier keine Schande. Viele Frauen verhüllen sich sogar in langärmeligen Klamotten und tragen eine Mütze mit einer langen Blende. Blässe entspricht dem Schönheitsideal.

Freizeit wird überbewertet Abgesehen von meiner Zeit als WWOOFer befand ich mich in Japan nie in einem Beschäftigungsverhältnis. Ein wenig bin ich auch froh darüber. Der klassische Büroangestellte darf hier nach seinem Arbeitstag von 9 - 18 Uhr noch mit dem Chef zum Feierabendbesäufnis (oft Freitags) und wenn er dann die letzte Bahn verpasst oder Pendeln eh zu lange dauert sieht er Familie oder seine Wohnung (viele bleiben single) eben heute mal nicht. Überstunden gehören zum guten Ton - natürlich unbezahlt und sowas wie "Abfeiern" kennt man vergessen. Der Jahresurlaub von einer Woche wird genommen, wenn der Chef es sagt und wer mehr nimmt als die Kollegen, macht sich nicht nur beim Chef unbeliebt. Ob einen die Kollegen wirklich hassen, weil sie "mehr arbeiten" müssen während man abwesend ist nicht gewiss. Aber eben aus jenem Grund findet sich der Japaner möglichst schnell wieder auf Arbeit ein und getraut sich nicht länger weg zu bleiben als andere.
Eine Krankenkasse gibt es. Man kann auch daheim bleiben, wenn man sich "nicht so fühlt", aber Geld darf man in der Zeit keines erwarten.
Zu guter letzt bleibt, von dem was ich so gehört habe, noch das "Powerharrassment" erwähnenswert. Der Abteilungsleiter bekommt Dampf von Chef und der gibt es beim erstbesten Angestellten weiter, der schief guckt. Nach den Erzählungen meiner Freundin wird auch gern mal die Schuld für selbst gemachte Fehler auf untergeordnete abgeschoben. Naürlich so, dass es alle mitbekommen. Na wenn das nicht motiviert...
Es ist nicht überall so. Aber oftmals besteht der Arbeitsalltag aus Leistungsdruck, dem Anspruch keine Fehler zu machen und einer mittelmäßigen Bezahlung. Gehört habe ich es von vielen: "Unsere Eltern haben Geld, aber heutzutage wird nur noch selten gut bezahlt." Ohne die Statistiken zu kennen würde ich mal behaupten, dass hier jeder Arbeit finden kann - aber ob dann eine auch reicht um gescheit leben zu können ist eine andere Frage. Die Leute, die 8 Stunden an der Baustellenausfahrt stehen und mit dem Leuchtstab winken oder die Regaleinräumer in den Supermärkten sehen manchmal auch so aus als reichte es nicht.

Wie, kein Schwarzbrot? Das ist jetzt ein seeeehr subjektiv betrachteter Absatz. Vorsicht also. Klar werde ich in einem Land am anderen Ende der Welt vieles nicht finden was es daheim gibt, aber ich will einfach mal ein paar Dinge auf den Tisch bringen, die den einen oder anderen vielleicht wundern.
Anfangs erwähntes Brot findet man (wenn überhaupt) nur in deutschen Bäckereien in Großstädten. Japaner lieben Backwaren, haben aber eine völlig andere Ansicht davon als der Deutsche. In Japan bekommt man Weissbrot und Baguettes in Hülle und Fülle. Auch Torten sind reich vertreten. Man darf bei letzteren nur nicht den Fehler machen auf das Preisschild zu schauen. Kleine Stücken für 500 Yen aufwärts. Danach wird es allerdings dünne. Körnerbrötchen, Laugenstangen und Co. sind Magelware.
Was mich am meissten gewundert hat: Es gibt keinen Quark. Japaner kennen sowas nicht! Ich denke das liegt an der schwachen Milchwirtschaft. Käse wird hier auch in Gold aufgewogen und man sollte außerhalb spezieller Geschäfte keine große Auswahl erwarten.
Bei Obst sieht es ähnlich aus. Wenn nicht gerade Saison ist, kostet der Apfel (also einer!) 400 Yen und mehr. Kirschen sind in 20er-Packs für über 1000 zu haben und eine ganze Melone kommt das doppelte. Das mag daran liegen dass die Anbaugebiete klein sind und viel importiert wird. Rgional bekommt man hin und wieder Früchte günstiger. Was zur Saison billig zu haben ist, sind Mandarinen.
Fleisch jeden Tag gewöhnt man sich in Japan gaaanz schnell ab. Hühnerbrust und Gehacktes sind mit 200 Yen für 100 Gramm erschwinglich. Je nach Qualität zahlt man bei Schweine- oder Rindfleisch für lächerlich kleine Abpakungen unter 100 Gramm das doppelte und mehr. Abpackungen wie daheim mit 4 Steaks oder Fleisch am Stück kann man vergessen. Meisst erhält man dünn geschnittene Scheiben rohen Fleisches, vergleichbar mit Räucherschinken.
Verhungern muss man in Japan allerdings nicht. Billig essen kann man in vielen Nudelküchen. Bento (kleine Fertigmenüs) bekommt man auch überall zu erschwinglichen Preisen. Diese basieren oft auf Fisch oder sind mit einer kleinen Portion frittiertem Huhn, einem Würstchen oder einer Bulette garniert. Im Ausland die regionale Küche zu genießen macht in meinen Augen sowieso mehr Sinn als überall nur "Schnitzel Wiener Art" essen zu wollen.

Meine Nachbarn schnarchen Japan ist das Land der dünnen Wände. Ich habe nicht nur einmal erlebt, dass ich den Tagesablauf meines Nachbarn miterleben durfte, ob ich nun wollte oder nicht. Viele Herbergen weisen ihre ausländischen Gäste auch auf die Hellhörigkeit der Unterkünfte hin, weil sie fürchten, dass Gäste aus dem Westen zu später Stunde ein Gespräch bei Zimmerlautstärke führen könnten...
Probleme mit dem Schlafen habe ich deswegen nie gehabt, aber es kann schon zur Belastung werden, wenn die Klimaanlage der Nachbarn nachts durchläuft und man vollgebrummt wird. Die Wände erinnern oft an Trockenbau. Wenn man klopft, klingt es hohl und aus den Steckdosen zieht immer frischer Wind. ;) Ich denke diese Leichtbauweise hat einerseits Kostengründe - wer will schon wertvollen Grund an dicke Mauern verschwenden, wenn die Quadratmeterpreise steigen? Andererseits würde sich eine Ziegel- oder Betonwand nur negativ auf die "Elastizität" des Gebäudes auswirken, wenn mal wieder alles wackelt.
Vergesst also nicht die Ohrenstöpsel und seid nachsichtig mit den Alltagsgeräuschen der Leute um euch. Man hört euch bestimmt auch fröhlich plätschern...

Ist der noch nicht fertig?

Ich stelle fest: Der Artikel ist jetzt schon sehr lang und Bilder gibts auch keine. Am Ende hat eh keiner die Muße alles zu lesen. Abschließend noch die Anmerkung: Japan ist mir in dem Jahr echt noch ein ganzes Stück mehr ans Herz gewachsen. Allerdings nicht soo sehr, dass ich für immer hier bleiben wöllte. Ich freue mich schon auf eine ordentliche Scheibe Schwarzbrot und natürlich auch auf das Wiedersehen mit Familie, Freunden - und sogar der Arbeit. ;) Oh und es warten schon rund 30000 Damen (und eine Königin) auf meine Rückkehr.

Für die Statistiker noch ein kurzer Abriss:
Ich habe 3 der 12 Monate als WWOOFer gearbeitet. Von Februar bis Ende Juni war ich in Osaka heimisch. Somit bin ich ca. ein Drittel meiner Zeit in Japan aktiv gereist.
Ich war auf allen vier der japanischen Hauptinseln und Okinawa.
Ich habe schätzungsweise 14T Euro auf den Kopf gehauen - und bereuhe es nicht. Der teuerste Part war die Pilgerreise.
Ich weiss, viel Statistik ist das nicht. Da kommt bestimmt noch mal was besseres. Bis bald, man sieht sich. :)